Peter Milger :Der Dreißigjährige Krieg

(4) Schneiße des Elends
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Die Truppen der Katholischen Liga verheeren ganze Landstriche in Österreich und Böhmen - Gewaltsame Gegenreformation in Ober- und Niederösterreich - Verfolgung und Enteignung der Protestantischen Adligen - Die Schlacht am Weißen Berg


Hauptquellen:

Drei Tagebücher aus dem ligistischen Lager von hochgelehrten Klerikern verfaßt, in Latein. Jerimias Drexel, Hofprediger Maximilians, und Pater Buslidius, sein Beichtvater - beide Tagebücher ließ der Herzog in seinem Geheimarchiv verschwinden. Für den offiziellen Bericht schrieb Maximilians Sekretär und Rat, Dr. Johann Mandel unterwegs mit. Der Text wurde vor dem Druck (in Deutsch) von Maximilian redigiert.
Tagebuch Pater Dexel
Das Tagebuch des Paters Drexel. Bayrisches Staatsarchiv
Die Tagebücher der Jesuiten wurden nur einmal für einen kleinen Kreis editiert: Abhandlungen der Historischen Klasse der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23, München, 1906. Sie blieben allgemein unbeachtet, warum auch immer.

Tagebuch aus dem böhmischen Lager: Christian von Anhalt, Regimentskommandeur und Sohn von Christian von Anhalt, dem Chefberater von Friedrich von der Pfalz. Er wurde gefangen, wodurch sein Tagebuch ebenfalls ins Archiv des Herzogs gelangte.
WEITERE HANDELNDE PERSONEN UND WORUM ES IHNEN GEHT
Christian von Anhalt Graf  Johann Tserclaes Tilly Johann Georg Kurfürst Sachsen
Links. Christian von Anhalt, Berater Friedrichs, Vater des Tagebuchschreibers Christian, General der Ständetruppen. Will eine eine „Achse" Den Haag - Heidelberg - Prag.

Rechts. Johann Georg, Protestant, Kurfürst von Sachsen. Möchte die Lausitz hinzugewinnen und die säkularisierten Güter behalten. Vor dem Kurfürsten knieen protestantische Bürger von Bautzen und übergeben ihm die Stadt.

Mitte. Graf Johann Tserclaes Tilly. Feldherr von Herzog Maximilian. Ist ebenfalls auf Land und Leute scharf.
KRIEG IST WO DIE ARMEE IST

Unterwegs in Bayern, weit entfernt vom "Feind", kommt es zu den ersten Kriegshandlungen, und zwar den typischen. Am 26. Juli 1620 schreibt Maximilian an seinen Feldherren Tilly, vom Regiment Rouville (kaiserlich) seien Gewalttaten verübt worden, und zwar gegen seine eigenen:

„ohnedies hochbedrängten Landesuntertanen."

Die Idee, der Krieg solle sich selbst ernähren, schreiben manche dem spanischen General Spinola zu, andere Mansfeld. Eine Innovation war das aber nicht. Bauern und Bürger kamen für Kosten und Schäden auf, seit die Potentaten ihre Zwecke mittels großer Söldnerheere durchzusetzen suchten. Aus der eigenen Tasche konnten und wollten sie die Truppe nicht finanzieren. Die Truppe brachte ihren Unterhalt vorrangig durch Kontributionen und Brandschatzungen (für die Offiziere) und Plündern (für die Gemeinen) auf. Gewaltanwendung im Gefecht war eine Nebentätigkeit der Berufskrieger. Hauptsächlich legten sie riesige Strecken zurück (von einem sind 23.000 Kilometer verbürgt), sahen zu, was zu holen war und warteten auf ihren Sold. Blieb er zu lange aus, machten sie sich davon. Sekretär Mandel, im offiziellen Bericht von Maximilian gestrichen:

„6. Juli. Es flohen 300 Reiter des Grafen von Lippe, schändlich zur Rebellion verführt. Das gleiche versuchte auch das Regiment Rouville."

Kaiser Ferdinand befand sich im habsburgischen Normalzustand: Er war nicht liquide. Die meisten kaiserlichen Regimenter waren mit spanischem Geld aufgestellt worden, aber für regelmäßige Zahlungen reichte es nicht. Der bayrische Herzog griff natürlich nur ungern in die eigene Kasse und die üblichen, also rabiaten Kontributionen konnte er nicht erheben, solange das Heer durch Bayern zog. So versuchte er mit den kostenneutralen Mitteln, die Verdünnung der Truppe zu verhindern: durch Androhung von Strafen.

NICHTS ZU PLÜNDERN IN BÖHMEN


Auch diese Mitteilung Mandels gab Maximilian nicht zum Druck frei:

„Am 7. Juli kam der erhabene Herr ins Lager, erklärte die Urheber zu Verrätern und befahl, einige aufzuhängen. Der Grund für den Aufstand war nach eigenen Angaben, dass sie nicht nach Böhmen gehen wollten, einen verwüsteten und aller Güter beraubten Ort."

Die Argumentation der Deserteure war durchaus schlüssig: In Bayern durften sie nicht plündern, im Feindesland gab nichts mehr zu plündern.

DER KRIEG IN BÖHMEN

In Böhmen ernährten sich seit mehr als einem Jahr auf der einen Seite rund 20.000 kaiserliche Söldner unter Buquoy vom Krieg, auf der böhmischen etwa ebenso viele unter Graf Mansfeld und Christian von Anhalt, des weiteren ungarische Söldnertrupps auf beiden Seiten. Selten entlohnt, machten sich die einen über die Besitztümer der kaisertreuen Städte und Adligen her, die anderen über die protestantischen. Daraus bestand im wesentlichen der Krieg.

EIN ADLIGER IM KRIEG

Was den Kommandeur Christian von Anhalt so bewegte:

„11. Juli: Die Parole heißt Emmerich. War im Quartier und habe die Löhnung an meine Soldaten bezahlt. Die Regimenter Mähren, Thurn und Hollach sind wegen ausbleibender Löhnung aufsässig. 12. Juli. Schreiben an Madame Großmutter von Bentheim und meinen Onkel Graf Adolf abgegangen. Habe Briefe von Madame und meiner Schwester Sybille erhalten. Ging zwei Mal zum Gottesdienst. 15. Juli. Der Graf Hollach reiste zum Regiment des Grafen Thurn, um die Meuterer zu besänftigen. 16. Juli. Erfahre, dass Leute von Graf Mansfeld ihn in seinem Haus in Prag angegriffen haben, weil sie auf der Stelle den ausstehenden Sold für drei Monate forderten. Er hat sich verteidigt, wobei fünf oder sechs getötet wurden."

An militärischen Aktivitäten meldet Christian für die erste Julihälfte nur ein Gefecht zwischen Ungarn und Kaiserlichen. Er geht täglich in die Kirche, schreibt und erhält mehrere Briefe. Dass ihm Unheil schwant, kann man nur der Eintragung vom 13. Juli entnehmen:

„Erfahre, dass die Union und die Liga sich geeinigt haben, sich gegenseitig im Reich nicht anzugreifen, auch nicht in der Pfalz."

Mit anderen Worten: Von der Union war kein Beistand zu erwarten.

HOFSTAAT UNTERWEGS

Der Bayernherzog hatte versucht, den Feldzug gut vorzubereiten. Durch Sondersteuern, auch beim Klerus erhoben, war seine Kriegskasse so gefüllt, dass er die eigenen Regimenter einigermaßen entlohnen konnte. Er ließ Krankenstationen vorbereiten und den Nachschub aus Bayern organisieren. Sogar seinen Hofstaat nahm er mit. Mandel, 17. Juli:

„ Zu dem großen Hofstaat ihrer Durchlaucht gehörten vier geborene Fürsten. Die höfische Begleitung war groß und hinderlich. Sie hatten viele Feldkutschen, Reisekutschen oder Frachtwagen. Der Karmeliter-Pater reiste in einer Sänfte mit Kristallfenstern."

HIMMLISCHER BEISTAND

Maximilian hatte sich beim Papst den Pater Dominicus de la Maria
ausgeborgt. Als Garant für Gottes Parteinahme zugunsten der Ligatruppe, weihte der Karmeliter Fahnen, verteilte Schnipsel seiner Kutte als Talisman und sprach den Kriegern Mut zu. Damit die Truppe beim Vormarsch nicht schlapp mache, ließ der Mönch sich vor ihr hertragen und präsentierte ihr Maria mit dem Kinde auf einem kleinen Ölbild.

AN DIE 20.000 TOTE

Es klappte nicht, weder mit der Disziplin noch mit der Versorgung, und niemand hielt erkennbar die Hand schützend über die Truppe. Der Armeechirurg Geiger in seinem Tagebuch:

„Allein von der bayrischen Armada bis in die 20.000 Menschen tot geblieben, der meiste Teil gestorben, teils wegen Mangel an Proviant, teils vor Ungemach, da man auf dem Marsch nach Prag bei Schnee und grimmiger Kälte auf dem freien Feld kampieren musste, wobei eine Menge der schönsten Pferde erfroren sind."

DER FELDZUG OFFENBART SEINE ZWECKE

Bei Braunau ging es über den Inn, ins protestantische Oberösterreich, "Land ob der Enns" genannt. Hier gab es mehr zu tun und weniger zu berücksichtigen, denn man war im Feindesland. Oberösterreich gehörte zwar Habsburg, aber die Leute dort gehorchten nicht. Die protestantischen Stände hatten ihren Landesherren politische, ökonomische und religiöse Freiheiten in jahrzehntelangem Ringen abgetrotzt. Mehrere Versuche der Habsburger, die Gegenreformation durchzuführen, waren gescheitert. Die Hauptwaffe der Stände war ihr Zustimmungsrecht bei Sondersteuern. Dieser Zustand war aus Habsburger Sicht völlig unerträglich. Ihr lupenreiner Absolutismus hielt allein den katholischen Untertanen für regierbar, alle anderen waren Rebellen. Zudem hatten sich protestantische Adlige kirchliche Güter angeeignet. Rechtlich war die Lage verzwickt. Einerseits konnten die Landesherren nach den Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens die Konfession ihrer Untertanen bestimmen. Anderseits hatten Ferdinands Vorgänger den Protestanten unter Druck diverse Rechte verbrieft. Jetzt aber hatten sich die Stände mit den böhmischen "Rebellen" verbündet und konnten somit selbst als solche behandelt werden. Trotzdem hatte Maximilian ein natürliches Interesse, das "Land ob der Enns" nicht durch allzu grobe Kontributionen und Plünderungen zu ruinieren. Land und Leute sollten ja nach der gelungenen Besetzung von Maximilian steuerlich abgeschöpft werden, zum Ausgleich für die vorgestreckten Kriegskosten.

ENDLÖSUNG

Maximilian schickte den protestantischen Ständen ein Ultimatum. Nach akribischer Aufzählung der von ihnen begangenen Rechtsverletzungen - gipfelnd in dem Bündnis mit den böhmischen "Rebellen" - wurden sie zur bedingungslosen Kapitulation aufgefordert. Die Stände hatten zwar Truppen angeheuert, befanden aber angesichts der riesigen Armada, dass militärischer Widerstand sinnlos wäre. Die Habsburger hatten als Landesherren bei früheren "rebellischen" Akten nach entsprechendem monitärem Entgegenkommen durchaus Milde walten lassen. Die protestantischen Stände ahnten nicht, dass es diesmal um mehr ging: Ihre völlige Zerschlagung.

