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Peter Milger - Gegen Land und Leute - Der 30jährige Krieg

(2) Der Prager Fenstersturz - Vorwand, nicht Ursache


Streit um die im Majestätsbrief garantierten Rechte, Prager Fenstersturz, Krieg in Böhmen - es geht um das Königreich Böhmen, also wie üblich um Macht, Landbesitz und Steuererhebung, und nicht um irgendeinen Glauben, eine Religion, eine Konfession.

FRIEDENSGEBOT

Wie verhindert man Kriege? Diese Frage hat die damalige Gesellschaft nicht weniger beschäftigt als die heutige. Da weltliche wie geistliche Fürsten, Ritter wie Städte, ihre Streitsachen habituell gewaltsam austrugen (Fehden) , hatten Konzilien und Reichstage immer wieder Friedensgebote erlassen. Seit 1495 gehörte der "ewige Landfriede" zur Verfassung des Reichs und seit 1527 war in Speyer das "Reichskammergericht" für entsprechende Streitsachen zuständig. Der Vorsitzende wurde vom Kaiser ernannt, die Richter zum Teil vom Kaiser, zum Teil von den Reichsständen. Und da haben wir schon das Problem: Kaiser und Gericht waren beim Streit um die geistlichen Güter und die böhmische Krone Partei, konnten also nicht schlichtend wirken.
ES FÄNGT KLEIN AN

Berliner Zeitung vom Januar 1618:

"Aus Prag. Die Bürgerschaft zu Braunau hatte neulich mit ihrem Abt wegen einer ihrer evangelischen Kirche Händel."

Die böhmische Hofkanzlei hatte den Protestanten in Braunau befohlen, die Schlüssel ihrer Kirche an den Abt des dortigen Klosters zu übergeben. Begründung: Die Kirche sei auf einem Grundstück des Klosters errichtet worden. Da die Bürger sich weigerten, wurden sechs von ihnen verhaftet. Diese "Händel" lösten erhebliche Unruhe aus. War das der Beginn der Gegenreformation im Königreich Böhmen?
Gegenreformation
Händel in Braunau. Illustration zu Schillers Geschichte des 30jährigen Krieges
DIE GEGENREFORMATION IM BILD

Im heutigen Broumov im Nordosten Tschechiens nahe der Grenze zu Polen lohnt es sich, den heutigen Klostervorsteher um die Schlüssel der Kirche zu bitten. Es ist nicht mehr die alte, die aus Holz war und 1622 abgerissen wurde. Ein Fresko über dem Altar zeigt den Triumph der Katholischen über den böhmischen Protestantismus. Die Szene ist einerseits recht liebreich, insofern die Jungfrau Maria gleich zweimal darin vorkommt. Andererseits ist sie ziemlich rabiat. In der Mitte thronend überwacht die Gnadenreiche nämlich himmlische Kräfte, die schwere Steine auf besiegte Protestanten wälzen. Gleich daneben halten zwei Engel ein kleines, sanftes, aber ruhmreiches Bild: Maria mit dem Kinde. Ein gewisser Pater Domenicus soll damit die katholischen Heerscharen ins Schlachtgetümmel gelockt haben. Doch davon später. Der Abt des Klosters im Jahr 1998, P. Josef Zeman, legt Wert auf die Feststellung, der Bau der Kirche auf dem Klostergrundstück habe einen Verstoß gegen den Majestätsbrief dargestellt. Seinem Vorgänger, P. Wolfgang, gelang es aber 1618 nicht, die Kirche in seinen Besitz zu bringen. Er musste, um sein Leben fürchtend, am Ende aus der von Protestanten dominierten Stadt fliehen, woraufhin das Kloster geplündert und enteignet wurde.
Hroby Klostergrab
Bis auf die Grundmauern abgerissen. Protestanten-
Kirche von Klostergrab
TATKRÄFTIGER ERZBISCHOF

Händel gab es auch in Klostergrab, heute Hroby, in der Nähe der tschechisch-sächsischen Grenze. Auch da gibt es etwas zu besichtigen: die Ruinen einer Kirche, die Anfang 1618 ebenfalls die Gemüter bewegte. Die Berliner Zeitung:

"Desgleichen hat man unlängst der evangelischen Bürgerschaft zu Klostergrab, dem Prager Erzbischof gehörend, ihre neu erbaute Kirche abgesprochen. Es wurde ihnen auferlegt, sie bis auf den Grund abzureißen. Es ist hernach durch päpstliche Personen geschehen."

Und zwar unter Anleitung des Prager Erzbischofs Lohelius, der mit 100 Mann aus seinem nahen Kloster Osek anrückte, um den Sakralbau auf seinem Grund und Boden (seine Auslegung) zu eliminieren. Tatsächlich waren die Besitzrechte beim Kirchengut im Königreich Böhmen besonders strittig, weil es ja durch zwei reformatorische Bewegungen erschüttert worden war: Die hussitische und die protestantische. Das Kloster Osek hatte samt Liegenschaften und Untertanen mehrfach den Nutznießer gewechselt, wie die meisten anderen auch.

DIE FRONTEN

Der hochgebildete Adel des Königreichs Böhmen war mehrfach gespalten: Die Protestanten, ob hussitisch, lutherisch oder kalvinistisch, waren sich allerdings einig, "ständische" und somit auch "nationale" Regierungsformen anzustreben: Und zwar auf der Rechtsgrundlage des erstrittenen Majestätsbriefs. Die katholische Partei bestand grob gesehen aus zwei Fraktionen: Einer "gemäßigten", die auch "nationale" Interessen im Auge hatte, und einer "radikalen", die spanisch-habsburgische Ziele verfocht. Letztere sah sich am Zuge, und neben den Jesuiten drängte vor allem der spanische Hof auf eine Kassierung des Majestätsbriefs. Die protestantischen Stände, sowohl "Ritter" als auch "Herren" hielten die behördlichen Maßnahmen in Braunau und Klostergrab für eine Kampfansage, und als solche waren sie wohl auch gedacht.

