Propaganda der Kreuzzüge
Hasspredigt
In den Chroniken wird immer wieder behauptet, die Türken hätten Kirchen besudelt. Miniatur 14. Jahrhundert.
(5)Angebliche Hilferufe und Feindbild - der sogannte Alexios-Brief ist eine Fälschung zum Zweck der Kreuzzugs-Werbung

Der sogenannte Alexios-Brief

Gut möglich, dass Kaufleute in Konstantinopel ihre Partner im Westen (Pisa, Venedig, Genua, Amalfi) über das Kriegsgeschehen Anfang der 80ger Jahre auf dem Laufenden hielten. Fulcher lässt den
Papst aber behaupten, viele Mitbrüder hätten um Beistand ersucht. Und das hat er auch, mit ähnlichen Worten. Leider kennen wir nur einen Text, der mit ziemlicher Sicherheit von Papst Urban veranlasst wurde und in dem der Feldzug begründet wird. Brief vom Dezember 1095.

An alle in Flandern weilenden Gläubigen ... Wir glauben, dass eure Brüderschaft schon längst durch den Bericht vieler Leute erfahren hat, dass eine barbarische Raserei die Kirche Gottes im Orient durch eine elende Anfeindung verwüstet hat ...

Es liegt kein Original eines von Mitbrüdern oder Leuten verfassten Briefes mit einem Hilfeersuchen vor. Trotzdem wird noch immer im Ton einer gesicherten Wahrheit behautet, dass es sogar mehrere gab.

BROCKHAUS ENZYKLOPÄDIE, Mannheim 1990:

Kreuzzug. Auf der Synode von Clermont rief Papst URBAN 11. am 27.11. 1095 die Christenheit zum >heiligen Krieg< gegen den Islam auf, als Antwort auf Hilferufe des byzantin. Kaisers gegen die türk. Seldschuken. .

Nachweisbar ist, dass zeitnah zum Aufruf Kopien von zwei Versionen eines Schreibens kursierten. Als Adressat wird der Graf von Flandern genannt, als Absender Kaiser Alexios. Guibert von Nogent bearbeitete um 1109 die Gesta Francorum des Anonymus. Nach eigener Angabe gehörte zu seinen Vorlagen die Kopie eines Briefes von Kaiser Alexios. Guibert:

Den Brief selbst diesem Werk einzufügen bereitete Verdruss, es beliebte mir aber, einiges vom dort gesagten mit eigenen Worten vorzutragen

Unzucht in Kirchen

Guibert von Nogent fasst die ihm vorliegende Version des Briefes so zusammen:

Es ergeht Klage in Bezug auf die Kirchen, die ja das Heidentum, nachdem es das Christentum hinausgeworfen hatte, in Besitz hielt und in denen es Ställe für Pferde, Maulesel und andere Tiere errichtete. Sogar ihre Heiligtümer, die sie Machomariae nennen, richteten sie dort ein und trieben auch Geschäfte von grenzenloser Unsittlichkeit, so dass aus Basiliken Bordelle und Theater wurden.

Türkisches Raffinement

Mütter wurden im Angesicht ihrer Töchter ergriffen und durch vielfach wiederholten Verkehr mit verschiedenen Männern gequält, während die dabeistehenden Töchter unterdessen gezwungen wurden, unanständige Lieder zu singen und zu tanzen. Das gleiche Leid, das auszusprechen Schmerz und Scham bereitet, fiel alsbald auf die Töchter zurück; diese Scheußlichkeit wurde mit schmutzigen Gesängen der unseligen Mütter geschmückt.

Das also soll sich der Kaiser Ostroms ausgedacht haben: Griechische Mütter können obszöne Lieder im Chor singen, und haben das auch ihren Töchtern beigebracht. Und zwar auf Türkisch, damit die Vergewaltiger etwas davon haben. Es wird ihnen aber trotz dieser Raffinesse mit den Frauen langweilig.

Und nachdem man das weibliche Geschlecht missbraucht hat, was man dennoch entschuldigen wird mit der entsprechenden Natur, geht man unter Überschreitung tierischen Verhaltens und Auflösung aller Gesetze der Menschlichkeit auf das männliche Geschlecht über. Er sagt, sie hätten durch sodomitischen Missbrauch sogar einen Bischof getötet.