GNADE UND UNGNADE

Einige, die sich doch zur Wehr setzen, lernen den neuen Stil kennen. Maximilians Hofprediger P. Jeremias Drexel, 28. Juli:

„Am selben Tag bestürmten unsere Soldaten im Land ob der Enns sechs Stunden lang die Burg Aistersheim. Endlich, nachdem etwa 50 unserer wallonischen Soldaten zusammen mit dem ausgezeichneten Herzog Montoi gefallen waren, ergaben sich die Bauern und Soldaten, die die Burg verteidigt hatten, >auf Gnade und Ungnade< unserem erhabenen Herrn."

Sekretär Mandel am 28. Juli, gestrichen von Maximilian:

„Die Unsrigen aber beraubten ungeachtet des Verbotes der militärischen Anführer die Burg und holten wertvolle Güter weg."

Die Beute erschwert den Vormarsch. Drexel, 30. Juli:

„Das Gepäck behinderte die Reise beim Hofstaat wie bei den Soldaten. Ein belgisches Regiment brauchte 800 Pferde zum Transport."

GUTE WERKE

Nach dem Sieg der Militärs gibt es Arbeit für die mitreisenden Kleriker. Drexel:

„In der Burg Aistersheim wurden 16 Soldaten, darunter auch der Aufwiegler der Bauern, von unseren Patres als Häretiker überführt und an zwei Bäumen aufgehängt. Ein Aufwiegler blieb unbelehrbar: Er wollte lieber in tausend Stücke zerteilt werden, als anders denken. Sie stellten die Häretiker und sechs Katholiken am Block gefesselt zur Schau, und alle gestanden unter Tränen ihre Delikte."

VERBRANNTE ERDE


Die von Maximilian gewünschte schonende Aneignung scheitert an der vorhersehbaren Eigendynamik. Drexel:

„28. Juli. Die Burg ist völlig ausgeraubt, man findet gewiss nichts mehr außer Mauern, so haben die Wallonen, grausamer als Türken, in ihr gewütet. 29. Juli. Es war ein angenehmer Weg von Ried nach Haag unter heiterem Himmel, nur an einigen Stellen sehr schlecht. Hier und da waren noch brennende Dörfer zu sehen, und alles stank. Am Weg sah man die Kadaver des abgeschlachteten Viehs. Keiner der Bauern war dort zu erblicken, man sagte, die Taugenichtse hätten sich in den Wäldern verborgen. Nur einer wurde auf einem Baum erwischt. Das Vieh galt als Soldatenbeute und wurde zurück nach Ried getrieben. Die Bewohner der Stadt Haag waren alle geflohen, so begrüßten uns nur die eingeschlagenen Fenster, als wir im Wagen vorbeifuhren. Die Burg von Haag stand leer. Ich habe hinter einem Ofen auf dem Boden geschlafen, auf einem ausgebreiteten Mantel, zwei schliefen in einer engen Kiste, gar schmal aufeinander."

ERZÜRNTE DURCHLAUCHT

P. Buslidius, der Beichtvater, am 30.Juli:

„Wir blieben in Haag. Beim Essen sahen wir, dass ringsum zahlreiche Felder brannten, die einige vom Sulzschen Regiment trotz des Verbots angezündet hatten. Die Täter wurden im Lager verhaftet, aber die Hauptleute weigerten sich zu sagen, wer für sie verantwortlich war. Erzürnt befahl Ihre Fürstliche Durchlaucht, einen von ihnen aufzuhängen. Wen, sollten sie beim Würfelspiel unter sich ausmachen. Da entschieden sie sich, die ganze Schuld auf den zu schieben, der für die Aufstellung der Wachen zuständig war. Soweit ich weiß, ist aber niemand aufgehängt worden, den Grund kenne ich nicht."

Der Grund liegt auf der Hand. Die Exekution hätte unter den höheren Chargen erhebliche Unruhe ausgelöst. Die Herren Offiziere hatten Verständnis für ihre plündernden Soldaten, was den Kriegsherren so bewegte, scherte sie nicht sonderlich. So musste Maximilian mit ansehen, wie sich sein Heerwurm durch das "Land ob der Enns" fraß und die ihm als Pfand überlassenen Steuerzahler ruinierte. Einige einfache Soldaten ließ er dann doch aufhängen, aber offensichtlich nutzte es nichts.

STRATEGIE UND GEWOHNHEIT

Der Beichtvater und der Hofprediger schrieben für sich, vielleicht auch für ihren Dienstherren. Sie konnten Untaten verschweigen. Sie zu erfinden, wäre sinnlos gewesen und eher gefährlich. Wir können also annehmen, dass zumindest einige Truppenteile die Gegend tatsächlich „verwüsteten". Die Soldateska handelte offenbar habituell. P. Buslidius:

„31. Juli. Nach dem Essen in Haag zogen wir nach Grieskirchen. Auf dem Weg sahen wir wieder einige verbrannte und brennende Felder. Am Wegrand lagen unglaublich viele von den Soldaten getötete Pferde, Kühe, Kälber, sowie Schweine, und stanken. Daneben geringwertige Beute, die die Soldaten weggeworfen hatten. In Grieskirchen konnten wir aus dem Fenster unseres Gasthauses sehen, wie den Bauern geraubtes Vieh in die Hürden geführt wurde. Grieskirchen war eine völlig lutherische Stadt."

MITGEFÜHL

Maximilian zeigt Emotionen, aber es ist das eigene Missgeschick, das ihn berührt. Was nutzte die Herrschaft in einem Land, in dem auf absehbare Zeit keine Steuern zu erheben waren? Drexel:

„30.Juli. Um die Essenszeit waren überall brennende Dörfer und Bauernhäuser zu sehen und der Rauch zog weithin umher. Gegen Abend kam der erhabene Fürst zu mir. Er war wegen der Brandstifter erzürnt und erklärte wortreich, wie oft er ernstlich verboten habe, dass Häuser und Dörfer niedergebrannt würden. Wir nämlich, sagte er, nehmen uns nicht das Recht, das Kammergut des Kaisers so zu behandeln."

Dann berichtet Drexel ähnlich wie Buslidius von der Vergatterung der Anführer und zitiert Maximilian wörtlich:

„Sorgt für die Zucht eurer Soldaten, einer von euch wird hängen."

Aber gehenkt werden nur die kleinen. Drexel:

„Unterwegs sahen wir zwei gehenkte Brandstifter, andere waren an Stangen gebunden. Sie wurden aber nach allgemeinem Fürbitten freigelassen."

WIE MÄNNER GESCHICHTE MACHEN

Sekretär Mandel hat nicht weggesehen.

„Auf einige Meilen wurden alle Dörfer und Häuser niedergebrannt oder ausgeplündert und alle Kühe, Pferde und die übrigen Tiere weggetrieben. Die Bauern und Einwohner verstreuten sich und flohen, und es gibt niemanden mehr, der die Ernte einbringen könnte. Die Bauern verbargen sich hier und da in den Wäldern."

Maximilian strich auch diese Passage. Sie passte nicht ins Bild einer Expedition zur Wiederherstellung von Recht, Ordnung und wahrem Glauben. So griff der Herzog zwar in die Geschichtsschreibung ein, sein Einfluss auf die realen Abläufe war dagegen eher mäßig, ihre Drohgebärde blieb wirkungslos. Die Heere, die sich die Fürsten zur Durchsetzung ihrer Staatsräson zulegten, anheuerten und lizenzierten, entwickelten ihre Eigengesetzlichkeit. Sie wurden zum Staat im Staate.

DIE SORGEN DER STÄNDE

In Grieskirchen wollen Abgeordnete der Stände mit Maximilian verhandeln. Sie sind bereit auf Gegenwehr zu verzichten, fordern aber den Erhalt ihrer Privilegien und Freiheiten. Um alles beim Alten zu lassen, ist Maximilian jedoch nicht hier. In Linz, so bedeutet er den Abgeordneten, werde er ihnen seine Entscheidung mitteilen.

DIE SORGEN IM BÖHMISCHEN LAGER

Die Truppen des „Rebellen" Friedrich liegen in ihren Quartieren weiter östlich im ebenfalls verbündeten Niederösterreich, rund 50 Kilometer vor Wien und liefern sich Gefechte mit Kaiserlichen. Christian von Anhalt notiert am 30. Juli in Eggenburg:

„Unsere Lage ist gefährlich. Wenn wir uns nach Böhmen zurückziehen, droht der Verlust von Österreich und Mähren. Die Truppen dieser Länder werden nicht mit uns ziehen, andere meutern. Und Böhmen würde ruiniert. Dadurch könnte Bethlen Gabor bewegt werden, Frieden (mit dem Kaiser) zu schließen. Nur Gott kann helfen."

GEWINNE UND VERLUSTE

Offenbar in Verkennung der militärischen Lage macht sich Friedrich zum Herren Niederösterreichs. Christian am 2. August:

„Die Stände dieses Landes versammelten sich in Retz und empfingen den König von Böhmen und erkannten ihn als ihren Herren und Protektor an."

Aber Christians Freude ist nicht ungetrübt:

„7. August. Oberösterreich hat sich der Gewalt und der Furcht gebeugt und sich in die Hände des Herzogs von Bayern übergeben. Das ist ein bemerkenswerter Verlust."

Ansonsten meldet Christian akkurat durchreisende Nobilitäten, Briefwechsel mit ebensolchen, mit wem er Karten spielt oder diniert, Soldforderungen und Zahlungen, gelegentliche Gefechte und gegenseitige Eroberungen von Städten. Das Kriegselend lässt ihn offenbar kalt.

EIGENTLICHER FRONTVERLAUF

Drexel beobachtet den Vormarsch des Ligaheeres am 31. Juli:

„ Der Weg war überall mit Viehkadavern übersät, Pferde, Hühner, Katzen, Schweine, Kälber, eine Menge Gedärm lagen hier und da herum, doch auch Helme, Stückchen vom Harnisch, Spieße und es gab wieder viele Ruinen verbrannter Dörfer, die noch rauchten. Alle Dörfer waren leer, und nicht ein einziger Bauer dort zu sehen."

Die Söldner wüteten nicht aus reiner Lust am Zerstören. Mehrfach versuchten Bauern das über sie kommende Unheil aufzuhalten, indem sie die Straßen mit Bäumen blockierten. Trafen sie vereinzelte Soldaten an, in der Regel beim Plündern, machten sie kurzen Prozess mit ihnen. Die erbitterten Kameraden ergriffen nun ihrerseits zu abschreckenden Maßnahmen, kaiserliches Kammergut hin oder her. Neben einer schwer einschätzbaren Befriedigung beim Zündeln und Massakrieren gab es also auch ein rationales Motiv: Den Feind, hier die Bauern, zur Räson zu bringen. Die Soldaten übernahmen das Schema der Herrschenden und niemand kam auf die Idee, es einer "christlichen" Bewertung zu unterziehen, also etwa zu fragen, wie es mit der Barmherzigkeit stünde.

DAS ANTLITZ DES UNHEILS


Unser Hofprediger ist über die Schrecken des Krieges immerhin erstaunt:

„1. August. Am Weg sah man wieder brennende Dörfer, Kadaver von Vieh und Menschen. Doch dieses sonderbare Schauspiel: Frauen ritten überall wie Männer mit gespreizten Schenkeln, sogar vor dem Fürsten. Auf diesen Reisen erschien der Krieg tatsächlich als Antlitz allen Unheils, hier wurde geraubt, da war Beute, hier wurde gestorben, dort lag ein Toter. Ein Witz, dass plötzlich die seidene Decke vom Pferd des Fürsten selbst weggezogen wurde, als der Stallmeister nur kurz die Augen abwandte."

AHNUNGSLOS

Die Stadt Wels ist trotz mehrfacher Anläufe zur Gegenreformation noch immer protestantisch. Jetzt wird es ernst. Drexel, 1. August:

„Am Abend überreichte vor den Toren von Wels der ganze Rat die Schlüssel der Stadt unserem Fürsten und wunderte sich, dass dieser sie behielt. Die österreichischen Herren hatten sie auch öfter gefordert, aber gleich wieder zurückgegeben."