1618: FERDINAND ANTE PORTAS

Der noch amtierende König von Böhmen, Kaiser Matthias, war eher zögerlich mit von der Partie, während der designierte König, Erzherzog Ferdinand, schon die harte Gangart anstrebte. Der Habsburger hatte ja schon in seinen Erbländern Steiermark, Kärnten und Krain bei der Jagd auf Protestanten geübt. Und war, wie erinnerlich, in der Jesuitenhochburg Ingolstadt zusammen mit dem bayrischen Maximilian ausgebildet worden. Trotzdem hatten die böhmischen Stände ihn zum Nachfolger von Matthias gekürt, unter der Bedingung, selbstredend, dass er die im Majestätsbrief garantierten Freiheiten und Privilegien beeiden würde. Über die Einhaltung der verbrieften Rechte wachten die von den Ständen eingesetzten "Defensoren". Denen nicht verborgen blieb, das sich etwas zusammenbraute. Berliner Zeitung:

"6. Februar. Prag: Weil die Religionsverfolgung an unterschiedlichen Orten in Böhmen so sehr überhand nimmt, sind in vergangener Woche die 24 evangelischen Defensoren hier zusammenkommen."

Die Analyse der Lage war nicht einfach. Waren die Maßnahmen in Braunau und Klostergrab nur Teil des ständigen Kleinkriegs um kirchliche Güter, oder sollte eine Säuberung à la Ferdinand nun auch im Königreich Böhmen durchgezogen werden? Schrecklicher Gedanke. Aber die Habsburger Kaiser hatten doch immer mit sich reden lassen. Also beschlossen die Defensoren zunächst nur zu erkunden, wer den Befehl für die Attacken auf die Kirchen gegeben habe. Natürlich hofften sie, dass es nicht der Kaiser selbst war. Dem Abt in Braunau hatte Erzherzog Ferdinand zum Amt verholfen, und sicher nicht nur zum Beten.

TUMULT IN BRAUNAU

Weil die Protestanten die Schlüssel der Kirche weiterhin nicht herausrückten, forderte der Abt den Beistand kaiserlicher Kommissare an. Berliner Zeitung:

"Prag, 20. März. Die wegen der Einnehmung der evangelischen Kirche nach Braunau gereisten Kommissare sind hier wieder angekommen und haben nichts verrichtet. Sie kamen ohne Schaden davon, obwohl sich allerhand gemeiner Pöbel zusammengerottet hatte. So haben sie nur die Instruktion und den kaiserlichen Befehl der Gemeinde übergeben. Die Antwort war, sie könnten nicht gehorchen, weil sie die Kirche mit großen Unkosten gebaut hätten, wobei mancher fast um sein Vermögen gekommen sei. Sie wollten daher ihr Leben ganz dafür einsetzen. Ob man einen Krieg wider sie führen wird, gibt die Zeit."

WER STECKT DAHINTER?

Die Defensoren beriefen einen Landtag der protestantischen Stände ein. Der sah die im Majestätsbrief gewährten Rechte verletzt, legte Beschwerde beim Kaiser ein und vertagte sich auf den 21. Mai. Die Antwort kam postwendend und knallhart: Der Kaiser hätte den Abriß der Kirchen nicht angeordnet, er stelle aber auch keine Verletzung des Majestätsbriefs dar, im übrigen seien nun weitere Sitzungen des Landtags bei Strafe verboten. Was war das? Wer steckte hinter der ungewohnten Härte? Wer hatte den Kaiser beraten, gar gedrängt, mit dem Versammlungsverbot den Majestätsbrief außer Kraft zu setzen? Und wer steckte hinter der Demolierung der Kirchen, wenn nicht Matthias? Der Landtag fand statt, des Verbots ungeachtet. Es setzte sich die Auffassung durch, dass vor allem Habsburgs Statthalter in Böhmen die Kassierung des Majestätsbriefs betrieben. Die Ständevertreter begaben sich am 23. Mai bewaffnet in das Schloß auf dem Hradschin, die einen wohl nur, um die Beamten zur Rede zu stellen, andere auch, um eventuell Hand anzulegen. Letztere hatten eine Anklageschrift aufgesetzt und vorsorglich auch ein Urteil.

PRAGER SPEZIALITÄT: FENSTERSTÜRZE

Eine Besonderheit der traditionellen Prager Rechtspflege ist die sogenannte Denfenstration. Die erste folgenreiche kam während der hussitischen Unruhen im Juli 1419 zur Anwendung, nachdem reichstreue Amtswalter Härte demonstriert hatten, und zwar mit Todesfolge. Daraufhin lenkte der Hussitenführer Jan Zelivski eine Prozession von der Schneekirche zum Neustädter Rathaus. Ein Teil der Menge drang ein, ergriff einige Beamten und warf sie aus dem Fenster in die Lanzen der unten wartenden. Der Ausgang dieser spezifischen Umgangsform war also blutiger als bei der zweiten Ausführung rund 200 Jahre später. Am Tatort, in der berühmten "böhmischen Kanzlei" des Prager Schlosses, erzählen die einheimischen Führer in allen Weltsprachen den Hergang meist mit einer gewissen patriotischen Häme. Wenn sie zur Landung der drei Kaiserlichen auf einem Kothaufen kommen, ist auch das Publikum überwiegend ganz vergnügt.

ALTE RIVALEN

Graf Matthias von Thurn, der in der Steiermark die Entschiedenheit der "Reformatoren" neuen Stils erlebt hatte, gilt als der Wortführer der Eindringlinge. Vier Statthalter waren anwesend, auf zwei hatten sie es besonders abgesehen, auf die Herren Martinitz und Slavata, Großgrundbesitzer neben ihrem Amt. Man kannte sich gut. Thurn hatte Slavata 1611 das Burggrafenamt von Karlstein weggenommen und war 1617 von Martinitz wieder daraus verdrängt worden.
Fenstersturz Prag
Verhör weggelassen: Der Fensterstrurz im Theatrum Europaeum

EINE ART VERHÖR

Folgt man dem Bericht des defenstrierten Martinitz, so war es keineswegs ein kurzer Prozeß, den die Ständevertreter abhielten. Sie lasen vorher formulierte Anklagen vor, auf die die Hauptbeschuldigten, Martinitz und der oberste Landrichter Slavata, juristisch versiert antworteten. Teilweise ging es um Händel, die die Herren schon früher miteinander ausgetragen hatten, um Kirchen und Ämter. Weitere Vorwürfe: Die beiden würden den Majestätsbrief sabotieren, hätten den Drohbrief des Kaiser veranlaßt und die Untertanen auf ihren Gütern zum katholischen Glauben gezwungen. Die Beschuldigten widersprachen in allen Anklagepunkten. Nur den Glaubenswechsel räumten sie ein, aber der sei ohne Druck herbeigeführt worden. Es war wohl Graf Thurn, der das mündliche Urteil sprach, von Martinitz so überliefert:

"Sehet, liebe Herren, diese zwei sind unsere und unserer Religion größte Feinde, welche uns um den Majestätsbrief, Vergleichung und unserer Religion Freiheiten bringen wollen. Glaubet gewiß, alle Herren, solange diese im Land verbleiben, dass wir nie mit unserem Majestätsbrief, ja auch selbst mit unseren lieben Weibern und Kindern des Lebens nicht sicher sein würden. Und wo wir sie beim Leben lassen, da wäre es schon um den Majestätsbrief und unsere Religion geschehen, auch werden wir alle hierbei an Leib, Ehre und Gut verdorben und verloren sein."

Das Urteil war auch schon schriftlich vorbereitet, jedenfalls laut Martinitz, der die Verlesung zitiert:

"Derohalben wir die beiden zu Feinden für unser und unseres Landes Frieden deklarieren und publizieren. Werden auch wider sie mit ernstlicher Strafe alsbald verfahren."

MARIA ZUR STELLE

Slavada, wie Martinitz inzwischen zum Grafen erhoben, in seiner Lebensbeschreibung, von sich selbst in der dritten Person sprechend:

"Es gebührt sich, dass ich hier etwas weitläufiger beschreibe..., wie Gott der Allmächtige diese zwei Grafen wunderbarer Weise beschützt hat... Obwohl ihnen die zwei Grafen auf alles antworteten, was ihnen boshafter Weise vorgeworfen wurde, auch wider den barbarischen Prozeß genugsam protestiert haben..., haben jene auf die zwei Grafen einen gewaltigen Anlauf genommen und sie unverschämt angegriffen. Erstlich haben vier vom Herrenstand und eine Ritterperson... den Grafen von Martinitz mit Gewalt ergriffen, ihn bei den Händen stark gehalten und ihn zu den schon offenen Fenstern geführt, indem sie schrieen: "Nun wollen wir uns wider unsere Religionsfeinde rechtschaffen verhalten.""

Martinitz habe nun, den Tod vor Augen, nach einem Beichtvater verlangt.

"Allein die anwesenden Herren gaben ihm zum Bescheid: "Jetzt werden wir dir noch einen schelmischen Jesuiten zuführen." Indem sich Graf Martinitz darüber höchst betrübet und, seine Sünden herzlich bereuend, zu beten anfing: "Jesu, du Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich meiner, Mutter Gottes, gedenke mein", hoben ihn die genannten Personen von der Erde und stürzten ihn samt Rapier und Dolch, doch ohne Hut, mit dem Kopf voraus aus dem Fenster in die Tiefe des Schloßgrabens. Nachdem er im Herabfliegen unaufhörlich den Namen "Jesus, Maria" gerufen, ist er aber so sanft auf die Erde gesunken, als wenn er sich setzen täte, so dass ihm durch die Fürbitte der Jungfrau Maria und den Schutz Gottes der schreckliche Fall an seiner Gesundheit trotz seines schweren Leibes nicht geschadet hat."
Prager Fenstersturz Prager Fenstersturz
Hilfreiche Engel - fromme Habsburger Sicht
Böhmische Häme sah Mist im Spiel - oder Steine
HIMMLISCHE MÄCHTE?

Also kein Kehricht, sondern Maria. Nach einem kurz darauf verbreiteten Flugblatt waren es Engel, die den freien Fall bremsten. Ungläubige haben es leicht, die anderen seien auf gewisse Unstimmigkeiten hingewiesen. Als würde Slavata sein Zeugnis über die gewährte Landungshilfe nicht genügen, fügt er hinzu, fromme Leute hätten von der Karlsbrücke aus gesehen wie:

"die allerseligste Jungfrau Maria den Herrn mit ihrem Mantel in den Lüften erhalten und auf die Erde getragen hat."

Welches Martinitz nach eigener Bekundung

"nicht so deutlich gesehen hat... aber wegen gewisser und jeder Zeit längst erwarteter Märtyrerkronenerlangung sei es ihm vorgekommen als wenn sich der allerhöchste Himmel darinnen er in die ewige Gloria alsbald eingehen sollte, recht aufgemacht hätte."

Also wenn's der Gerettete selbst nicht glaubt, darf man wohl zweifeln. Und überhaupt: Warum rettet Maria nur Martinitz und überläßt zwei gute Katholiken dem Naturgesetz? Fragen über Fragen.

ODER DOCH KEHRICHT?

Martinitz über den Sturz seines Leidensgenossen Slavata:

"Sie haben erst die Finger seiner Hand, mit der er sich festgehalten hat, bis aufs Blut zerschlagen und ihn durch das Fenster ohne Hut, im schwarzen samtenen Mantel hinabgeworfen. Er ist auf die Erde gefallen, hat sich noch 8 Ellen tiefer als Martinitz in den Graben gewälzt und sich sehr mit dem Kopf in seinen schweren Mantel verwickelt."

Kein Engel, kein Kehricht. Einfach auf die Erde. Slavatas Fall wurde durch ein Fenstersims gebremst, endete aber unsanft. Er über sich selbst::

"Graf Slavata hat sich an dem steinernen Gesims des untersten Fensters angestoßen und ist auf der Erde mit dem Kopf noch auf einen Stein gefallen."

Martinitz über den dritten im Bunde:

"Haben letztlich noch den dritten, Herr M. Philipp Fabricius, röm. kais. Rat und des Kgr. Böhmens Sekretarius..., in den Graben geworfen."

Das Theatrum läßt kurz darauf den himmlischen Beistand weg, führt aber den Kehricht ein:

"... haben sie aus der Kanzlei durchs Fenster hinab in den Graben gestürzt. Weil sie aber zum großen Glück auf einen Misthaufen gefallen, ist ihnen an dem Leben, obwohl es bei 40 Ellen hoch hinunter gewesen, kein Schaden gewesen... obwohl einige Pistolenschüsse nach ihnen geschehen, sind sie doch nicht getroffen worden und haben sich indessen verkrochen."