Griechisches Gold und griechische Frauen

Laut Guibert fleht Alexios dann seine Adressaten an, sie mögen herbeieilen, um den Verlust der Reliquien in Konstantinopel zu verhindern.

Außerdem fügt er hinzu: Wenn nicht die Eindämmung eines so großen Übels oder die Liebe zu den genannten Heiligen sie dazu veranlasse, solle sie wenigstens die Gier nach Gold und Silber anlocken, wovon man dort zahllose Mengen besitzt. Schließlich bringt er auch etwas vor, das zu der Enthaltsamkeit guter Männer nicht passt: Außer all diesem werden sie von der Begierde nach sehr schönen Frauen angezogen.

Dass Alexios soweit gehen würde, die Frauen Ostroms als Belohnung anzubieten, halten neuzeitliche Autoren nicht für möglich und bezeichnen den Brief daher als Fälschung. Das heißt die wenigen, die ihn überhaupt erwähnen. Die meisten halten es offenbar nicht für opportun, ihre Leser auf die Problematik ihrer Quellen hinzuweisen. Im übrigen ist der Brief natürlich echt, nur der Absender kann nicht stimmen.

Eine wörtliche Fassung und Version des Briefes

Guibert hat also die ihm vorliegende Version nur zusammengefasst. Eine zweite ist vollständig überliefert, in drei Einzelkopien und in Dutzenden von Manuskripten der Gesta Francorum als Beilage. In dieser Version fehlen der Anreiz in Gestalt der griechischen Frauen und der Hinweis auf die Verwandlung der Kirchen in Moscheen, Ställe und Bordelle. Die Rede ist nur allgemein von ihrer Besudelung. Bezüglich einer noch zu schreibenden Geschichte der Propaganda handelt es sich bei diesem Text um ein einzigartiges Dokument, weil es Einblicke in das geistige Rüstzeug der Werbung für die Kreuzzüge gewährt. Das Dokument nährt erhebliche Zweifel an der Vorstellung, wenigsten der Idee nach hätten die Betreiber etwa Gutes tun wollen. Darum oder warum auch immer wird es den Lesern der Gesamtdarstellungen der Kreuzzüge vorenthalten. Ein Absatz ausgenommen, kann der Brief der Haltung, dem Sprachduktus und den Floskeln nach nicht in der kaiserlichen Kanzlei verfasst worden sein. Dies Satz für Satz zu belegen, ist ziemlich umständlich. Und nicht nötig, denn Zwecks Vergleich steht uns ein echtes Hilfeersuchen aus der Kanzlei des Kaisers zu Verfügung. Es ist an Kaiser Heinrich IV gerichtet, der aufgefordert wird, nicht gegen die Türken, sondern den mit Papst Gregor verbündeten Herzog Robert Guiscard vorzugehen. Anna Comnena hat das Schreiben überliefert.

Edler und wahrhaft christlicher Bruder. Ich hoffe, dass dein mächtiges Reich blüht und weiterhin gedeiht ... deine Entscheidung, sich am Krieg gegen diesen bösartigen Mann (Robert Guiscard) zu beteiligen und den mörderischen sündigen Feind Gottes und der Christen zu bestrafen ... bezeugt die Güte deines Herzens.

Räumt ein römischer Kaiser eine schwere Krise ein? Nein, Alexios denkt nicht daran, die Lage zu dramatisieren. Im Gegenteil:

Obwohl im allgemeinen meine Angelegenheiten zum Besten stehen, werden sie doch geringfügig durch die Unternehmungen Roberts gestört.

König Heinrich soll nicht unendgeldlich gegen Gregor vorgehen:

Die Geschenke, die wir vereinbart haben ..., werden jetzt überbracht, nämlich 144.000 Goldstücke und hundert seidene Purpurmäntel.

Die Kaiser Ostroms trugen ihren Kopf knapp unterhalb des Himmels. Wenn jemand in ihre Dienste trat, musste er den Vasalleneid leisten, egal ob König oder wer auch immer:

Wenn du den Eid ablegst, werden weitere 216.000 Goldstücke ausbezahlt ... der vertrauenswerte Abelard wird sie aushändigen, wenn du in die Lombardei kommst.