Der Feldzug hat in sofern etwas mit Religion zu tun, als täglich Gottesdienste abgehalten werden. Drexel:

„Beim Gottesdienst ertönten die Handtrommeln und Tuben. Dann folgte das Chorgebet, an dem unser Fürst teilnahm."

HEIMZAHLUNG

Nun werden die Rädelsführer verhört und die Untaten der "Rebellen" festgestellt. Drexel:

„Die Aufwiegler der rebellischen Bauern sagen, die Umstände hätten es geboten, sich tapfer zu verteidigen, denn aus Böhmen sei Hilfe genaht. So sammelten sich an die 9.000 Bauern an verschiedenen Orten. Viele der Unsrigen, vor allem Umherstreifende und Einzelne, wurden erschlagen, zwei Männern bei lebendigem Leib das Herz herausgerissen, anderen die abgetrennten Genitalien in den Mund gesteckt, Ohren und Nasen abgeschnitten. Doch die Unglücklichen bezahlten dafür. Dörfer, Felder, und eine Stadt wurden gänzlich verbrannt."

Und plötzlich erfasst den Pater Drexel ein Glücksgefühl:

„Wunderbarerweise gestattete Gott, das ganze so viele Jahre rebellische Land in Ordnung zu bringen durch diese kriegerische Niederlage."

30jähriger Krieg - Elend Ulrich Franck.
Häuser niedergebrannt
IN ORDNUNG GEBRACHT

Pater Buslidius am 1. August:

„Wir stießen auf einen von Soldaten getöteten Bauern. Es waren keine weiteren Brände zu sehen, doch alle Häuser wurden geplündert. Waffen oder leinerne Tücher, Pferde, Kühe, Schafe und unzählige andere Dinge wurden weggeführt. Gewiss sind Werte von 18.000 Gulden von einem Ort geraubt worden, zum Teil in Vieh, zum Teil in anderen Dingen."

Nach der spontanen Umverteilung folgt die planmäßige. Anfang August kann Maximilian mit Gefolge in Linz einrücken und reinen Tisch machen. Mandel:

„Die Stände haben sich am 20. August untertänigst eingestellt und nach erfolgter Antwort auf ihren eingelegten Protest haben anfangs die Prälaten, dann die Herren Ritter vom Adel und zuletzt die Städte die Huldigung geleistet. Dann ist ihnen Herr Adam von Herberstorf, Obrist über 500 Pferde, zum Statthalter vorgesetzt worden."

Nach der Verhaftung oder Flucht der "Rädelsführer" wird die Eigentumsfrage in Angriff genommen. Säkularisiertes Kirchengut geht an die Altbesitzer, die Güter und Schlösser protestantischer Adliger greift sich Kaiser Ferdinand, der auch die Verteilung der Beute übernimmt. Schloss und Gut Tolet etwa fallen Herzog Maximilian zu, der es später für 30.000 Gulden verkaufte. Die bayrischen Besatzer und Steuereintreiber trieben es dann so schlimm, dass die Bauern nach sechs Jahren nicht mehr anders konnten, als zu den Waffen zu greifen.

BÖHMEN IN GEFAHR

Friedrich und seine Berater beginnen, die Bedrohung ernst zu nehmen. Christian in Eggenburg am 9. August 1620:

„Predigt besucht. Die Ungarn haben 50 Männer getötet. Nachrichten: Die Grafen de la Tour und Mansfeld ziehen sich mit ihren Truppen zurück, um sich in sicheren Stellungen gegen die Streitkräfte der Bayern zu verteidigen, die in Böhmen einmarschieren."

Am 15. August hat Christian gemischte Nachrichten:

„Der Feind hat eine beträchtliche Zahl unserer Fouragiere und Soldaten niedergehauen. Der Zwist zwischen unsren Ungarn und Flamen nimmt zu. Sie bestehlen und töten sich gegenseitig. Erfahre, dass die Ungarn in Bayern eingefallen sind und dort gute Beute machten durch Rauben und Plündern."

GLAUBENSKRIEGER

Angenehmes hat Pater Drexel am 15. August über ein Gespräch mit einem Truppenführer zu melden:

„Gestern kam der Herzog von Dampierre an und besuchte unser Kollegium. Er ist ein humanistisch höchst gebildeter Mann, der sich mit mir auf das angenehmste unterhielt. Unter anderem sagte er: >Bei Gott, ich werde noch ein Dutzend Prediger hängen lassen.<"

Das Statement könnte auf ein frommes Motiv des Kriegsmanns hinweisen. Die Folgerung, es habe sich doch um einen Glaubenskrieg gehandelt, besagt aber mehr über den Glauben, als den Charakter des Krieges. Den hat Maximilian wohl selbst erkannt, denn er strich die folgende Eintragung Mandels.

„16. August. Der ehrwürdige Herr hatte Pater Dominicus vom Karmeliterorden aus Rom berufen, dass er ihn im Krieg begleite. Der heiligmässige Mann segnete gegen Abend nach einer Predigt in italienischer Sprache ein Gewand dieses Ordens, das unter die Laien verteilt werden sollte. Dann schritt der ehrwürdige Herr seinen Höflingen und drei Fürsten voran, und sie alle empfingen ihre Streifen des Ordenskleides voller Ehrfurcht und Demut."

DER LOHN DER SOLDATEN

Drexel sieht das Leiden der Soldaten mit Anteilnahme. Die mangelnde Wirkung des erteilten Segens irritiert ihn offenbar nicht.

„21. August. Der Zustand der Kranken war beklagenswert, wie ich gesehen habe. In Linz sind es nun 1500. Das Bettstroh ist mit Mist gefüllt und Läusen, die ihre Beine anfressen. Viele liegen auf dem blanken Holz. Manche haben drei oder vier Tage nichts zu essen bekommen. Täglich werden zwei oder drei Tote gefunden, die schon verwesen. Das Unglück der Kranken in diesen Ställen ist unvorstellbar."

DER LOHN DER KRIEGSUNTERNEHMER

Das Ligaheer erreicht den böhmischen Kriegsschauplatz. P. Buslidius:

„27. August. Nach dem Essen zogen wir nach Freistadt und übernachteten in Unter Haid, das dem Buquoy von Kaiser gegeben wurde. Es wurde oft beraubt und verwüstet."

Besonders bemerkenswert erscheint den Berichterstattern der Vermögenstransfer. Drexel:

„27. August. Wir kamen nach Unter Haid, einer katholischen Stadt, die unter anderen dem Herrn Buquoy von Kaiser gegeben war. Die ganze Schenkung an den Herrn Grafen soll einen Wert von 5 Millionen haben, denn nun hat er Einkünfte von 60.000 Talern."

Der offizielle Chronist Mandel, von Maximilian gestrichen:

„27. August. An jenem Tage gelangten wir in das Dorf Unter Haid. Es wurde dem rebellischen Baron von Schwanberg entzogen und dem Grafen von Buquoy zu Recht gegeben, wegen seiner Verdienste um seine kaiserliche Majestät und als hervorragender Militär."

SEITE GEWECHSELT


Die oberösterreichischen Protestanten haben ihre Soldateska nicht gegen die Bayern antreten lassen. Auch in richtiger Einschätzung der Kampfbereitschaft der Truppe. Drexel erfährt:

„Die Soldaten der Stände in Österreich erhielten 16 Monate keinen Sold. Unser ehrwürdiger Herr nahm sie auf und zahlte ihnen nach der Eidesleistung einen Monatssold aus der eigenen Kasse."

Die ausstehenden 15 Monatsgehälter müssen die Stände abstottern. Jetzt kramen sie in ihren Schatullen, damit ihr neuer Herr gestärkt gegen ihre Glaubensgenossen vorrücken kann. Am gleichen Tag registriert Drexel, dass spanische Truppen im Westen dabei sind, die Eigentumsverhältnisse richtig zustellen.

„Heute wurde erzählt, der Markgraf Spinola habe schon den Rhein mit 30.000 Soldaten überschritten, darunter 4.000 Reiter. In diesem Heer gibt es 24 größere fahrbare Geschütze, und 200 von Pferden gezogene Mühlen und 300 Backöfen."

Die "Meuterer", die sich geweigert hatten, nach Böhmen zu ziehen, weil dort nichts mehr zu holen sei, hatten richtig gelegen. Pater Drexel:

„28. August. Unter Haid. P. Domenicus feierte die Messe mit dem erhabenen Herren in der Kirche. Dann zogen wir weiter nach Kaplitz, das elendig verwüstet und zehn Mal geplündert worden war."

SCHWENK NACH WESTEN

Das Ligaheer war von Linz nach Norden in Richtung Prag marschiert. In Kaplice biegt Maximilian nach Niederösterreich im Westen ab. Dort stehen in etwa 100 Kilometer Entfernung bei Eggenburg große Teile des böhmischen Heeres und bedrohen nach wie vor Wien, von einigen kaiserlichen Regimentern in Schach gehalten. Unterwegs kann der Herzog auch die niederösterreichischen "Rebellen" von den Nachteilen ihres „Ungehorsams" überzeugen. Soweit sie es noch nicht sind.

HÜBSCHE SPUREN

Drexel geht langsam ironisch auf Distanz.

„Auf dem Weg von Kaplitz nach Strowitz hat der Krieg hübsche Spuren hinterlassen. Die Äcker sind verlassen, die Teiche ausgetrocknet. Hier haben wir wieder einen toten Bauern am Weg begraben. 30. August. Von Strowiz kamen wir morgens nach dem Frühstück in zwei Meilen nach Weitra, ein Städtchen Niederösterreichs. Es gab viele Tote am Weg, um die wir uns nicht kümmerten. Es herrscht tödliche Ruhr. Täglich werden 30 oder 40 Leute begraben."

Die mitreisenden Kleriker schlafen schlecht. Drexel:

„29. August. Wir blieben in der niederösterreichischen Stadt Weitra. Wir mussten zu acht dicht gedrängt im Stroh schlafen und wurden alle von Ungeziefer schier aufgefressen. Vor den Türen lagen viele Bauernfamilien und ihre Kinder, die uns mit ihrem Jammern gar nicht schlafen ließen."

STERBEN UND WERDEN

Drexel, 1. und 2. September:

„Wir kamen nach anderthalb Meilen in Reih und Glied zur Burg Schinkenhofen. Mauern und Dächer waren noch intakt, aber alles übrige war verwüstet. Aber wir konnten nicht weiter nach Zwetl, weil auch dort das Sterben wütete. Heute habe ich zwei Kinder von Soldaten getauft. Allerhand Elend und Mühsal werden mehr und mehr offensichtlich. Ein Bote berichtete, einige Tausend feindliche Ungarn schwärmten in der Nähe und töteten alle Kaiserlichen, die sie ergreifen konnten. Ich wurde zu den Kranken geschickt und habe acht kranken Wagenlenkern und Bauern die Beichte abgenommen; sie lagen unglückselig auf Wagen am Weg, am ganzen Körper gebrochen."

RECHTSSTANDPUNKTE

Am 2. September 1620 empfängt Maximilian Post aus Prag: Die Stände lehnen es erneut ab, Land und Krone herauszurücken und bestehen auf ihrem Recht der Königswahl. Außerdem führen sie zu Friedrichs und ihrer Verteidigung an:

„Ihre Kurfürstliche Gnaden und dero Königreich hat es ganz und gar nicht mit einem römischen Kaiser, sondern bloß mit dem Haus Österreich zu tun."