WAHRSCHEINLICH GERUTSCHT

Also mindestens 18 Meter. Da wäre ein Misthaufen schon hilfreich gewesen. Aber die Augenzeugen erwähnen keinen. War der Boden aber fest, gar steinig, besteht Klärungsbedarf. Einen freien Fall über 18 Meter überstehen gleich drei Ungeübte nicht so, dass sie auch noch weglaufen können. Die Lösung?
Prager Fenstersturz
Genau besehen, ist die Wand unter dem Fenster leicht angeschrägt. Delinquenten konnten nicht mit Schwung durch die Fenster expediert werden, dazu sind sie zu klein. Außerdem haben sie sich gewehrt, Martinitz hat sich noch festgehalten, als er schon draußen hing und ist am Sims des darunter liegenden Fensters vorbeigeschrammt. Die anderen wahrscheinlich auch. Sie sind also wohl mehr oder weniger gerutscht. Und Martinitz hatte genügend Zeit, noch einen Blick in den Himmel zu werfen.

REICH BELOHNT

Die beiden verletzten Defenstrierten schlupften bei Parteigängern unter und genasen. Als später wieder Habsburger Statthalter in Prag regierten, hat man ihnen je ein Denkmal am Ort ihrer Landung gesetzt. Für ihre Blessuren wurden sie reichlich entschädigt, unter anderem mit dem besagten Grafentitel. Der Sekretär, der beim Denkmalsetzen leer ausging, war am geschicktesten gestürzt und daher noch gut zu Fuß:

"Er hat stracks einen Landkutscher gedungen, ist aber nit aufgesessen, sondern bis eine halbe Meile von Prag gegangen. Hernach ist er geschwind aufgesessen, gerade auf Wien zugefahren und hat seiner Majestät von den Prager Begebenheiten Bericht abgestattet."

Rechtlich interpretierten die Ständevertreter die Gewalttat als Notwehr gegen jene, die einen Anschlag auf ihre Freiheiten unternommen hatten. Nach den Gesetzen des Reichs war es ein Akt der Rebellion. Strittig blieb in Dutzenden von Apologien beider Seiten, ob das Reich überhaupt zuständig sei.

FERDINAND: DAS IST DER KRIEG

Für Erzherzog Ferdinand nebst Anhang war es der erhoffte Anlaß, gegen die Stände loszuschlagen. Ohne jede Abwägung von Rechtsgründen fällten sie das Urteil: Rebellion. Ferdinand wußte, das es Krieg geben würde, weil er in wollte. Er legte dem Kaiser ein Konzept für die Finanzierung vor:

"Die eingezogenen Güter der Rebellen werden die Unkosten für den Krieg reichlich kompensieren und der Schrecken der Hinrichtungen wird die Stände zum Gehorsam bringen."

Ein Krieg, der das Königreich für Habsburg sichern und zusätzlich Gewinne abwerfen sollte. Wie praktisch dieser als fromm geltende Mann doch denken konnte. Kaiser Matthias und sein Kanzler Klesl haben die Tat anders bewertet. In einem versöhnlichen Schreiben an die protestantischen Stände bestritten sie, den Majestätsbrief kassieren zu wollen. Auch hätten sie niemanden dazu angestiftet. Die Tat wird nicht weiter qualifiziert, nur angemerkt:

"Im Prager Schloß und Königl. Residenz in der Böhmischen Kanzlei, sollte... die höchste Sicherheit und Respekt sein."

JEDENFALLS WIRD GERÜSTET

Graf Buquoy, in Brüssel für die Spanier tätig, wurde am 1. Juni nach Wien beordert, um seine Stelle als kaiserlicher Feldmarschall anzutreten. Graf Oñate stellte im Juni und Juli mit spanischem Geld ein Regiment auf und brachte ein zweites auf Sollstärke. Ferdinand musste noch Ruhe geben, weil als nächstes seine Wahl zum ungarischen König anstand. Als sie erfolgte, am 1. Juli 1618 in Preßburg, war sein Intimfeind Klesl anwesend, weil er noch gebraucht wurde.

KANZLER VERHAFTET

Der kaiserliche Diplomat Khevenhüller über die Ausschaltung Klesls :

"Ferdinand und Erzherzog Maximilian haben sich mit Zustimmung des spanischen Botschafters in höchster Stille dahin entschlossen, dass sie diesen Kardinal (Klesl) von der Römischen Kaiserlichen Majestät entfernen wollen."

Am 20. Juli 1618 begab sich Klesl ins Wiener Schloss. Dort harrten seiner:

"Der König (Ferdinand), der Erzherzog und der spanische Botschafter beisammen in einem Zimmer."

Aber nicht, um mit ihm zu sprechen, sondern um ihn verhaften zu lassen. Und zwar:

"Durch den Freiherrn Preiner, welcher allda samt den Obristen Grafen Dampierre und Graf von Collalto reisefertig aufgewartet."

Allmählich versammelt sich das Personal, das für einen Krieg gegen die böhmischen Stände in Stellung geht. Dampierre und Collalto werden als Truppenkommandeure teilnehmen. Dem Festgenommenen eröffnen sie:

"Das ganze hochlöbliche Haus Österreich hat sich mit der Päpstlichen Heiligkeit endlich und gewiß verglichen, seine, des Kardinals Person, um vieler Untaten und wegen schlecht geführtem Hofregiments an diesem Ort nicht länger zu dulden."

Klesl protestierte vergeblich. Er musste sein Kardinalsgewand ablegen, und wurde durch die drei "Kommissare" durch einen Geheimgang aus dem Schloss geführt.

"Alsda haben sie sich zusammen in eine verdeckte Kutsche gesetzt und sind zwischen 3 und 4 Uhr abends eilends fort nach Tirol gefahren, und haben sich auch von Wien bis an die steierische Grenze mit 20 Dampierrischen Reitern geleiten lassen."

Bei Klesls Dienern sprachen alsbald einige Herren vor und haben:

"des Kardinals Schatz und Schriften gefordert und beschlagnahmt."

Klesl wurde über Innsbruck nach Rom verschleppt, wo ihn der Papst in der Engelsburg verwahrte. Ferdinand brauchte neun Jahre, um ihm zu verzeihen. 1628 durfte Klesl nach Wien zurückkehren.