Diesen Ton schlug Alexius gegenüber einem König an. Das Geschäft mit Heinrich kam wie schon gesagt auch Zustande.

Der Alexios-Brief , Wortlaut

Dem Herrn und ruhmreichen Grafen von Flandern, Robert, und allen Fürsten des gesamten Reiches, den Verehrern des christlichen Glaubens, Klerikern wie Laien, entbietet der Kaiser von Konstantinopel. Heil und Frieden in unserem selben Herrn Jesus Christus, seinem Vater und dem Heiligen Geist. 0h hochberühmter Graf und größter Tröster des christlichen Glaubens!

Schon falsch. Ein einfacher Graf. Viel zu liebdienerisch.

Ich will Eurer Klugheit kundtun, wie das allerheiligste Reich der griechischen Christen von Petschenegen und Türken arg bedrängt, täglich ausgeplündert und mit Waffengewalt heimgesucht wird ohne Unterlass; auch kommt es dort zu vielfältigem Morden und nicht zu schildernden Niedermetzelungen und Verhöhnungen der Christen. Weil es aber viele Übel sind, die sie treiben, und wie gesagt unbeschreibliche dazu, wollen wir aus den vielen nur weniges nennen, was aber dennoch schrecklich anzuhören ist und sogar die Luft selbst in Verwirrung bringt.

Die Gräueltaten

Denn sie beschneiden die Knaben und jungen Männer der Christen über den christlichen Taufbecken, gießen das Blut der Beschneidung aus Missachtung gegenüber Christus in dieselben Taufbecken, zwingen sie, ihr Wasser darüber abzuschlagen, führen sie darauf mit Gewalt in den Kreuzgang der Kirche und zwingen sie, Namen und Glauben der Heiligen Dreifaltigkeit zu schmähen. Wenn sie das aber nicht wollen, setzen sie sie verschiedenen Strafen aus und töten sie zuletzt. Edle Frauen und deren Töchter rauben sie aus und verhöhnen sie dann, indem sie wie die Tiere sich gegenseitig ablösend mit ihnen Unzucht treiben. Andere aber stellen, während sie schamlos Jungfrauen schänden, deren Mütter vor ihr Angesicht und zwingen sie, ruchlose, unanständige Lieder zu singen, bis sie ihre eigenen Untaten vollenden.

Exkurs, der Autor offenbart seine Quelle

So, lesen wir, sei es in alter Zeit nämlich auch am Volke des Herrn geschehen, zu dem die gottlosen Babylonier nach verschiedenen Verhöhnungen voll Spott sprachen: Singt uns einen Hymnus aus den Liedern Zions. So werden jetzt auch die Mütter gezwungen, während der Schändung ihrer Töchter gottlose Lieder zu singen, ihre Stimmen geben aber keinen Gesang, sondern eher eine Klage wieder, wie über den Tod der Unschuldigen geschrieben steht: Eine Stimme wurde in Rama gehört, Weinen und viel Klagegeheul. Rachel, die ihre Söhne beweint und nicht getröstet werden wollte, da sie nicht mehr am Leben sind. Wenn aber die Mütter der Unschuldigen, die durch Rachel versinnbildlicht werden, nicht in Bezug auf den Tod ihrer Söhne getröstet werden konnten, so konnten sie dennoch in Bezug auf die Rettung der Seelen getröstet werden. Diese hier aber, was schlimmer ist, können auf keine Art getröstet werden, weil sie sowohl mit dem Körper als auch mit der Seele zugrunde gehen.

Fortsetzung Gräueltaten

Was weiter? Kommen wir zum noch Niedrigeren: Männer allen Alters und Standes, d.h. Knaben, Heranwachsende, junge Männer. Greise, Edle, Sklaven und, was schlimmer und schamloser ist, Kleriker und Mönche und - ach welch ein Schmerz - was man vorher weder gesagt noch gehört hat, Bischöfe verhöhnen sie durch die Sünde der Sodomie und einen Bischof zerrissen sie sogar durch diese Sünde. Sie besudeln aber die heiligen Stätten auf unzählige Arten, zerstören sie und drohen ihnen Schlimmeres an. Und wer bricht dabei nicht in Klagen aus? Wer leidet nicht mit? Wer entsetzt sich nicht? Wer betet nicht?