Tatsächlich wollten die Stände und Friedrich ja nicht vom Reich abfallen, sondern nur vom Haus Österreich. Ferdinand beanspruchte das Königreich Böhmen für sich als Erzherzog und ergriff als Kaiser Partei für sich selbst. Maximilian ist von diesen Argumenten nicht beeindruckt, seine Regimenter werden die Rechtslage auf ihre Weise klären.

EIN HERZOG ZU FUSS?

Drexel am 3. September über den Mangel bei den unteren Rängen:

„Die Beschwerden und Klagen häufen sich. Nirgends gibt es das Notwendigste, kein Bier, kein Brot außer zum dreifachen Preis, keine Kleidung, kein Schuhwerk für den Winter, nichts Eßbares, weder Brühe noch Bissen von ausgelaugtem Fleisch, weil es keinen Sudelkoch unter ihnen gibt."

Maximilian drängt die Militärs zu schnellem Vormarsch, droht sogar, höchstselbst zu Fuß voranzuschreiten. Der Herzog, der ja einen Koch dabei hatte, belässt es bei seiner Drohung. Er wäre wahrscheinlich seiner darbenden Truppe davongeeilt und allein in Prag angekommen.

KRIEGSALLTAG BEIDERSEITS

In Niederösterreich liegen sich kaiserliche und ständische Truppen gegenüber. 3. September, Christian:

„Die Ungarn stürmten ein Schloss, einige unserer Musketiere wollten den Verteidigern Quartier geben, aber die Ungarn wollten nicht und töteten 50 Personen und verschonten kein Geschlecht. Sie töteten sogar unsere Soldaten, die Beute gemacht hatten. 4. September. In Eggenburg zurück gingen wir alle zur Predigt. 5. September. Wir wissen immer noch nicht, wo der Feind ist. 6. September. Gestern trafen die Ungarn zwei Meilen vor Wien auf mehr als 200 Polen und schlugen sie und töteten fast alle."

Drexel, im bayrischen Lager:

„5. September. Heute hat der erhabene Herr zwei heilige Messen in der Burg gehört. Die Soldaten klagen und beschweren sich: >Wir haben nichts zu essen und zu trinken, das Geld ist verspielt>. Ein Musketier verlor in einer Spielrunde 150 Gulden und gewann am nächsten Tag 100. Es ist ganz normal im Heer, alle Taler, und Dukaten auf einen Wurf zu setzen, auch für die gemeinen Soldaten. Schrecklich Flüche und Schwüre sind im Heer zu hören, wie hunderttausend Stern Sakrament. 6. September. So haben wir schon sechs Kinder getauft, nur aus einem Regiment. Das ist kein Wunder: In ihr sind allein 70 Frauen oder Ehefrauen. 7. Dezember. Wir zogen endlich los und alle waren froh, denn nach sieben Tagen im Hungerland waren die Soldaten schon sehr geschwächt. Vor unseren Fenstern lagen drei Unbeerdigte, und der Garten war schon zum Friedhof geworden. Wir kamen nach Oberndorf, das von den Bewohnern verlassen war. Wir schliefen in einem stinkenden Hüttchen im Stroh, in dem gerade ein Mann gestorben war. In seiner Frau war noch Leben, wenn auch sehr wenig. Die Gegend war ganz erschöpft nach all den Beerdigungen, was die Soldaten aber nicht sonderlich berührte."

AUFHÄNGEN IST GUT GEGEN GICHT

Pater Drexel notiert am nächsten Tag:

„Die benachbarte Burg Wildberg wagte es, Widerstand zu leisten. Der Herr, Baron Bucheim, hatte Gicht und ließ sich zur Verhandlung heraustragen. Er sagte, er habe bisher keine Partei ergriffen, und wenn der Herzog ihn doch angreife, wolle er sich wehren. Eine weitere Botschaft an den Schmäher besagte: wenn er sich nicht dem Kaiser ergebe, so werde man ihn bei den Füßen aufhängen, denn das sei ein feines Heilmittel gegen die Gicht."

Nach kurzer Gegenwehr beugte sich der Baron diesen Argumenten.

DAS WUNDERSCHÖNE ANTLITZ DES KRIEGES

Drexels Ton wird bitterer:

„10. September. Viele Bauernfamilien hatten sich in allen möglichen Schlupfwinkeln versteckt. Ich wage zu sagen, dass ich in meinem Leben niemals bleichere Gesichter gesehen habe. Durch Hunger und Trauer waren die Bauern und anderes Volk hier und anderswo elend und ausgezehrt. Überall sahen wir Gräber und Kadaver. Der Krieg ist das wunderschöne Antlitz aller Bedrängnisse und Mühsal."

Mandel meldet vornehmlich Eroberungen und was Durchlaucht noch so zur Ehre gereicht:

„9. September Greillenstein. Die Besatzung hat sich gewehrt, ist aber abgezogen, als sie Ihrer Fürstlichen Gnaden mit der Armada ansichtig wurde. Daselbst hat der Graf Buquoy sich zum ersten Mal sehen lassen und I.F.G. die Hände geküsst."

Man könnte glauben, Drexel und Mandel hätten an zwei verschieden Feldzügen teilgenommen. Zwei Tage später schreibt Drexel:

„11. September. Oh Herr, unser tägliches Brot gib uns heute! Viele der Soldaten hatten schon den dritten Tag kein Brot, und das passiert immer wieder. Ich habe von einem Soldaten ein Brot gekauft, eine schwarze und feuchte Masse, die man dem Finger durchbohren konnte wie Teig. Im Regiment Schmidt mussten von 70 Broten 60 weggeworfen werden, so sehr waren sie vom Moder verdorben."

AUCH HÖFLINGE SIND NUR MENSCHEN

„12. September. Wir haben uns aus der gut geplünderten Burg Greillstein zurückgezogen. Obwohl es verboten war, hatten Höflinge die Kisten aufgebrochen und einige Wertsachen mitgenommen. Alles, was weggetragen werden konnte, wurde geraubt. Einige fanden Geld unter dem Weizen in einem Faß, was den anderen Mut machte, alle Fässer aufzubrechen und auszukippen."

Auch Hofprediger Drexel ging nicht leer aus.

„Wir haben zwei Oberbetten von den Einwohnern erbeten; sie konnten sich nicht enthalten, sich solcher Bitten zu erbarmen."

Sarkasmus, jesuitischer?

ZU KURZ GESCHOSSEN

Nächste Station: Drosendorf. Christian von Anhalt (Vater) hatte mit den Seinen am 9. September versucht, der Stadt habhaft zu werden. Eine Tafel mit eingelassener Kanonenkugel erinnert noch heute an die kurze Beschießung. Die Inschrift:

„Es kam mit einer großen Anstalt
Der Fürst Christian von Anhalt
Aus Böhmen vor die Grenzstadt
und diese 14 Pfundkugel eingeworfen hat
Und nur verletzt den Rüssel von einem Schwein."

Christian von Anhalt (Sohn) am 9. September:

„Wir sind mit der Armee vor Drosendorf gezogen. Die Stadt hat eine Doppelmauer und einen Graben. Die Garnison ist 400 Mann stark. Die Stadt erhebt sich wie eine natürliche Festung. Die Besatzung lehnte die Übergabe ab. 10. September. Wir beschossen von weitem Drosendorf, aber immer quasi zu kurz und zogen schließlich ab."

Drexel sachverständig am 13. September über die mäßige Vorstellung der Ständetruppe:

„Heute kamen wir nach Drosendorf, einem armseligen Städtchen und einer ebensolchen Umgebung. Wir sahen, dass der Feind einen großen Teil der Mauern ganz leicht hätte übersteigen können, und doch er hatte es nicht geschafft oder nicht versucht."

MIT GOTT NACH PRAG

Drexel am 15. September in Drosendorf:

„Hier wurde der Beschluss gefaßt, den Feind nicht weiter nach Mähren zu verfolgen, sondern direkt nach Prag zu marschieren, um das Herz Böhmens zu erobern. Die Ungarn bewegten sich mit frischen Kräften von wohl 8.000 Mann gegen den Kaiser und das Wiener Land, und ihnen wurde der Herr Graf Dampierre entgegengesandt. Unser ehrwürdiger Herr, der Herzog von Sachsen und der Graf Buquoy eilten nun auf direktem Weg nach Prag. Gott unterstütze das Vorhaben."

ZU VIELE FRAUENZIMMER


„16. September. Beim Auszug fanden wir zwei Leichen der Unsrigen unbegraben und beraubt. Täglich finden Begräbnisse statt. Nach fast zwei Meilen gelangten wir zur Stadt Raabs. In der stark befestigten Burg lagen 50 Soldaten als Verteidiger, unter ihnen zwei Jünglinge von Bucheim. Sie hatten zu viele Frauenzimmer und zu wenig Artillerie. Beim Hin- und Hergeplänkel jammerte und klagte das weibliche Geschlecht dermaßen, dass die Verteidiger verhandelten und sich schließlich ergaben."

DAS LAND, EIN LEICHNAM

Drexel ist von der Gerechtigkeit der "Sache" weiter überzeugt, die Methoden ihrer Durchsetzung berühren ihn aber zunehmend schmerzlich.

„17. September. Aus der Stadt Raabs kamen wir nach zwei Meilen nach Waithofen, einer kaiserlichen und katholischen Stadt. Obwohl sie auf einer Anhöhe liegt, hat sie das ganze Elend schon erfahren. Noch immer sahen wir brennende Dörfer und Felder am Weg. Insgesamt: Österreich und Böhmen sind schon verbrannt und ihr Leichnam elendiglich zerrissen. Die Bauern wurden völlig ausgeraubt, ihre Behausungen sind abgebrannt, und ihre Äcker verwüstet. Sie müssen stehlen oder verhungern. Was bleibt ihnen außer der Seele und ihrem Kummer?"

Das Ligaheer nähert sich der Grenze zum Königreich Böhmen. Drexel:

„19. September. Wir kamen nach Gmünd. Wir mussten warten, weil uns am Vortag der Troß nicht hatte folgen können. Er ist fast zweimal so lang wie das Heer. 21. September. Weiter nach Schweinitz, eine größere Stadt, teilweise verbrannt; wenige Häuser sind hier unversehrt. In der Kirche standen Pferde, lagen Kranke. So war alles in ganz Österreich und Böhmen, verletzt, verwüstet, geplündert, verbrannt."

LOBGESANG UND KRISE

Drexel am 22. September:

„Aus dem verbrannten Städtchen Schweinitz kamen wir nach zwei Meilen in die Stadt Budweis, die sich bis dahin für den Kaiser tapfer geschlagen hatte. Beim Nachschub gab es Streitigkeiten und auch Verluste. Unser ehrwürdiger Herr sagte beredt, all diesen Mangel habe er vorhergesehen und daher beinahe die ganze Expedition aufgeben wollen. 23. September. Wir blieben in Budweis. Unser ehrwürdiger Herr hörte die Messe in der Pfarrkirche. Der Dekan kam uns mit seinem leinengekleideten Klerus entgegen, sie schritten ihm mit Wachskerzen voran. Beim Eintritt erklang die Orgel, dann wurde das Te Deum laudamus etc. gesungen, dazu erklangen die Trompeten und Pauken der Krieger."

DER KAISERLICHE FELDHERR KNEIFT

Buquoy, der bisherige Befehlshaber, soll sich nun nach dem Willen des Kaisers dem bayrischen Herzog unterstellen. Der Feldherr sieht seine Felle davonschwimmen und weicht dem formalen Akt der Befehlsübergabe aus. Drexel bekommt das mit, erfährt aber den Grund nicht:

„Herr Graf Buquoy erschien schon zum zweiten Mal trotz Einladung nicht an der Tafel des ehrwürdigen Herrn. Also speiste der ehrwürdige Herr selbst allein und frugaler als sonst. Was der Graf zu verbergen hatte, weiß ich nicht."

