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Kein Ackerbau, keine Viehzucht, alles drängt in die Städte, Vincent: Lamentations of Germay
Peter Milger - Gegen Land und Leute - der 30jährige Krieg

(8) Vermehrung der Kriegsgründe

Erste Kriegsziele Spaniens, der Liga und Bayerns erreicht - kein Friede - dafür Rechtsbrüche - Wiedereinstellung Mansfelds und Christians - neue Bündnisse - König von Dänemark mischt sich ein - Krankheiten breiten sich aus

Von nun an häufig zitiertes Werk:

Geschichte der Seuchen, Hungers- und Kriegsnot zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, Dr. Gottfried Lammert, kgl. Berzirksarzt, Regensburg, 1890

Im den Jahren vor 1890 sammelte der Arzt Dr. Lammert in Hunderten von Ortschroniken und Kirchenbüchern Nachrichten über die Folgen des Krieges. Seine einzigartige Mühewaltung hat allerdings in der Literatur über den Krieg keinen Niederschlag gefunden. Warum? Weil es sich um Geschichtsschreibung „von unten" handelt? Weil die Lektüre geeignet ist, das Gemüt zu verfinstern?

Noch fiel der Krieg weitgehend in die Zuständigkeit des Reichs, denn bisher war offiziell nur eine „ausländische" Macht beteiligt. Eine Kompromiss zwischen dem Kaiser und Friedrich von der Pfalz hätte sicher den Segen aller Reichsstände gehabt. Und es war höchste Zeit. England, Frankreich, Dänemark und Schweden bekundeten mehr oder weniger offen, beim Powerplay um Land und Leute nunmehr mitwirken zu wollen.

RECHTSBRÜCHE

Die evangelischen Reichsstädte hatten mit dem Kaiser in Aschaffenburg einen Sonderfrieden geschlossen. Daher war die Besetzung von Friedberg, Wetzlar und Gelnhausen durch Spinola ohne Rechtsgrund erfolgt. Frankfurt, Ulm, Nürnberg und Straßburg beklagten sich beim Kaiser, der Spinola auch anwies, die Städte zu räumen. Der aber dachte nicht daran. Theatrum:

„Es müssen also die elende, arme ruinierte Leute zu besagtem Friedberg, Wetzlar und Gelnhausen innerlich verderben und in Kummer verschmachten."

Kein Mitleid

Die Reichsstädte Hagenau und Weißenburg und Landau hatte Mansfeld ebenso wiederrechtlich besetzt und ausgeplündert. Theatrum:

„Nachdem aber der von Mansfeld aus dem Reich hinweg, und in dieNiederlande abgezogen... so hat Erzherzog Leopold ohne Mitleid diesen Städten noch größere Besatzungen als Mansfeld selbst aufgenötigt. Ein armer Bürger, der kaum selbst zu leben hat, muss er wann 10,11,12 oder mehr Soldaten aus sein Vermögen unterhalten. Diese Städte ertragen eine solche Last, dass denen, so es mit Augen sehen, oder die Klagen der armen beschwerten Leute hören, das Herz darüber verschmelzen möchte. Man stellt man stellt auch gefährliche Inquisitionen an, predigt und sagt den armen Leuten vom Henken und vom Kopfabhauen, man macht die Leute so irre und scheu, dass sie bald keinen Menschen ähnlich sehen: die Evangelischen nennt man Lutherische Schelmen, Hund und Ketzer."

Das protestantische Lager erkannte nun wehleidig, dass dieser Krieg nicht nur geführt wurde, um den „Rebellen" Friedrich und die Stände des Königreichs Böhmen zu „bestrafen". Theatrum:

„Also sind nunmehr 9 evangelische Reichsstädte von den Spanischen, Leopoldischen und Bayrischen Kriegsvölkern eingenommen worden, benanntlich Worms, Speyer, Hagenau, Weißenburg, Landau, Wimpfen, Friedberg, Gelnhausen und Wetzlar, wie es den übrigen ergehen wird, die man täglich bedroht und seltsame Sachen hören läßt, weiß allein der liebe Gott, der alle Bedrängten trösten wolle."