Stilbruch

Nach so viel Lyrik folgt jetzt ein Einschub in Prosa. Geschildert werden die Verhältnisse vor dem Jahr 1081.

Fast das ganze Gebiet von Jerusalem bis zum griechischen und das ganze griechische Reich mit seinen nördlicheren Regionen, als da sind Klein- und Großkappadozien, Phrygien, Bithynien, Klein-Phrygien, d.h.Troia, Pontus, Galatia, Lydien, Pamphylien, Isaurien, Lykien und die Hauptinseln Chios und Mytilene und viele andere Gebiete und Inseln, die wir hier nicht aufzählen können, sind von ihnen schon bis nach Thrazien vereinnahmt worden und es ist uns beinahe nichts mehr außer Konstantinopel geblieben das sie uns aber auch schleunigst wegzunehmen drohen, wenn nicht die Hilfe Gottes und der lateinischen Christen schnell zu unserer Unterstützung kommen. Denn auch das Marmarameer , das auch Abydus heißt und vom Schwarzen Meer an Konstantinopel vorbei ins Mittelmeer fließt, sind sie mit zweihundert Schiffen eingedrungen, die von ihnen gefangengenommene Griechen konstruiert hatten, und führen sie mit Ruderknechten, ob die wollen oder nicht, heran und drohen zu Lande wie auch über eben dieses Marmarameer wie gesagt Konstantinopel schnell einzunehmen.

Für diese Passage hat der Autor offensichtlich ein Schreiben aus Konstantinopel benutzt. Wenn es im Namen des Kaiser verfasst wurde und an den Grafen von Flandern gerichtet war, kann es sich nur um die Anwerbung von Berufskriegern gehandelt haben. Von Anwerbung ist auch im nächsten Satz die Rede.

Also bitten wir um der Liebe Gottes und der Frömmigkeit aller griechischen Christen willen, dass Du alle gläubigen Streiter Christi -höhergestellte ebenso wie niedere oder mittlere-, die Du in Deinem Lande anwerben kannst, zur Hilfe für mich und die griechischen Christen hierhin führst ...

Aber dann wechselt der Ton abrupt:

... und dass sie sich bemühen, so wie sie Galizien und die übrigen westlichen Königreihe im vergangenen Jahr vom Joch der Heiden ein wenig befreit haben, so auch jetzt für ihr Seelenheil das griechische Königreich zu befreien, indem ich, obgleich ich Kaiser bin, mir kein Heilmittel und keinen geeigneten Plan zu finden weiß, sondern immer vor dem Anblick der Türken und Petschenegen fliehe und nur solange in einer einzelnen Stadt bleibe, bis ich ihr Kommen nahe fühle, und lieber Euren Lateinern untertan sein will als dem Spott der Heiden.

Für himmlischen Lohn

Die Idee, für das Seelenheil zur Waffe zu greifen, war dem Denken in Ostrom völlig fremd. Gerade weil für die Griechen das Waffenhandwerk als zutiefst unchristlich galt, war Ostrom auf Söldner aus dem Ausland angewiesen. Wie ausgeführt, hätte sich ein Kaiser Ostroms auch niemals als hilflos darstellt oder gar angeboten, jemandem untertan zu sein. Es handelt sich um die Denkweise und Imaginationen eines lateinischen Klerikers. Noch deutlicher wird das in den folgenden Passagen:

Ihr sollt also, bevor Konstantinopel von ihnen eingenommen wird, mit ganzer Kraft und besonders tüchtig streiten, damit ihr voll Freude im Himmel ruhmreichen und unaussprechlichen Lohn empfangt. Denn es ist besser, dass Ihr Konstantinopel besitzt als die Heiden, weil in der Stadt überaus kostbare Reliquien des Herrn verwahrt werden, als da sind ... (folgt ausführliche Aufzählung) Diese vorgenannten Dinge aber sollen alle eher die Christen als die Heiden haben, und es wird allen Christen eine große Stütze sein, wenn sie dies alles haben, ein großer Schade aber und eine Verurteilung, wenn sie es verlieren.

Was in Ostrom zu holen ist

In dieser Version bietet der Kaiser zwar nicht speziell die Frauen Ostroms an, dafür aber ganz Ostrom samt seinen Reichtümern. Wäre Alexios so weit gegangen, hätte er den Tag nicht überlebt, an dem es in Konstantinopel bekannt geworden wäre. Der Autor konnte ohne Risiko eine Begehrlichkeit anfachen, die im Westen virulent war.