ANGEBORENE GÜTE

Das Ligaheer rückt nach Budna vor. Die Verteidiger beantworteten die Aufforderung zur Kapitulation mit Kanonen. Mandel:

„Nachdem am 26. Durchlaucht die Halsstarrigkeit dieser Leute verspürt hatte, wurden am nächsten Tag durch beharrlichen Beschuss die Stadttore aufgebrochen und in Brand gesteckt. Sobald die Bürgerschaft und 300 vom Landvolk sahen, dass die Stadt nicht zu halten war, haben sie um Gnade oder Ungnade gebeten. Das hat ihnen Durchlaucht in angeborener Güte bewilligt. Damit der Ungehorsam nicht ungestraft bliebe, hat man die Rädelsführer zur gebührender Strafe verhaften lassen."

Die Plünderung verschweigt Mandel. Drexel:

„27. September. Budna war schon vor einiger Zeit von Buquoy und Mansfeld erobert und geplündert worden, wie die Bürger erzählten, aber von niemanden so grob wie diesmal vom Bayer, der es wie bei Rebellion üblich, zur Plünderung freigegeben. Menschenleben wurden verschont."

OHNE GÜTE ALLE NIEDERGEMETZELT

Die Kaiserlichen unter Buquoy belagerten inzwischen die Stadt Prachadice. Mandel recht kühl:

„Den 27. September haben Durchlaucht vom Grafen Buquoy die Botschaft bekommen, dass er die Stadt mit bewaffneter Hand erobert und die Soldaten und die Bürgerschaft alles miteinander erwürgt habe."

Drexel, genauer und bewegter:

„Buquoy aber betrug sich, als er Prahadiz erobert hatte, unmäßig, oder zumindest seine Soldaten, denn sie erstachen und erschlugen jeden, der ihnen entgegenkam, an die 2.000 Menschen, so dass nur 40 unabgeschlachtet übrig blieben."
DIE SACHSEN KOMMEN, ABER NICHT UMSONST

Inzwischen mischt ein protestantischer Machthaber auf dem Kriegsschauplatz mit, allerdings nicht auf der Seite der Protestanten. Mandel:

„21. September. Vom Kurfürsten von Sachsen kommt die Meldung, er sei aus Meißen in der Lausitz eingefallen und belagere Bautzen."

Die protestantischen Stände Schlesiens und der Lausitz waren mit den böhmischen verbündet. Der sächsische Kurfürst Johann Georg hatte die Rechtsauffassung des Kaisers übernommen und seine Beteiligung an der Niederwerfung der "böhmischen Rebellion" zugesagt. Ferdinands Gegenleistung: Anerkennung der vom Kurfürsten enteigneten kirchlichen Güter und die Abtretung der Lausitz. Auf Drängen des Kurfürsten sagte der Kaiser auch zu, nach der Niederwerfung der „Rebellen" die Religionsfreiheit in Böhmen zu erhalten. Entweder waren Johann Georg und seine Räte naiv, oder sie wollten nur ihr Image pflegen. Seit Ferdinand den Protestantismus in seinen österreichischen Erbländern zerschlagen hatte, waren ihm Anwandlungen von Milde nie untergekommen.

MANSFELD SCHAUT SICH ERNEUT UM

Auch Drexel hat am 21. September gute Nachrichten:

„Es gab Neuigkeiten im Lager: dass Graf Mansfeld mit all seinen Truppen zu unserem erhabenen Fürsten übergelaufen sei; so groß und verehrungswürdig ist der Name des Herzogs von Bayern auch bei seinen Feinden."

Der Feind war nicht von Maximilian, sondern von seiner leeren Kasse beeindruckt. Da Prag nicht zahlte, stand Mansfeld bei seinen Söldnern in der Kreide und musste um seine Auslagen fürchten. Also trat er in geschäftliche Verhandlungen ein, mit dem alten Auftraggeber und einem möglichen neuen. Seine Forderungen: 100.000 Dukaten für sich und 200.000 Reichstaler für seine Truppe.

UM LAND UND LEUTE ZU GEWINNEN

Während in den gedruckten Begründungen für ihre Gewaltmaßnahmen beide Seiten betonen, es ginge um das "Religionswesen", ist in den internen Klartexten von "Land und Leuten" die Rede. So empfiehlt Maximilians Unterhändler, Oberst Cratz, wärmstens, das Angebot Mansfelds anzunehmen, und versichert:

„...mit der Armada Mansfelds sind Land und Leute zu gewinnen."

Maximilian fand es wohl preiswerter, das Unternehmensziel mit der eigenen Armee zu erreichen, jedenfalls kam das Geschäft nicht zustande.

LAND UND LEUTE GEWONNEN

Das Theatrum meldet von der Front im Norden, wie der sächsische Kurfürst Johann Georg eine Stadt in Besitz nimmt:

„Nachdem die in Bautzen sich trotzig widersetzt hatten, schossen die Sächsischen am 22. September eine Bresche in die Mauer und warfen Feuerkugeln in die Stadt, welche an mehreren Stellen Feuer fing. Dadurch entstand großer Schaden, und viele Häuser, Menschen, Vieh, Vorrat und Gut verdarben. Inzwischen wurden die Belagerten mit Feuer und Schwert so verängstigt, dass sie den Mut verloren und den Akkord anboten, welcher auch angenommen wurde... Die Stadt wurde durch das Schießen und den Brand jämmerlich deformiert. 1.136 Gebäude sind abgebrannt, darunter fünf Kirchen, zwei Hospitäler und viele Mühlen."
Bautzen brennt
Bautzen mit Feuerkugeln beschossen. Gemälde im Stadmuseum

PFALZ EROBERT

Der Erfolg der Verbündeten sorgt für gute Stimmung im Lager der Liga. Am 27. September trifft die nächste gute Nachricht ein. Mandel:

„Es ist Zeitung aus den Niederlanden angelangt, nach welcher der Marquis Spinola die ganze Pfalz jenseits des Rheins, zwischen Mainz, Trier und Worms eingenommen hat, dazu die Städte Oppenheim, Bacharach, Kaub, Kreutznach und Alzey."

Die Spanier hatten also den zweiten Teil des Gesamtplans exekutiert. Der Weg in die Niederlande war frei, und Maximilian konnte sich schon auf die Pfalz freuen. Dafür macht ein neuer Feind Sorgen: Bethlen Gabor, der Fürst von Siebenbürgen. Mandels schlechte Nachricht:

„27. September. An diesem Tag ist Zeitung gekommen, dass etliche 1.000 Ungarn in Österreich eingefallen sind, welche allenthalben großen Schaden tun, derentwegen Ihre Kaiserliche Majestät abermals um Hilfe geschrieben."

Am 28. September notiert Mandel, er habe die Symptome einer ruhrartigen Krankheit. Am 9. Oktober wird er nach Straubing evakuiert. Spätestens ab da übernimmt ein unbekannter Schreiber das Tagebuch für den offiziellen bayrischen Bericht.

JUNG UND ALT NICHT GESCHONT

Jeden Tag, so übereinstimmend die Augenzeugen, hörte Maximilian die Messe. Und tat auch ständig Gutes, indem er Plündern etc. untersagte. Doch was half`'s. Drexel:

„30. September. Heute wurde die Stadt Pisek beim ersten Sturm genommen und alle darin erschlagen und erstochen. Vor allem die Soldaten von Buquoy haben niemanden verschont, weder Geschlecht noch Alter. Es war ein entsetzlicher Anblick: wohin auch immer Bürger oder Verteidiger flohen, metzelten unsere Scharen alle nieder. Einer Schwangeren, die aus Schrecken gebar, wurde der Kopf abgeschnitten und das Kind erschlagen. Buquoy soll versucht haben, das Morden zu verhindern, doch der Zorn der Soldaten war stärker. Viele warfen sich ins Wasser, um zu entkommen, doch auch dort wurden sie von den Schwertern erreicht."

Anschließend bemüht sich Drexel, seinen Dienstherren mit einigen Zeilen zu erfreuen:

„30. September. An diesem selben Abend zogen 130 Soldaten von Böhmen zum Lager des ehrwürdigen Herrn. Überall herrscht unter unseren Feinden Furcht, Schrecken und großes Zittern. Das ist kein Wunder. Schon ist der bayerische Löwe wohlbekannt, er handelt ernsthaft und zögert nicht unnötig lange."

HÖFISCHES TREIBEN IN PRAG

Einer ist nicht beeindruckt: Friedrich von der Pfalz, der sich in Prag mit seinem Hofstaat und seiner Gattin nach wie vor königlich amüsiert. In Propagandaschriften ist ihm schon höhnisch prophezeit worden, er würde nur einen Winter lang den König spielen können.

„Jener Jüngling und Winterkönig in Prag war im glücklichen Wahn befangen und wie von Gott mit Blindheit geschlagen. Während wir eine Stadt nach der anderen eroberten, spielte er in Prag "ins Ringl rennen" (Turnier). Es heißt, in Prag herrschten wahre Bacchanalen."

Drexel war gut informiert. Christian von Anhalt bestätigt in seinem Tagebuch:

„Prag. 10. Mai. Zwei mal in der Predigt. Mit ihrer Majestät soupiert. Danach Spaziergang im Park. Man spielte auf einer Wiese >im Kreis laufen<", wenn sich genügend Damen und Herren fanden."

DIE VERNUNFT DES KRIEGES

Drexel macht sich erneut Gedanken über das Wesen des Krieges:

„1. Oktober. In der Stadt Strakonitz teilten wir die Unterkunft mit dem ehrwürdigen Herrn im Johanniterkloster. Die Kirche war ausgeraubt und verwüstet. Es heißt, Mansfeld habe hier 2 Zentner heilige Gefäße aus Silber eingeschmolzen und mitgenommen. Doch anschließend wurden die unglückseligen Bürger auch noch von den Kaiserlichen ausgeplündert. Es ist die Vernunft dieses Krieges in Österreich und Böhmen, dass nur wenige vom Feuer verschont bleiben. Alles ist überall verbrannt, von den Kaiserlichen oder von den Böhmen angezündet. Auch heute sahen wir unterwegs brennende Felder und Dörfer. Alle Städte sind zwei oder dreimal geplündert worden, nur die Erde bleibt fett und fruchtbar. Es gibt wunderschöne Landgüter, es fehlen nur die, die sie bestellen."

Dass die eigne Truppe nur gelegentlich plündert, ist ein Konstrukt der bayrischen Mitschreiber. Der kaiserliche Oberst Huerta schreibt im Oktober an Buquoy:

„Das bayrische Kriegsvolk nimmt beim Plündern alles Greifbare mit und erhebt gewaltsam Kontributionen bei den Bauern. 1.000 Stück Vieh aller Art haben sie nach Bayern gebracht."

ABSURDE FRAUEN

Drexel hat sich auch im Tross umgeschaut:

„4. Oktober. Sonderbar anzusehen war eine Frau, die ihr Kind in der Wiege auf dem Kopf trug, weil ihre Hände mit Gepäck beladen waren. Es ist unglaublich, wie viel Last eine solche Soldatenfrau schleppen konnte. Rücken, Kopf, und beide Hände waren beladen, dazu beide Hüften mit Bündeln umbunden. Ich sah eine andere, die eine Muskete wie ein Mann vor sich trug und in gleicher Weise ging. Doch weshalb erzähle ich von diesen Absurditäten? Es gibt sie ohne Ende."

Leider erfahren wir nicht, was die Soldatenfrauen so dachten, als sie die Herren Kleriker in der Kutsche vorbeifahren sahen.