VERHÄRTUNG, BEIDERSEITS

Der gut informierte kaiserliche Diplomat versicherte, Kaiser Matthias habe von der Aktion erst erfahren, als Klesl schon in der Kutsche saß. Der kaiserliche Hof versuchte weiter, den Konflikt diplomatisch zu entschärfen. Die "Falken" auf beiden Seiten sind indessen überzeugt, dass es zum Krieg kommen würde. Die protestantischen Stände in Böhmen bildeten eine Art Militärregierung aus 30 Direktoren und baten die niederländischen Generalstaaten, die Union und besonders den neuen pfälzischen Kurfürsten Friedrich V. um Unterstützung. Andererseits versicherten sie wortreich dem Kaiser, zu einer friedlichen Regelung bereit zu sein. Aber der Krieg hatte schon begonnen. Das Theatrum meldete:

"Die Direktoren und Stände in Böhmen besetzten etliche an den Grenzen gelegene Orte, damit dem Volk, so der Kaiser nach Böhmen schicken möchte, der Eingang in das Königreich verwehret würde. Weil nun unter anderen auch in der Stadt Budweis und Krummau kaiserliche Besatzungen lagen, zog Matthias Graf von Thurn, Generalleutenant über das ständische Kriegsvolk, mit etlichen Tausend Mann dahin."

Gerüchte schwirrten in Prag. Die Jesuiten würden eine "Bluthochzeit" planen, also gegen die Protestanten vorgehen, wie die katholische Fronde einst gegen die Hugenotten in Paris. Ein Gegengerücht sollte die Stände diffamieren. Theatrum:

"Ist über die böhmischen Ständen ein Geschrei erschollen, als ob sie von dem türkischen Kaiser Hilfe begehrt hätte, oder einen Einfall in Ungarn."

Dem Kurfürsten von Sachsen, der, gut lutherisch, von den Unbotmäßigkeiten in Böhmen wenig hielt, schrieben die Stände:

"Es ist unserer Religion zuwider, mit den Türken zu korrespondieren."

Auch an den Kaiser wandten sich die Stände mehrfach. Theatrum:

"Als die Kaiserlichen mit Morden und Brennen und allerlei Tyrannei je länger je ärger gehaust, haben die Stände am 25. September ein Schreiben an den Kaiser abgehen lassen, dieses Inhaltes, was des Kaisers Kriegsvolk für Tyrannei verübt hätten."

WENN VOM FRIEDEN DIE REDE IST...

Damit "kein weiteres unschuldiges Christenblut fließe", boten die Stände Verhandlungen an. Es gab mehrere Anläufe zu Friedensverhandlungen, aber keine Seite hat ihn offenbar so richtig gewollt. Jedenfalls fraß sich der Krieg allmählich ein. Theatrum:

"Um den 10. Oktober haben an 50 niederländische Reiter aus dem böhmischen Lager mit Bewilligung ihres Rittmeisters einen Anschlag auf 300 Kaiserliche unternommen..., in die Flucht gebracht, viele erlegt und gefangen, und auch eine gute Beute von Pferden und anderem erobert... Eine Truppe kaiserliches Kriegsvolk, größtenteils Ungarn, hat um Tabor übel gehaust. Ist dann Ende Oktober von böhmischem Kriegsvolk angetroffen worden, hat 45 gefangen, Pferde und Beute wieder abgenommen."

RELIGION BEISEITE GESTELLT

Der nächste Kriegsunternehmer größeren Stils trat auf. Theatrum:

"Graf Ernst von Mansfeld ist mit etlichem Kriegsvolk in Böhmen angekommen, den Ständen zu dienen. Er hat sich Anno 1608 im Elsässischen Krieg in Erzherzog Leopolds Diensten als Kriegsobrist gebrauchen lassen. Da er keine Beförderung erfahren, hat er seine Religion beiseite gestellt und sich auf der Protestierenden Seite gelenkt."

Der Herzog von Savoyen, der auch mitmischen wollte, auch als Bewerber für die Kaiserkrone, hatte auf seine Kosten 2.000 Mann geworben. Die Pfalz vermittelte dann die Truppe unter dem Kommando Mansfelds an die böhmischen Stände. Das Personal, das sich demnächst einen Namen machen würde, und zwar einen furchterregenden, stellte sich langsam in Böhmen ein.

DIE BELAGERUNG DER STADT PILSEN

Theatrum, November 1618:

"Als Mansfeld nun Volk in möglicher Eile zusammengebracht, haben ihm die Stände etliches Landvolk gegeben, ihn mit Geschütz und Belagerungsgerät versehen und vor die Stadt Pilsen rücken lassen."

Die Pilsener hatten dem Kaiser ihre Treue erklärt.

"Um ihre Stadt besser zu schützen, steckten sie ihre schönen Vorstädte in Brand."

Der Kommandant und die Bürgerschaft lehnten einen Akkord ab, der sie 60.000 rheinische Taler gekostet hätte.

"Die Mansfeldischen haben mit zwei neuen Stücken (Kanonen) aus Prag bei dem Prager Tor eine spießbreite Lücke in die Mauer geschossen und meinten, am 18. November Sturm laufen zu können... Die Belagerten hatten aber in der Nacht trotz des Geschützfeuers, die Lücke mit Mist und eisernen Hacken versehen, so dass nichts auszurichten war..."

Am 21. November 1618 war es soweit. Es kommt zu modern anmutenden Straßenkämpfen:

"Aus einem Haus wurde stark auf die Anlaufenden gefeuert. Zwei Batterien haben daher in vier Stunden zwei Breschen hineingeschossen. Der Sturm fing an, obwohl die Soldaten durch ein Gewässer waten mussten, und etliche sind darin erschossen worden. Dann haben sie mit Leitern die Mauern erstiegen, ohne sich durch das ständige Abwehrfeuer abschrecken zu lassen. Ein Mörser, der mit vielen kleinen Steinstücken geladen war, richtete großen Schaden unter ihnen an. Schließlich brachen vier Batterien den Widerstand der Belagerten, so dass zehn Kompanien eindringen konnten. Die Verteidiger haben sich auf dem Markt hinter zwei mit Erde gefüllten Fässern verschanzt und mit einem Geschütz den Mansfeldischen stark zugesetzt. Das besagte Hagelgeschütz ist durch einen mansfeldischen Soldaten, der zufällig die Zündpfanne getroffen hatte, losgegangen. Die mansfeldischen Kompanien haben nun mit Äxten, Beilen und Steinpiken auf beiden Seiten der Gasse die Häuser durchgraben, ungeachtet des Feuers so über und neben ihnen brannte, welches die Pilsener gegen sie gelegt hatten. Von den eingenommenen Häusern sind die Mansfeldischen auf den Markt vorgedrungen und haben das Geschütz vernagelt."