Wenn sie aber dafür nicht kämpfen wollen und Gold mehr lieben, so werden sie in Konstantinopel mehr finden als auf der ganzen Welt. Denn allein die Kirchenschätze von Konstantinopel quellen über von Silber, Gold, Perlen, kostbaren Steinen, seidenen Tuchen, d.h. Altartüchern, die für alle Kirchen der Welt aus reichen könnten. Diese ganzen Schätze jedoch übertrifft der unermessliche Schatz der Mutterkirche, nämlich der Hagia Sophia, d.h. der Weisheit Gottes, und er kann ohne Zweifel den Schätzen des Tempels Salomons gleichgestellt werden. Was soll ich noch vom grenzenlosen Schatz der Adeligen reden, wenn schon den Schatz der einfachen Händler niemand schätzen kann?

Konfuser Schluss

Von dem, was man in den Schätzen früherer Kaiser findet, sage ich mit Bestimmtheit, dass es keine Zunge gibt, die ihn wiedergeben könnte, da nicht allein der Schatz der Kaiser von Konstantinopel dort aufbewahrt wird, sondern der Schatz aller alten römischen Kaiser dorthin übertragen und in den Palästen versteckt worden ist. Was soll ich noch mehr sagen? Was offen vor Menschen Augen liegt ist nichts im Vergleich zu jenem Verborgenen. Eilt also mit Eurem ganzen Volk und kämpft mit allen Euren Kräften, damit nicht ein solcher Schatz in die Hände der Türken und Petschenegen fällt, weil nämlich, obwohl sie unbegrenzt sind, täglich noch 60.000 erwartet werden und ich fürchte, dass sie durch jenen Schatz unsere gierigen Soldaten allmählich verführen könnten, wie Julius Caesar es einst getan hat, der das Reich der Franken durch Begehrlichkeit vereinnahmte, und wie der Antichrist, bereit, die ganze Welt einzunehmen, am Ende der Welt handeln wird. Handelt also, solange ihr noch Zeit habt, damit ihr nicht das Königreich der Christen und was schlimmer ist, das Grab des Herrn verliert und von daher nicht Gericht, sondern Belohnung im Himmel habt. Amen. Ende des Briefes.

Und die Historiker-Zunft? Es gab Streit. Die einen weisen nach, kein Wort könne in der Kanzlei des Kaisers geschrieben worden sein. Andere entgegnen, es handele sich um die Bearbeitung eines echten Briefes. Der einflussreichste Fachmann für die Kreuzzugsbriefe, Dr. Heinrich Hagenmeyer nimmt an, der Kaiser habe 1088 ein Hilfeersuchen verfasst, und der Urheber habe es benutzt. Selbst wenn das stimmt, also jemand einen Brief bearbeitet hat, hat er ihn doch gefälscht. Ergo taugt das Resultat nicht zu Wahrheitsfindung zu Frage eines Hilfeersuchens. Alles spricht dafür, dass der Brief rundum echt ist, und nur der Absender nicht stimmt. Die Zunft verweigert diesem Dokument die gebührende Anerkennung, in dem sie über die Echtheit räsoniert, statt seine Bedeutung für die Grundierung abendländischer Feindbilder hervorzuheben.

Alexios brauchte Söldner

Nehmen wir an, die sachlich gehaltenen Passage des Alexios-Briefs wurde so oder ähnlich in der kaiserlichen Kanzlei formuliert. Was kann dann mit den erbeteten lateinischen Christen gemeint sein: Söldner oder ein ganzes Heer unter lateinischem Kommando? Im Heer Ostroms dienten jede Menge lateinischer Christen als Söldner. Zwecks Rekrutierung war es nötig, sich an deren Landesherren zu wenden. Dafür gibt es einen Beleg, der eben jenen Robert, Graf von Flandern ins Spiel bringt, der als Adressat des Briefes angegeben ist. Im Jahr 1087 hat es Alexios mit den Skythen zu tun. Auf dem Rückzug nach einer verlorenen Schlacht schlägt er in der Stadt Beroea sein Quartier auf. Anna Komnen:

In Beroea traf der Graf von Flandern auf dem Rückweg von Jerusalem Alexios und leistete ihm den üblichen lateinischen Eid. Er versprach, nach seiner Rückkehr in der Heimat dem Kaiser 500 Berittene zu senden.