TOCHTER GERAUBT - SELBER SCHULD

Manche Frauen zogen nicht als Freiwillige mit in den Krieg, sondern als Beute. Drexel wird Zeuge eines Menschenraubes:

„5. Oktober, Grünberg. Diese Stadt wurde von der höfischen Gesellschaft und unseren Soldaten gut ausgeplündert. Sie war nämlich einst katholisch, doch von einem Prediger des Winterkönigs verdorben und angesteckt worden. Unser Gastgeber, ein Fleischer, kam nach Hause, als wir schon im Aufbruch waren, doch er fand es gänzlich geplündert. Weil er mit Frau und Tochter auf Pferden geflohen war, wurden ihm die Pferde genommen und die Tochter von der Seite gerissen; wäre er nämlich nicht geflohen, hätte er Tochter und Hausrat nicht verloren."

SCHON 6.000 TOT

Was die militärischen Aktivitäten betrifft, hatte die ligistische Soldateska bis dahin leichtes Spiel gehabt. Verluste waren hauptsächlich durch Mangel an Lebensmitteln, Krankheit und Strapazen eingetreten. Drexel:

„6. Oktober. Man nimmt an, dass mehr als 6.000 Soldaten starben, seit wir von Linz aufgebrochen sind. 9. Oktober. In dieser Nacht starben bei der Artillerie zehn Männer und einige Pferde, denn es war eine äußerst kalte Nacht."

Jetzt gilt es für die Mannen, sich auch im Feld zu bewähren. Der offizielle Bericht:

„4. Oktober. In dieser Nacht kamen Hinweise vom Grafen Buquoy, dass sich der Feind mit seiner ganzen Macht der kaiserlichen Armada nähere und eine halbe Meile von ihm lagere."

Die Kaiserlichen unter Buquoy versuchen in Richtung Prag vorzustoßen, während sich Liegaheer Pilsen nähert. Christian von Anhalt, Chef des böhmischen Stabes, bringt seine Hauptmacht vor Rokycany in Stellung, um die Kaiserlichen aufzuhalten. (15 Kilometer östlich von Pilsen). Der offizielle bayrische Bericht:

„Am 7. und 8. Oktober sind beide Heere im Quartier geblieben, weil die vorangegangen Tage das Volk sehr ermattet haben und man auf Proviant wartete, der schon etliche Tage ausgeblieben."

Die böhmische Führung verzichtet trotz der erkennbaren Schwäche ihrer Gegner auf weitere Angriffe. Ihr ist das Bargeld ausgegangen. Am 8. Oktober meldet der Truppenstab nach Prag, Steuern seien aus dem ausgeplünderten Land nicht mehr zu erheben, für die Offiziere stünden noch 27.000 Gulden aus, und auch die Ungarn und Österreicher wären ohne Sold. Die Kriegsunternehmer empfehlen ihrem Dienstherren, er möge bei den Venezianern, Niederländern, Dänen und Seehandelsstädten Anleihen aufnehmen. Dass es dafür zu spät war, kommt den an die Langsamkeit des böhmischen Krieges gewöhnten Strategen nicht in den Sinn. Immerhin ist das Schreiben nicht wirkungslos. Am 14. Oktober kann ein Teil des ausstehenden Soldes bezahlt werden, da die niederländischen Generalstaaten eine Rate der zugesagten Hilfsgelder überwiesen haben. Aber es fehlen noch immer 50.000 Gulden. Nur das Versprechen, am 1. November alle vollständig auszuzahlen, hält die Armee noch zusammen. Zum Angriff ist sie so offenbar nicht zu bewegen.

SCHACHER UM PILSEN

Mansfeld behauptete hinterher, er habe nur aus "politischen" Gründen verhandelt, um Verwirrung zu stiften. Das ist ihm gelungen. Drexel:

„11. Oktober. Wir zogen von Blowitz mit dem ganzen Heer nach Pilsen. Doch wir fanden die Tore der Stadt geschlossen und erhielten den Befehl zum Rückzug. Es war also ein Märchen, dass Mansfeld Pilsen dem Kaiser zurückgegeben habe. Einige sagten, es sei sicher auf beiden Seiten darüber verhandelt worden, doch Mansfeld habe einen zu hohen Preis für seinen Rückzug gefordert."

GEFÄHRLICHER KRIEG

Drexel vor Pilsen , 17. und 18 Oktober:

„Wir schliefen mit dem ehrwürdigen Herrn in einem armen Bauernhof nicht ohne Gefahr.. Es wurde schon kälter und in der Nacht ging es uns sehr schlecht. In einem Dorf übernachteten sieben Cornett Reiter, von denen viele krank waren. Sie wurden nachts von ungarischen Reitern mit dem für sie typischen Ungestüm überfallen. Anfangs stürzten sie sich auf die Schläfer und erschlugen sie mit ihren Schwertern, dann zündeten sie mit großem Geschrei das Dorf an und erschlugen alle, die ihnen entgegenkamen. So geschah uns jedes Übel von den Ungarn; die Ungarn griffen viele an, aber noch viel mehr das ungarische Fieber. Die Preise für Brot und Wein steigen. In der Nacht erhob sich Geschrei, weil ein feindlicher Angriff gemeldet wurde. Wir kämpfen ohne alle Frage einen ebenso gefährlichen wie anstrengenden Krieg."

Maximilian hat Probleme mit dem Nachschub und mit Buquoy, der sich immer noch als Oberbefehlshaber in Böhmen betrachtet. Der Bayernherzog sieht sich mehrfach genötigt, seinen Feldherren Tilly ins kaiserliche Lager zu schicken, so auch am 17. Oktober. Laut offiziellem Bericht um Buquoy:

„...zu ermahnen, am nächsten Tag aufzubrechen, um den Feind anzugreifen. Es hat aber besagter Buquoy sich entschuldigt, sein Volk sei nicht auf der Stelle, sondern wegen der Versorgung unterwegs."

GUTE NACHRICHTEN FÜR FRIEDRICH

Dass es im Lager der Liga Probleme gibt, weiß man auch in Prag. Christian, der sich nach einer Erkrankung dort aufhält, notiert:

„13. Oktober. Habe die Königin gesehen, die gute Nachrichten hatte, dass die bayrischen Truppen schlecht bezahlt sind und der Graf Buquoy am Mangel von Lebensmitteln leide."

Am Prager Hof geht es weiter gelassen zu. Christian trifft sich mit den Damen und dem englischen Agenten, schreibt jeden Tag Briefe, geht zur Kirche, speist noch einmal mit der Königin und begibt sich dann am 18. Oktober doch zu seiner Truppe nach Rokycyany. Er notiert:

„Der König ist mit S.A. (Seiner Hoheit, sein Vater) hier im Lager. Um Rockezan logiert die Armee auf dem Feld, die Chefs sind in der Stadt. Die Ungarn haben Colonel Haslang gefangen genommen. Er sagt, dass ihre Leute wie die Fliegen sterben. Bethlen Gabor berichtet, dass der Conte Dampierre beim Angriff auf Pressburg von einem Ungarn getötet wurde."

Die guten Nachrichten lassen Friedrich und seine Berater hoffen, Maximilian würde mit sich reden lassen. Drexel im Lager vor Pilsen:

„20. Oktober. Heute abend kam ein Gesandter vom Pfälzer Kurfürsten aus Prag. Er wurde ehrenvoll behandelt. Ob er drohte oder etwas erbat, wissen wir nicht. Er schien etwas zu fordern, von dem er wusste, dass er es nicht erhalten würde."

Der offizielle Berichterstatter war besser informiert. Der Gesandte schlug im Namen Friedrichs ein persönliches Treffen vor:

„...um auf gut Teutsch im Vertrauen und Glauben besprechen zu können, dass der Pfalzgraf (Friedrich) ihm (Maximilian) nicht feindlich sei. Woraus zu erhoffen, die Sachen auf einen besseren Weg zu bringen, und so der ganzen notleidenden Christenheit geholfen werde."

Friedrich setzte also noch einmal auf die "teutsche" Karte der "fürstlichen Libertät", sprich die Abwendung einer Erbmonarchie unter Habsburg. Eine schlechtere hätte er im Augenblick nicht ausspielen können. Kaiser Ferdinand und Herzog Maximilian bereiten gerade den denkbar schwersten Anschlag auf die "Libertät" vor: Die Übertragung von Pfalz und Kurwürde von Friedrich auf Maximilian, zur Belohnung für die Niederschlagung der "Rebellion". So hat Bayernherzog nicht das geringste Interesse, „die Sachen" vorher friedlich zu regeln. Er lässt Friedrich im barschen Ton ausrichten, solange er nicht die böhmische Krone samt Land und Leuten herausrücke, brauche man gar nicht zu reden. Die Gefahr, Friedrich könne einlenken, ist gering. Und richtig. Friedrich besteht weiter darauf, König von Böhmen zu sein.

ZWEI-SCHICHTEN-RAUB

Wegen der zunehmenden Gefechtstätigkeit läßt die Sorgfalt beim Plündern nach. Drexel in Bela:

„23. Oktober. Diese Burg haben unsere Kosaken so beraubt, dass uns auch etwas zum Plündern übrigblieb. 24. Oktober. Nachdem das Frühstück hastig heruntergeschlungen war, zogen wir zum Kloster Plasy. 14 Tage vorher hatten ausgehungerte Mansfeldische Soldaten einen Ausfall zu diesem Kloster gemacht und den fliehenden Mönchen alles entrissen. Ich habe aber auch hier eine große Menge Beutestücke zusammengetragen."

Das Ligaheer bewegt sich 10 Kilometer weiter, nun in Richtung Prag.

„26. Oktober. Wir blieben in Kralovice. Die Nacht war sehr kalt, so dass etwa tausend Soldaten zu kränkeln anfingen, und einige starben."

ENTSCHEIDUNG STEHT AN

Der Bayernherzog will nun eine Entscheidung herbeizuführen. Das Ligaheer marschiert nach Rakovnik, das Ziel ist Prag. Drexel:

„27. Oktober. Wir verließen Kralovice und marschierten quasi Fuß an Fuß mit dem Feind, der seitlich von uns marschierte. In der stockfinsteren Nacht wurden wir abgedrängt, und weil der Feind nahe war, begannen die Unsrigen in derselben Nacht mit ihm zu plänkeln."

Die Ständetruppe erreicht Rakovnik vor den Bayern. Bis Prag sind es nur noch 40 Kilometer.

FRIEDRICH AMÜSIERT


Des jungen Christians Eintrag am 27. Oktober liest sich wie ein Bericht vom Manöver.

„Nachricht, dass der Feind Rakovnik belagern wird. Befehl, mit meinem Infanterieregiment und zwei Kompanien Landvolk dem Feind die Passage zu verlegen. Kaum hatten wir Stellung bezogen, da erschien der Feind. Man hatte schöne und tapfere Scharmützel, die Ungarn und Polen jagten sich gegenseitig herum. Man schätzt 60 Tote beim Feind, bei uns wenige. Die Nacht hat uns getrennt. Der König war rechtzeitig angekommen, um den Feind zu sehen und nahm sein Plaisir daran."

Wahr, sehr wahr. König Friedrich schreibt fast jeden Tag einen Brief an seine Königin in Prag. So am 27.:

„Der Feind hat sein Lager ganz in der Nähe. Ich habe heute ein sehr schönes und heftiges Gefecht gesehen."