Stadtrat und der Militärbefehlshaber kapitulierten, als die ganze Stadt besetzt war. Die kaiserlichen Söldner konnten abziehen, ein Teil trat in die Dienste Mansfelds. Es gehörte zu den Regeln des Berufsstandes, bezüglich der Religion des Dienstherren keine Fragen zu stellen.

"Ansonsten ist den Bürgern kein Leid geschehen, aber man hat niemanden, weder geistlich noch weltlich, bis auf weitere Verordnung der Direktoren aus der Stadt lassen wollen."

Die Bürger mussten nun für den Unterhalt der Mansfeldischen Besatzung aufkommen, was weniger schmerzhaft war, weil die kaiserliche sie auch nicht umsonst beschützt hatte.

1619. KRIEG ALS BEUTEZUG

In den Nachrichten vom Kriegsschauplatz kommt immer öfter das Wort "Plünderung" vor. Theatrum:

"Im Februar 1619 hat das Kriegsvolk der Böhmen die Kaiserlichen in Budweis und Krummau belagert. Trotzdem haben sie sich herausgewagt und etliche Streifzüge in die Herrschaft Schwanberg getan, etliche Flecken und Dörfer geplündert, zum Teil gar abgebrannt. Bisweilen aber sind sie von den Böhmen ereilt und tapfer gezwackt worden."

Die Kaiserlichen waren beim Beutemachen begünstigt, weil die meisten Grundherrschaften in Böhmen protestantischen Eignern gehörten und somit als Feindesland galten. Die Böhmen mussten sich mit der Plünderung von Klöstern und Gütern habsburgtreuer Landbesitzer bescheiden. Die jeweiligen Bauern konnten glauben was sie wollten, sie waren ihre Habe in jedem Fall los, egal welche Truppe bei ihnen reinschaute.

ERBEUTETE BEUTE

"4.000 Mann böhmisches und schlesisches Kriegsvolk haben zwei Meilen vor Zwetel (Oberösterreich) an vierzig Wagen angetroffen, die mit aus Böhmen geführtem Beutegut beladen waren. Dazu gehörten 70.000 Reichstaler und 1.000 Stück Vieh. Sie haben alles wieder in ihre Gewalt gebracht, nachdem sie die Begleitmannschaft besiegt hatten."

Bei den Beutezügen kam es gelegentlich vor, dass die Söldner ihrem eigentlichen Beruf nachgehen mussten.

"Inzwischen ist der Graf von Buquoy über 1.000 Mann stark aus Budweis gefallen um ein böhmisches Quartier anzugreifen. Als ihm nun böhmisches Kriegsvolk begegnet, hat selbiges etliche Stunden mit ihm scharmutziert, so dass auf beiden Seiten an die 500 auf der Wallstatt geblieben. Es ist also aus den Anschlägen beider Teile nichts geworden."

STRAFAKTION

"Anfang März ist der Graf von Dampierre auf das böhmische Städtchen Graz gezogen. Die Besatzung, die aus einer Kompanie Fußvolk bestand, hat sich in das Schloß zurückgezogen und den Dampierrischen mit heftigem Schießen zugesetzt. Weil der Graf von Dampierre ohne das Schloß die Stadt nicht halten konnte, aber um das Schloß zu beschießen keine Geschütze hatte, hat er das Städtlein plündern und anzünden lassen. Und ist dann wieder abgezogen."

Während sich bei den Nachrichten vom "Glaubenskrieg" eine gewisse Monotonie einstellte, lauerten die Potentaten Europas auf Neuigkeiten aus Wien.

KAISER GESTORBEN, FERDINAND KOMMT

"Den 20. März 1619 hat Kaiser Matthias morgens zwischen sieben und acht Uhr zu Wien in Österreich, als sein Alter sich auf 62 Jahre erstreckte, diese Welt gesegnet. Dessen Tod für viele so betrüblich war, weil das römische Reich in einem so gefährlichen Zustand steckte."

Der Kandidat der Gegenreformatoren zögerte nicht lange:

"Indessen hat König Ferdinand die Regierung des verlassenen Königreichs und über Länder, welche ihm von Erzherzog Albert übergeben worden waren, auf sich genommen."

WAFFENSTILLSTAND?

Nun öffnete sich für Ferdinand ein kostengünstiger Weg, um des Königreichs teilhaftig zu werden. Er befahl Buquoy am 31. März:

"Sich aller Hostilitäten und Gewalttätigkeiten zu enthalten."

Bei Angriffen aber solle er sich verteidigen. Die Proviantbeschaffung sei weiter erlaubt, aber ohne unerlaubte Gewalttätigkeiten. Im übrigen sei Geld für einen Monatssold unterwegs, bis dahin sei die Truppe bei guter Stimmung zu halten. Als sei nichts gewesen, teilte Ferdinand den Ständen mit, er gedenke nun die Regierung anzutreten und bestätigte ihnen, wie üblich, alle bisherigen Privilegien und Freiheiten:

"Item haben wir uns verpflichtet, wem unsere Vorfahren, Kaiser und Könige zu Böhmen etwas gegeben haben, und den Ständen oder Personen, entweder auf königlichen, geistlichen oder Lehnsgütern überschrieben haben, das wir demselben nachkommen, und es gänzlich halten wollen."

Hat Ferdinand sein Angebot ernst gemeint? Auch das werden wir nie erfahren. Die Stände jedenfalls glaubten es nicht. Ferdinand meinte später, sie hätten das Schriftstück gar nicht erst gelesen.