Klingt, als hätte Alexios dem Grafen getraut. Weil Robert ihm schon einmal Söldner besorgt hatte, auf eine schriftliche Anforderung hin? Es gibt nur einen Hinweis, der dafür spricht. Papst Urban, Brief vom Dezember 1095.

An alle in Flandern weilenden Gläubigen ... Wir glauben, dass eure Brüderschaft schon längst durch den Bericht vieler Leute erfahren hat, dass eine barbarische Raserei die Kirche Gottes im Orient durch eine elende Anfeindung verwüstet hat ...

Was heißt viele Leute? Doch wohl kaum fernreisende Kaufleute, sondern eher Söldner, die unter Alexios gedient hatten. Es ist also nicht auszuschließen, dass Alexios beim Grafen um das Jahr 1080 schriftlich Söldner anforderte und einen Lagebericht beifügte. Wenn aber in einem amtlichen Schreiben aus Konstantinopel um etwas gebeten wurde, dann sicher nicht um Beistand, sondern um die Anwerbung von Berufskriegern, die eidlich verpflichtet in der kaiserlichen Truppe dienen sollten. Eine ganzen Armee unter lateinischem Kommando anzufordern, musste Alexios schon allein wegen seiner Erfahrungen mit der Truppe Robert Guiscards fern liegen. Er erschauerte laut Anna schon beim Gedanken an eine solche - und sollte Recht behalten.

Es war bezeichnend für Alexios: Er dachte scharf über seine Projekte nach und machte sich mit großer Energie daran, sie zu vollenden ... Aber er konnte sich nicht ausruhen. Es kam ihm zu Ohren, dass sich zahllose fränkische Armeen im Anmarsch befänden. Er fürchtete ihre Ankunft, weil er ihre unkontrollierten Leidenschaften kannte, ihren unsteten Charakter, ihren Wankelmut. Zu erwähnen sind auch die anderen Eigenschaften der Kelten und ihre unvermeidlichen Folgen: Ihre Geldgier zum Beispiel, die sie dazu brachte, die von ihnen getroffenen Vereinbarungen bei jeder Gelegenheit bedenkenlos zu brechen. Das hatte man immer wieder erzählt und es war völlig berechtigt. Er war aber nicht verzweifelt, sondern scheute keine Mühe um notfalls auf einen Krieg vorbereitet zu sein.

Die Chronisten, sprich Kriegsberichterstatter, haben die unterwegs angetroffenen Griechen des Verrats und anderer Vergehen bezichtig. Damit kamen sie nicht in die Verlegenheit, das Ausbleiben selbstloser Taten zu erklären. Wenn es keine christlichen Brüder gibt, kann man ihnen auch nicht helfen. Ob es im lateinischen Westen eine gewisse Bereitschaft gab, selbstlos aus brüderlicher Nächstenliebe zu Hilfe zu eilen, weiß kein Mensch. Wer behauptet, Alexios habe an eine derartige Bereitschaft appelliert, unterstellt, er habe an sie geglaubt. Gerade er, der 25 Jahre lang keine Spur einer solchen Bereitschaft wahrnehmen konnte, und sogar von Westen aus angriffen wurde.

Kaltes Kalkül

Seit Frutolf von Michelsberg erzählen abendländische Historiker, es sei der Kirche und manchen Pilgern darum gegangen, den bedrängten Ostchristen zu helfen. Nach dem Motto: Sehet, es gibt doch, das Gute im Christenmenschen. Die Frage ist nur, glaubten auch Urban und seine Kollegen in Clermont daran? Nicht unbedingt.

Wer nur aus Frömmigkeit, und nicht zur Erlangung von Ehre oder Geld zur Befreiung der Kirche Gottes nach Jerusalem aufgebrochen ist, dem soll die Reise auf jede Buße angerechnet werden.