KÜSSE, KLEIDER, PFERDE

Friedrich verliert in seinen Briefe kein Wort über das Leiden seiner Untertanen. Er erwähnt sie einfach nicht. Es gibt sie nicht. Der Mann ist hochadlig kalt. Einige Sätze aus dem Feldlager:

„Die Zeit vergeht hier äußerst langsam, ich weiß nicht wie ich sie verbringen soll. Ich bedanke mich für die gelbe Feder, die Sie mir geschickt haben, ich küsse Sie Millionen Mal auf den Mund... Ich sorge mich, ob die Welt von dem uns angetanen Unrecht erfährt... Ich empfehle, die Frau abzulösen, die die Löwen betreut... Euer schwarzes Pferd ist krank, weil ich es zu selten reite... Gott sei Dank geht es mir gut..."

ENTSCHEIDUNG VERZÖGERT

Christian von Anhalt der Jüngere:

„28. Oktober. Wegen Nebel am Morgen nichts unternommen, aber nach dem Diner hat man tapfer scharmütziert. 29. Oktober. Zur Predigt. Wegen Nebel ist zwischen den Armeen nichts passiert."

Am 30. Oktober läßt der Nebel nach. Die Kaiserlichen sind noch nicht zur Stelle, weil Buquoy verärgert ist oder seine eigenen Pläne hat oder seine Truppe unwillig ist. Oder alles zusammen. Der bayrische Bericht:

„30. Oktober. Des Feindes und die ganze bayrische Armada sind gegeneinander gerückt, haben mit Geschützen stark aufeinander geschossen, die Reiter sind aufeinander getroffen und das Fußvolk hat scharmütziert. In diesem Treffen ist der Feind geschlagen und zerrieben worden und die Unsrigen haben eine Fahne erobert, die dem General Christian von Anhalt gehört haben soll. Der Oberst Kratz hat den Fähnrich, der die Fahne trug, mit samt dem Pferd mit einem Schuß totgeschossen."

Sohn Christian von Anhalt räumt den Verlust der väterlichen Standarte ein. 30. Oktober:

„Man schlug sich wacker um den Wald. Unsere Musketiere machten ihre Sache extrem gut, die Kavallerie aber nicht sehr gut, wir mussten uns zurückziehen. Die Kompanie von S.A. war auch dabei, deren Standarte genommen wurde, nachdem der Fahnenträger tot war."

Warum es nicht zur Entscheidung kam, meldet der bayrische Bericht:

„Wenn aber die Kaiserlichen wie verabredet mit den Bayrischen angekommen wären, wäre dem Feind ein großer Schaden entstanden, wenn nicht ganz aufs Haupt geschlagen worden."

KNAPP VORBEI

Drexel beobachtet das Walten der Fügung:

„30. Oktober. Wolschin. Der Pater Dominicus sah nicht weit entfernt in seiner Sänfte dem Kampf zu. Der Feind konnte sehen, wie sich die Leute um ihn drängten, und richtete ein Geschütz auf ihn. Das Geschoß strich aber über das Dach der Sänfte hinweg, zerschnitt einen Baum in der Mitte, trennte einem Soldaten den Fuß ab, einem anderen den Arm und zerriß schließlich ein Weinfaß. Eine weitere Kugel der Feinde schlug im bayerischen Lager ein und tötete drei Frauen."

DIE ENGEL NICHT FÜR ALLE DA

Auch nach dem Eintreffen der Kaiserlichen bringen die Gefechte keine Entscheidung. Drexel:

„31. Oktober. Wolschin. Die Kugeln flogen ständig hin und her, nicht ohne Schaden für die Unsrigen, die jedoch offensichtlich von den Engeln beschützt wurden. Denn unser ehrwürdiger Herr beteiligte sich unter Lebensgefahr selbst am Kampf. Er inspizierte den Stab, als eine Kugel ganz nah vorbeiflog und Philipp Fugger traf, einen Fuß abriß. Der Herr starb in der nächsten Nacht an seinen Verwundungen."

NICHT MEHR NACH PRAG?

Im ligistischen Stab kommen Zweifel auf, ob der große Plan noch in dieser Saison durchführbar sei. 31. Oktober. Offizieller Bericht:

„Man befand, dass dem Feind in dieser starken Stellung nur mit langer Hand und mit großen Verlusten beizukommen sei. Da der Winter einfalle und der Weg für Proviant und Munition aus Bayern immer länger und kostspieliger würde, wolle man sehen, ob man woanders mehr ausrichten könne. Weil aber Proviant und Geld aus Bayern unterwegs war, wolle man noch warten. Auch weil das Brot nunmehr ganz ausgegangen."

Ebenfalls am 31. Oktober schreiben die obersten Ständevertreter an Friedrich, in sechs Wochen könne man der Truppe anderthalb Monatssolde auszahlen, zum Teil in Kleidung und Tuch. Sie haben noch zirka 14 Tage bis zu ihrer Verhaftung oder Flucht.

STURMANGRIFF WEGEN WASSER

Die Bayerntruppe soll den Zugang zu einer Wasserstelle freikämpfen. Wer aber geht schon unter die Soldaten, um auf freiem Feld auf sich schießen zu lassen? Auch die Regimentseigner sahen es nicht gern, wenn ihnen bei riskanten Operationen ganze Kompanien abhanden kamen. Die "Freiwilligen" wurden daher aus verschiedenen Verbänden ausgelost. Der bayrische Bericht:

„1. November: Auf der rechten Seite griff die bayrische Armada eine Kapelle und einen ummauerten Friedhof an. Darin lagen ungefähr 100 Feinde, und davor noch mal soviel Musketiere, die uns den Zugang zum Wasser versperrten. So hat man aus allen Regimentern und Nationen eine Anzahl genommen und gegen die Kapelle geführt. Sie haben eine Zeitlang mit dem Feinde scharmütziert und sind dann mit Ungestüm gegen die Mauer angelaufen, haben sie überstiegen, die Kapelle und den Friedhof mit stürmender Hand eingenommen und fast alles niedergehauen."

Christian von Anhalt räumt die Niederlage ein, bleibt aber optimistisch.

„2. November. Die gewöhnlichen Gefechte ließen nach, und auf beiden Seiten wurde an den Schanzen stark gearbeitet. In der feindlichen Armee herrschen Krankheiten, fehlen Brot und Munition. Der Feind erwartet einen Transport, hinter dem aber unsere Ungarn her sind."

ALLE WARTEN AUF DEN TRANSPORT

Schätzungen der Truppenstärke: Maximilian hatte von seinen 30.000 Mann 15.000 durchgebracht, denen etwa gleichviel Kaiserliche zur Seite standen. Der böhmische Stab hatte etwa 18.000 Mann unter seinem Kommando. Laut Christian (Sohn) war dem böhmischen Stab aber der desolate Zustand der ligistischen Armee bekannt, warum suchte er also nicht die Entscheidung, bevor der Nachschub aus Bayern eintraf? Ganz einfach: Weil er kein Geld hatte, um Offiziere und Mannschaft zu größeren Taten anzuspornen. Für die offensichtlich sehr beweglichen und risikofreudigen Reiter aus Ungarn genügte die zu erwartende Beute, um sich hinter der Front auf den bayrischen Nachschub zu stürzen. Von diesem Kommandounternehmen hing nun viel ab, vielleicht alles.

GELD UND KAMPFKRAFT

Der Prager Historiker Josef Polisensky hat sein Fazit ausführlich an Hand der Quellen belegt:

„Die Knappheit am nervus belli, Geld, bedrohte die schiere Existenz Böhmens, denn die Kampfkraft der Armee hing direkt mit ihrer regelmäßigen Entlohnung ab."

Christian von Anhalt, 31. Oktober:

„Als der Nebel weg war, begannen hitzige Gefechte zwischen der Infanterie. Auf beiden Seiten krachten die schweren Geschütze. Man hat den Offizieren die Gage für einen halben Monat gegeben."

Die für diesen Termin fest zugesagten Gelder sind nur zum Teil bei der Truppe eingetroffen, weil die betuchten böhmischen Stände ihre Schatullen geschlossen halten und weitere Subsidien nur schleppend eintreffen. Die Kriegskasse ist also im entscheidenden Moment leer.

KEIN MANÖVER

Am 3. November, 5 Tage vor seiner Verwundung und Gefangennahme, beschreibt Christian, wie im Stab seines Vaters der Realitätssinn einbricht.

„Habe aus guter Quelle erfahren, dass der Feind sich entschlossen hat, unser Lager anzugreifen, um den Krieg zu beenden, koste es, was es wolle."

Im ligistischen Lager ist man über die Stimmung in Prag gut informiert. Drexel:

„4. November. Die angebliche Königin von Böhmen soll hochadelige Frauen zusammengerufen und gebeten haben, dass sie etwas aus ihrem weiblichen Besitz beitrügen. Das Heer werde rebellieren, wenn ihm nicht aus dem gesammelten Geld ein Teil vom Sold gezahlt werde. Der Graf Buquoy wurde von einer Kugel verletzt."

DER TRANSPORT IST DA

Christian von Anhalt am 3. November:

„Die Ungarn haben einige Wagen mit Lebensmitteln erbeutet und einige Gefangene gemacht."

Es sind aber einige Wagen zuviel durchgekommen. Drexel am 3. November:

„Der Transport kam endlich an, aber nicht ungeschmälert: fünf Mal überfielen ihn die Ungarn, und metzelten 70 unserer Pferde nieder. Außerdem griffen sie auf dem Land die bunte Schar der Soldatenfrauen, der Kinder und anderer an, die sie alle zugleich töteten. Das Brot wurde dringend gebraucht."

Der bayrische Bericht:

„5. November: Beide katholischen Armeen sind in ganzer Schlachtordnung des großen Nebels wegen erst um 3 Uhr aufgebrochen und noch bis Luzna eine halbe Meile marschiert."

Christians Tagebuch endet mit der Eintragung vom 5. November:

„Der Feind hat sich zurückgezogen. Man weiß noch nicht, welchen Weg er eingeschlagen hat."

Der bayrische Tagebuchschreiber ist besser informiert:

„6. November. Diesen Morgen hat auch der Feind sein Lager bei Rakonitz verlassen und marschiert eine halbe Meile neben uns. Weil aber den ganzen Tag Nebel herrschte, hat man nicht an ihn kommen können."

RAN AN DEN FEIND

Die Entscheidung fällt Maximilian in Abwesenheit des kaiserlichen Feldherrn. Der bayrische Bericht:

„Am Abend war der Buquoy wegen seines Schusses übel auf und nicht zu bemühen. Ihre Durchlaucht hat daher mit den kaiserlichen Offizieren beschlossen, die Bagage hinten zu lassen, damit man dem Feind um so ungehinderter nachsetzen könne."

WO BLEIBT BUQUOY?

Der kaiserliche Feldherr zögert noch immer. Der bayrische Bericht:

„7. November. Als der Nebel sich hob, sahen wir die feindliche Armada in Schlachtordnung aufgestellt. Durchlaucht meldete den Kaiserlichen diese gewünschte Gelegenheit. Sie kamen aber so spät, dass wegen der Dunkelheit mit dem Feind nichts mehr anzufangen war. Um neun Uhr kam die Nachricht, dass der Feind mit seiner ganzen Armada fortmarschiert sei."

Die Truppen der Stände verschanzen sich hastig auf dem Weißen Berg kurz vor Prag, stellen sich also zur Schlacht.
GEISTLICHER RAT: ANGREIFEN

Drexel berichtet von der letzten Beratung im ligistischen Lager:

„8. November. Das Schlusswort hatte P. Dominicus, der ungerufen in die Beratung hineinplatzte, sich entschuldigte und dann sagte, man müsse Gott vertrauen und den Feind tapfer angreifen."
Hassprediger

Der heilige Mann soll dann, mit dem kleinen Abbild der Jungfrau Maria bewaffnet, die Streiter aufgemuntert haben. Vergleichbares konnte der Stab der Ständetruppe nicht aufbieten. Er wartete noch immer auf die Kanonen, die aus Pilsen unterwegs waren, als der Angriff begann.