WAS DIE GROSSEN BEWEGT

Es wurde wieder verhandelt, und alle mischten wieder mit. Die Kurfürsten, Spanien, die Union, die Liga, die Stände. Auch über Frieden, aber nur halbherzig, wohl auch nur um den Schein zu wahren, denn es ging um mehr. Die große Politik bewegten vier Fragen: 1. Kann der zum König von Böhmen designierte Ferdinand nun auch wirklich König werden? 2. Wer wird Kaiser? 3. Was wird, wenn der Waffenstillstand zwischen den befreiten Niederlanden und Spanien ausläuft? 4. Was bahnt sich zwischen der kalvinistischen Kurpfalz unter Friedrich V. und den Ständen des Königreichs Böhmen an?

DIE MÄNNER FÜRS GROBE

Die Fürsten und Gesandten beider Lager verhandelten standesgemäß höflich miteinander. Was man gegeneinander vorhatte, war wie immer nicht persönlich gemeint. Die rauhen Umgangsformen delegierten sie an niedere Chargen. Das Theatrum berichtet, wie Ferdinands Anweisungen in die Tat umgesetzt wurden:

"Mittlerweile hat der Graf von Buquoy mit starkem Streifen, Plündern, Brennen und dergleichen von Budweis und Krummau einen großen Schrecken unter das Landvolk gebracht."

WALLENSTEIN


Der erfolgreichste Kriegsunternehmer des 30jährigen Krieges stammte aus dem niederen protestantischen Adel Böhmens. Mangels Erbmasse war er unter des Kaisers Soldaten gegangen und hatte aus Karrieregründen die Konfession gewechselt. Wallenstein kam zum ersten Mal im April 1619 in die Zeitung, mit dieser Nachricht:

"Der von Wallenstein ist mit seinem Regiment aufgebrochen, um einen Paß zu besetzen. Dieses Vorhaben ist bald zu Wasser geworden. Denn unterwegs hat des Obristen Volk gemeutert und ist umgekehrt."

Wallenstein war offensichtlich in Geldnöten, obwohl schon tüchtig bei der Beschaffung. In Olmütz brachte er die Barschaft der mährischen Stände an sich. Und zwar so:

"20. April 1619. Abends zwischen 9 und 10 Uhr ist der Obrist Wallenstein zum Steuereinnehmer gekommen, hat die Schlüssel zur Kasse begehrt und endlich mit bloßem Degen und Androhung des Henkens abgenötigt und 96.000 Reichstaler aus der Kasse genommen und noch in der selben Nacht in Begleitung eines Fähnleins Soldaten damit von dannen gezogen. Der von Wallenstein hat das Geld nach Wien gebracht und es König Ferdinand ausgeliefert."

Allerdings erst nach mehrfacher Aufforderung. Der Gewaltstreich machte bei den mährischen Ständen natürlich keinen besonders guten Eindruck und bestärkte jene, die für ein Bündnis mit den böhmischen Ständen eintraten.

VERSTÄRKUNGEN


Die Spanier schickten 4.000 Mann

Oñate hatte im Februar 1619 fast 300.000 Gulden spanisches Geld, um Truppen auszuheben. Es reichte, um 1.000 zu Pferd und 3.000 zu Fuß anzustellen, überwiegend Wallonen. Sie wurden in kleinen Gruppen nach Böhmen beordert, damit sie nicht schon unterwegs den Kriegszustand herstellen konnten.

Die freien Niederländer 1.500

Im Mai beschlossen die niederländischen Generalstaaten, den vereinten Ständen bis zum August monatlich 50.000 Gulden für den Krieg in Böhmen zu zahlen. Weiter entsandten sie ein Regiment Infanterie und mehrere Kompanien Kavallerie, zusammen etwa 1.500 Mann, über Brandenburg und Sachsen nach Böhmen.

NACH WIEN, DIE RECHTE BRAUT ZU FINDEN

Den Ständetruppen gelang es nicht, die kaiserlich-spanischen Truppen aus Budweis und Krummau zu vertreiben. Es gab lohnendere Ziele. Theatrum:

"Der Graf Matthias von Thurn ist mit seinem Kriegsvolk aufgebrochen und hat sich direkt auf die Stadt Wien zugewendet, in der Meinung, dort die Braut zu finden, worum der Tanz gehen sollte. Den 6. Juni nahm Graf Thurn die Vorstadt von Wien ein, wodurch alles in der Stadt in große Furcht und Kleinmütigkeit geriet."

Die böhmische Artillerie nahm sogar das herzogliche Palais unter Feuer, wofür sich der nachtragende Ferdinand später grausam rächen sollte.

PROTESTANTEN NICHT BEGEISTERT

Die protestantischen Stände in Wien befanden sich in einer Zwickmühle. Sie wären ihn schon gerne los geworden, den radikalen Landesherren. Nun aber drohte der Stadt, "mit stürmender Hand" eingenommen zu werden. Dabei wurde, nach den herrschenden Bräuchen, nicht nach dem Glauben gefragt.

"Den 8. Juni haben die in Wien anwesenden Stände, auf Ih. Majestät Königs Ferdinand Begehren ihre Gesandten herausgeschickt, und den Grafen Thurn fragen lassen, warum er mit einer so großen Kriegsmacht komme und der Stadt feindlich zusetzen wolle, da doch ihm und der böhmischen Krone von ihnen und der Stadt Wien kein Leid geschehen sei..."


BESCHREIBUNG DER GREUEL

Es war üblich, auf beiden Seiten, ins Auge gefasste Gewalttätigkeiten mit den selbst erlittenen zu begründen. Dazu dienten standardisierte Texte. Dass "Raub, Brand und Mord" alltäglich waren, bestätigen alle Augenzeugen, auch die unparteiischen. Bei gewissen Sadismen (Töten von Kindern im Mutterleib, Ehemänner müssen beim Vergewaltigen zusehen) ist Vorsicht geboten. Sie kommen schablonenhaft in Texten vor, die vor allem der Propaganda dienen. Graf Thurn begründete sein Erscheinen vor Wien mit den Untaten der von Ferdinand beschäftigten ungarischen Söldner:

"Welches Volk mit Raub, Mord, Brand und andern Untaten schrecklich grassiert, schlimmer als der Teufel frevelt und Gewalt gebraucht, in dem es sogar die Kinder im Mutterleib nicht verschont. Sie haben auch Jungfrauen und eheliche Weibspersonen geschändet, deren Männer teils niedergehauen, teils binden lassen und diesem Spektakel zuzusehen genötigt... Wie kann es einem christlichen Herz nur einfallen, seinen Mit- und Nebenchristen so erbarmungslos und unchristlich, in tyrannischer Weise zu verfolgen, so dass auch das von der Natur eingepflanzte Mitleid, ja die Natur selber Abscheu und Entsetzen darüber hat?"