Im Klartext: Straferlass nur für Pilger, die zur Bereicherung der Kirche tätig werden, statt zur ihrer eigenen. Die Herren machten Druck, weil sie natürlich die Gewohnheiten der Ausgesandten kannten und fürchteten, die Kirche käme zu kurz. Nach dieser Einschätzung stand es aber auch nicht gut mit der Hilfsbereitschaft gegenüber den Mitchristen im Osten. Schlimmer noch. Wenn zu befürchten war, dass den Pilgern der Sinn nach Erlangung von Ehre oder Geld stand, schwebten die wehrlosen Christen im Osten in höchster Gefahr. So viel zur Hilfsbereitschaft der zu Clermont versammelten Würdenträger.

Verklärung

Manchen neuzeitlichen Historikern kommt es offenbar darauf an, dass ein offizielles Hilfeersuchen vorlag, um ihrem Publikum eine Rechtfertigung für die Kreuzzüge zu liefern. Die Zeitgenossen nennen im Übrigen die Unternehmung noch Expedition und unterwegs waren in den lateinischen Chroniken nicht Kreuzfahrer sondern abwechselnd etwa Francos, miltes Christi, Christianos oder auch schlicht peregrini, also Pilger. Steven Runciman umgeht eine Stellungnahme zum Alexios-Brief , in dem er ihn nicht erwähnt. Hans Eberhard Mayer skizziert die Debatte unter Historikern, enthält sich aber eines eignen Urteils. Ganz gefälscht die einen, in der Substanz echt, die anderen. Die den Brief unbedingt retten wollen, halten offensichtlich einen Angriffskrieg mit einem offiziellen Hilfeersuchen für anständiger als einen, den man zum Zweck von Eroberungen unternimmt. Und die Zeitgenossen? Sie sprechen überwiegend von Botschaften oder Nachrichten, ohne Absender oder Empfänger zu nennen. Warum auch, sie hatten an der Legalität der Unternehmung nicht die geringsten Zweifel. Ihre beschönigende Rede von brüderlicher Hilfe diente der Beschwichtigung von Kritik.

Die Kritiker und die neue Welt

Raimund von Aguilers, dabei beim ersten Feldzug:

Wir schreiben dieses Buch, damit alle jenseits der Alpen von den machtvollen Werken erfahren, die der Herr in seiner immerwährenden Güte durch uns verrichten ließ. Wir übernehmen diese Aufgabe, weil dem Krieg Fernstehende und feige Deserteure über uns mehr Lügen verbreitet haben als die Wahrheit. Das Buch soll zukünftige Leser befähigen, die Freundschaft und den Rat solcher Abtrünniger zu meiden.

Schriftstücke von damals sind in der Regel nur erhalten, wenn sie oft kopiert wurden. Die damit betrauten Mönche haben wohl eher davon Abstand genommen, Notizen oder Briefe abzuschreiben, in denen Kritik an der Unternehmung geübt wurde. Es sind jedenfalls keine gefunden worden. Dass es kritische Kleriker gab, wissen wir nur, weil Chronisten sie abgekanzelt haben. Der Chronist Frutolf vor 1099:

Die Menschen unseres Volkes eiferten nach Gott, aber nicht nach seiner der Weisheit, denn auf der Heerfahrt, die Christus zur Befreiung der Christen bestimmt hatte, verfolgten sie statt dessen andere Christen ... Aus diesem Grund haben einige einfältigere Brüder, welche die Sache nicht durchschauten, daran Anstoß genommen und das ganze Unternehmen voreilig als vergeblich und anmaßend verurteilt.

Vor 1106. Ekkehard von Aura betont, dass die Expedition von Gott angeordnet wurde und auch, warum er daran erinnern muss:

... vor allem wegen der Anschuldigungen von Seiten einiger unverschämter Toren, die sich immer mit dem alten Irrtum zufrieden geben und mit anmaßendem Geschwätz das Neue verurteilen, das in einer alternden und beinahe zugrunde gehenden Welt dringend vonnöten ist.

Der Umgangston mit Kritikern klingt vertraut. Der alte Irrtum? Die frühen Christen lehnten jeden Waffengebrauch kategorisch ab. Ekkehards Einschätzung ist so entlarvend, dass sie in den Gesamtdarstellungen prompt nicht zitiert wird. Das Neue ist genau das, was er betreibt, nämlich einem normal grässlichen Feldzug mit hohen Idealen zu verknüpfen. Hier wird gerade die bis heute moderne Kriegspropaganda erfunden

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