DIE SCHLACHT AM WEISSEN BERG

Drexel am 8. November:

„So begann das Geplänkel mit zwei Regimentern Fußsoldaten und den Reiterschwadronen. Den rechten Flügel hielten die Kaiserlichen, den linken die Bayern, und so begann um die zwölfte Stunde die Schlacht. Das Geplänkel dauerte über zwei Stunden, und auf beiden Seiten wurde auch mit größeren Geschützen geschossen. Als sich der Tag schon neigte, trafen beide Heere aufeinander. Innerhalb einer Stunde wurden die Feinde aus einer günstigen Position von uns vertrieben, in die Flucht geschlagen und vernichtet. Man nimmt an, dass auf Seiten der Feinde 4.000 gefallen seien. Die Überlebenden flohen und verstreuten sich. 500 wurden gefangen, unter ihnen der Sohn des Fürsten von Anhalt und zwei Grafen, der eine der Rheingraf und der andere Graf Schlick, zusammen mit einigen Anführern. Man glaubt, dass nur 50 der Unseren gefallen sind, etwa 100 wurden verletzt. Gott und die heiligen Engel haben die ihren nicht verlassen."

Der Oberbefehlshaber der Ständetruppen, Christian von Anhalt sieht in seinem Bericht die Gründe eher in den Niederungen des Wirklichen.

„Das Kriegsvolk vergaß wegen Nicht-Bezahlung allen Gehorsam und Respekt und geriet in Verzweiflung. Sie waren von dem Grafen Buquoy gewohnt, dass er nicht nachrückt, sondern einen Kanonenschuss entfernt anhält, und sich dann separiert. Die plötzliche Entschiedenheit war ihnen fremd und überraschte sie."

Der fromme Maximilian meldete stolze 10.000 tote Feinde nach Wien. So dankbar wollte Kaiser Ferdinand nun doch nicht sein und ordnete eine Nachlsese auf dem Schlachtfeld an. Ergebnis: 1.600 Leichen.
Schlacht am Weißen Berg
Hogenberg Geschichtsblätter

SIEGREICHE JUNGFRAU

Mehrere Bildnisse aus der Sicht der Sieger zeigen in Prager Kirchen das Walten himmlischer Mächte bei der Schlacht am Weißen Berg. Sie beschämen jeden, der dazu neigt, den Ausgang der Bataille mit Banalitäten wie Soldzahlung oder Nachschub zu verknüpfen. Die schönste Darstellung der transzendenten Kausalität findet der Pragreisende in der „Kirche der Siegreichen Jungfrau Maria". Das Gemälde zeigt zwar auch unzählige Mannen auf dem Schlachtfeld, die auch irgendwie mit dem Geschehen zu tun haben, sie verschwinden aber schier zwischen den Hauptfiguren im Vordergrund: Kaiser Ferdinand II., der nicht dabei war und Kaiser Ferdinand III., der noch nicht dabei sein konnte. Beide erheben fromm den Blick zur eigentlichen Lenkerin der Schlacht, Maria, auf einer Wolke, die ihrerseits von Engeln getragen wird. Rechts sehen wir unseren Pater Dominicus, auch aufschauend, die Rechte erhoben, als wolle er beim Tragen helfen. In der Linken hält er jenes Bildnis der Angebeten, mit dem er die Krieger motiviert haben soll. Um das Original wurde allerhand Aufhebens gemacht. 1622 ließ Ferdinand es feierlich nach Rom bringen, wo es der Papst ebenso feierlich entgegennahm, weihte und der St.-Pauls-Kirche der Unbeschuhten Karmeliter schenkte. Dort verbrannte es durch unerklärliche Fügung im Jahre 1853. Eine noch im Jahr 1622 angefertigte Kopie kann der Reisende im Aufsatz des Hauptaltars der Prager Siegreichen-Kirche besichtigen, sofern er über ein Fernglas verfügt. Der irdische Anteil am Zustandekommen des Sieges wurde natürlich Ferdinand zugeschrieben. Vor allem die Kriegstreiber konnten sich vor Lobpreisung nicht einkriegen. Der päpstliche Nuntius in Wien erhob ihn zum "neuen Konstantin", der päpstliche Legat Verospi reihte ihn als "vicarius Christi" ein. Ähnliche Töne schlug der Beichtvater Ferdinands an, nicht ohne seinen Herrn zu ermahnen, die Rebellen unbarmherzig abzustrafen.

WELTLICH GESEHEN

Die Schlacht am Weißen Berg war die einzige im 30jährigen Krieg, die die Bezeichnung "entscheidend" verdient. Sie brachte dem tschechischen und slowakischen Volk für Jahrhunderte die Herrschaft Habsburgs ein. So dramatisch die Folgen, so banal sind die Ursachen für den Ausgang der Schlacht, wenn man sie unfromm formuliert. Theoretisch hätte die günstigere Stellung der Verteidiger Prags die zahlenmäßige Unterlegenheit (18.000 gegen 30.000) ausgleichen können. Praktisch haben ganze Regimenter kampflos die Flucht ergriffen, und zwar zuerst die unbesoldeten. Das Regiment unseres Tagebuchschreibers soll sich übrigens wacker geschlagen haben.

HERRLICHE TAGE

Buslidius notiert in Siegerstimmung:

„8. November. Unterdessen herrschten in Prag unglaublicher Schrecken und höchste Verwirrung. Der König floh noch in Nacht mit etwa 300 Pferden in Begleitung seiner Gemahlin und von Anhalt, Thurn, Holach. Die kaiserlichen Wallonen erbeuteten die einst königlichen Gerätschaften und, wie es heißt, viel Geld. Ein Offizier fand den englischen Hosenbandorden (Friedrichs) und schenkte ihn dem ehrwürdigen Herrn mit der Bitte, ihm etwas zum Ausgleich zu geben. Er erhielt eine goldene Halskette mit einer Münze mit dem Bild des ehrwürdigen Herrn selbst."

Pater Drexel, ebenfalls gut gelaunt:

„11. November. In Prag begingen wir fröhlich den Tag des Heiligen Martin beim Herrn Probst, unserem Gastgeber. Dreifach wurde eine Gans auf den Tisch gebracht, wunderbar dick und fett. 12. November. In Prag schworen die Stände, dem Kaiser gehorsam zu sein. Alle Kanoniker speisten bei uns. Ich habe an den Papst und zwei Kardinäle über den Sieg geschrieben."

FROMMER AUSKLANG UND JUNGFRAUENSCHÄNDUNG

Pater Drexel, vier Tage später:

„In Prag in der Allerheiligenkirche auf dem Hradschin sangen wir die Kantate Te Deum mit feierlicher Messe, weil Gott den Katholiken Sieg gegen den Pseudo-König geschenkt hatte...."

Während die Herrschaften über den Zugewinn eines ganzen Königreichs jubilieren, sorgt das Kriegsvolk draußen dafür, dass es auch nicht zu kurz kommt. Drexel am 17. November:

„Wir verließen Prag, eine schon sehr beraubte Stadt, und auch nicht alle Katholiken waren ausgenommen, obwohl es streng verboten war."

Nicht veröffentlichen ließ Maximilian die Notiz seines offiziellen Berichterstatters vom 17. November.

„Ihre Fürstliche Durchlaucht ist nach München aufgebrochen, hat aber vorher durch ein Schreiben den Grafen Buquoy an das kaiserliche Volk erinnert: Über dessen stetes Plündern, Rauben, Ranzionieren (Lösegeld erpressen), auch Schändung von Frauen und Jungfrauen gingen täglich Klagen ein."

Das Schreiben Maximilians an Buquoy:

„16. November. Wir können die Notlage nicht übersehen, dass uns immer mehr Klagen kommen, dass das hier in Prag anwesende kaiserliche Kriegsvolk in den drei Prager Städten und draußen auf dem Land mit Rauben, Plündern, Ranzionieren, auch Frauen- und Jungfrauenschänden samt anderer Ungebühr dermaßen exzessiv vorgehen..."

Die höchsten Kreise waren also über das Leiden ihrer Untertanen wohl informiert. Ihrer Durchlaucht Schreiben läßt ein gewisses Unwohlsein erkennen, aber keinen Anfall von Mitgefühl. Des Herzogs Sorgen waren rein politischer Natur:

„...dermaßen exzessiv vorgehen, dass die Untertanen, sowohl der Herrenadel als auch die niederen Stände und die Prager Städte zur gänzlichen Desperation und daher zu einem neuen Generalaufstand gebracht werden, sofern die Sachen nicht remediert werden."

Verhindert werden soll dergleichen Unbill „um des gemeinen Wesens Wohlstand halber." In den internen Schreiben bleiben die Kriegsherren sachlich, wenn von den Zwecken die Rede ist. Da geht es nicht um heiligmäßige Anliegen, um den "Glauben" oder die "Religion". Öffentlich dagegen schon.

FÜR DEN GLAUBEN GESIEGT

Maximilian begibt sich in Eilmärschen zurück in die Heimat, um sich feiern zu lassen. Nicht wegen der schon eingefahrenen und noch zu erwartenden Zugewinne an Land und Leuten. Das genießt man nicht öffentlich, das bewegt das Gemüt nicht, das ist kein Stoff für die Lobschreiber. Was sich in den Niederungen des Wirklichen abspielt, bedarf der Vernebelung. Weihrauch muss her. Buslidius, 25. November:

„Am Tag der Heiligen Katharina kamen wir nach München. Alles war unterwegs oder schaute aus den Fenstern, um den erhabenen Herrn zu grüßen. Vom Stadttor bis zur Marienpforte standen die Bürger, in Waffen oder festlich herausgeputzt. An der Pforte der Marienkirche war der Klerus versammelt. Der Bischof von Freising sprach einige Gebete und besprengte den erhabenen Herrn mit Weihwasser. Im Chor wurden sie von sämtlichen Geistlichen erwartet, Kappuziner, Franziskaner und Augustiner. Man sang das Lied >Saul schlug die Tausend usw.< und >Dich, Gott, loben wir<". Danach wurde von den Bischofsdienern der Segen und die Heilige Eucharistie gespendet."

Niemand fragte nach dem Verbleib von 15.000 verreckten Kriegern. Die Finanzverwaltung dürfte allenfalls registriert haben, dass entsprechende Soldforderungen entfielen.

FROHLOCKEN AUCH IN ROM

Kardinal Borghese gratuliert Maximilian und berichtet aus Rom am 4. Dezember:

„In der Kirche der deutschen Nation wurde der Hymnus Te Deum gesungen und die Messe gefeiert als Danksagung an die göttliche Majestät für den gegen die Feinde des Glaubens errungenen großen Sieg. Zum Jubel des Volkes krachten die Geschütze der Engelsburg."

Natürlich waren der Papst und die Kardinäle über die Rückeroberung des böhmischen Kirchengutes entzückt. Aber das genügte ihnen nicht. Es kam darauf an, das Volk, das nichts davon hatte, zum Jubeln zu bringen. Sehet, es ist ein Sieg für eure Sache - den Glauben.

KOPF AB


Fachmännisch faßt Drexel noch in Prag das Programm für die Neuordnung der eroberten Länder und einen umfassenden Transfer zusammen:

„17. November. Die rebellischen Taugenichtse schulden nicht nur ihre Güter, sondern auch ihre Köpfe dem Kaiser."

Drexel brauchte sich keine Sorgen zu machen. Ferdinand war nicht vergeblich bei den Jesuiten in die Schule gegangen.


Denkmal Schlacht Weißer Berg Maria als Kriegsgöttin
Denkmal auf dem Schlachtfeld. Wehmütige Erinnerung.
Inhaltsverzeichnis
Schlachtgöttin Maria - katholisches Jubelbild