Die Wiener konnten zutreffend entgegenhalten, sie seien nicht die richtigen Adressaten für diese naturrechtliche Belehrung. Wie es kam, dass sie selbst verschont wurden, meldet das Theatrum:

WIEN DAVONGEKOMMEN

"Als aber also alles in höchster Unruhe und die Wiener Sachen sehr gefährlich standen, wurde der Graf Thurn wegen der Niederlage Mansfelds von der Belagerung Wiens abgezogen."

DIE ERSTE GROSSE SCHLACHT

Die Nachricht erregte in ganz Europa Aufsehen. Theatrum:

"Wie nun hierauf viel spanisch-wallonisch Kriegsvolk in Budweis angekommen, haben die Böhmen den Grafen von Mansfeld um Beistand gebeten. Der zog am 8. Juni mit 8 Fahnen zu Fuß an 500 zu Roß aus Pilsen, um zu den Böhmen zu stoßen. Aber der Graf von Buquoy erfuhr davon und brach mit 1.000 Wallensteinischen Kürassieren, auch mit 5.000 Mann, ungarischem und wallonischem Volk, um die Vereinigung zu verhindern."

Gefecht und Exempel

"Die Ungarn haben den Marktflecken Rotelitz angefallen, in dem sich 30 Mansfeldische Musketiere tapfer wehrten. Als der Graf Mansfeld den Widerstand sah, hat er den Flecken den Wallonen und Ungarn preisgegeben, um Zeit zu gewinnen. Worauf selbige mit großem Ungestüm die Mauern erstiegen, und die darin befindlichen Musketiere niedergehauen haben. Danach haben sie den ganzen Flecken, weil die Bewohner bewaffnet waren, ausgeplündert und angezündet."

Schlachtaufstellung

"Wie die Sachen beschaffen waren, hat der Mansfeld einen Weg zurück suchen müssen und ist wieder bei dem genannten Flecken angelangt. Da tauchten die Truppen von Graf Buquoy auf, die ihm nachgeeilt waren. Der Mansfeld hat sein Volk in Schlachtordung gestellt und befohlen, eine Wagenburg zu machen, eelche aber wegen etlicher davonrennenden Wagen und erschrockener Fuhrleute nicht ringsherum geschlossen wurde. Die Reiterei stand vorne in einem Dreieck, das Fußvolk nahm dahinter die Gepäckwagen in die Mitte."

Mansfelds Reihen wanken

Wallensteins Regiment machte sich nützlich, aber der aufsteigende Heeresunternehmer war in anderen Geschäften unterwegs.

"Wie nun die Buquoischen herannahten, ließ der von Mansfeld auf die vordersten einen Angriff tun, welcher so glücklich abging, dass eine ziemliche Anzahl von Ungarn ins Gras beißen musste. Wallensteins Kürassiere kamen ihnen zu Hilfe und trieben die Mansfeldischen zurück, wodurch deren Reiterei in Unordnung geriet."

Bagage weg

"Als die Reiterei zerstreut und ein gut Teil des Fußvolks verloren war, kamen auch die übrigen Abteilungen in große Gefahr. Sie hatten den größten Teil der Feinde vor sich und hinter sich den brennenden Flecken, in den die Buquoischen Feuer eingeworfen hatten. So war fast die gesamte Munition mit einem guten Teil des Gepäcks verbrannt oder explodiert."

Fußvolk im Stich gelassen

"Unterdessen hatte der Mansfeld seine Reiterei wieder gesammelt und sich gegen die Ungarn zu dem Flecken durchgeschlagen. Da waren schon die Buquoischen und es brannte von allen Seiten. Obwohl ihm der Weg überall versperrt war, bemühte er sich, wieder zu seinem Fußvolk durchzukommen. Da haben ihn seine Offiziere bedrängt, der Not zu weichen und seine Person und die geringe Reiterei, die noch übrig war, für eine bessere Gelegenheit zu schonen. Er hat sich bereden lassen und die Retirade genommen."

Mit Knöpfen geschossen

"Indessen hat sich das restliche Mansfeldische Fußvolk redlich gewehrt, welches Treffen von 1 Uhr nachmittag bis um 4 Uhr andauerte. Da hat der Buquoy durch einen Trompeter (Parlamentär) sie aufgefordert, sich zu ergeben. Weil sie noch auf Entsatz hofften, haben sie abgelehnt. Als ihnen aber Kraut und Lot (Pulver und Blei) ausgegangen und sie sogar die Knöpfe ihrer Wämser verschossen hatten und kein Entsatz kam, haben sie sich eines anderen bedacht und sich um 8 Uhr ergeben. Der Graf Buquoy hat ihnen bei seiner ritterlichen Ehre zugesagt, ein gutes Quartier zu geben und sie gegen einen Monatslohn freizulassen."

Nötigung

"Als man sie an der Zahl 1.200 gen Krummau gebracht, hat man sie rotten- und haufenweise in Kammern so eng eingesperrt, dass sie weder liegen noch sitzen konnten. Auch hat man ihnen wenig Essen und nichts zum Trinken gereicht. Das haben sie etliche Tage so getrieben, bis sie fast alle in des Kaisers Dienste getreten, wie ungern sie es auch taten."

Bilanz

"Die Buquoischen haben bei diesem Treffen stattliche Beute bekommen, darunter sieben Cornett und sieben Fahnen, hundert Fass Wein, viele Maulesel, welche des Mansfeld Silberwerk getragen, samt 10.000 Gulden und zwei Stück Geschütze."

TE DEUM LAUDAMUS

Im Wiener Stephansdom dankten sie zum ersten Mal alle Gott, Ferdinand, die Höflinge, der Klerus, und die erleichterten Bürger. Am Ort des Treffens, auf einer Kuhweide, bekundet ein Kreuz mit dem hussitischen Kelch die Trauer der Verlierer.

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