Und im Königreich Böhmen

Kaiser Ferdinand hatte dem sächsischen Kurfüsrten versichert, die lutherische Konfession im Königreich werde nicht abgeschafft. Schlagzeilen im Theatrum:

„Prager Rat wird reformiert - Evangelische deutsche Kirchen zu Prag gesperrt - Collegiu Carolinum zu Prag wird den Jesuiten übergeben - Reformation wird in Böhmen continuiret - Kursachsen beschwert sich wegen der Reformation in Böhmen - Inquisition auf die Herrn und Edelleute in Böhmen - Hussitisches Reich wird zu Prag beiseite geschafft."

Mit anderen Worten: Die Sieger hatten sämtliche Freiheitsrechte kassiert, die in Böhmen in Jahrhunderten erkämpft worden waren.

Die rechte Braut

Den Zusammenhang zwischen Religionspolitik und Geldeintreibung erhellt folgende Meldung im Theatrum:

„ Die Juden mussten bei diesem Zustand sich auch zwacken lassen. Denen zu Wien wurde auferlegt, dass sie die Katholische Religion annehmen, oder aus dem Reich weichen sollten. Aber sie haben es mit der Erlegung drei mal hunderttausend Reichstaler abgelöst, welches eben die rechte Braut gewesen, darum man getanzt."


LOHN EINGESTRICHEN

Das Theatrum meldet auch, worum noch getanzt worden war:

„Den 7. Juni ist im Namen Ihrer Majestät Kaisers Ferdinandi, dem Kurfürsten von Sachsen wegen seiner aufgewandten Kriegskosten, das Markgrafentum Ober und Nieder Lausitz pfandsweise eingeräumt worden."

Relation, Straßburg, 1623:

„Aus Regensburg am 1. März. Samstags ist beim kurfürstentag die Installierung ihrer Durchlaucht Herzog Maximilian von Bayern zur kurfürstlichen Dignität vollzogen worden... des Reichs Vizekanzler hat eine Rede getan... und der Länge nach des Pfalzgrafen (Friedrich) Verbrechen und den Verlust seiner Kur dargegeben."

Der Papst, eifriger Lobbyist in dieser brisanten Angelegenheit, hatte seine seine Freude dran. Theatrum:

„Wie nun von dieser Translation der Pfälzischen Kur, der Pabst zu Rom Bericht empfangen, hat er das Te Deum laudamus singen, das grobe Geschütz losbrennen und Abends stattliches Feuerwerk anzünden lassen.... Es ist vielen die Translation der Kurpfalz auf Bayern wunderlich vorgekommen. Sie hielten dafür: Wenn je der Kaiser wäre befugt gewesen, dem Pfalzgrafen die Kur zu nehmen, so hätte er solche vielmehr auf seiner nächsten Verwandten und übertragen sollen."

Von den sieben Kurfürsten waren waren nunmehr nur noch zwei evangelisch. Theatrum.

„Es taten sonderlich die Evangelischen Reichsstände heftig die Augen hierüber auf, dass es den Katholischen auch um die Mehrheit in dem Kurfürstlichen Kollegio zu tun sei... Der Kurfürst von Sachsen, welcher dem Kaiser bei dem Unwesen in Böhmen viel treue Dienst geleistet hat, fing an zu merken, was die Römisch-Katholischen in ihrem Rat beschlossen hatten, und wie sich auf die vielfältige gegebene Zusicherungen zu verlassen wäre."

BÜNDNIS IM NORDEN

Die protestantischen Städte und Landesherren im Norden des Reichs vermuteten nun zu Recht, dass es die katholische Liga und Spanien auch auf sie abgesehen hatten. Theatrum:

Nach dem Tag zu Regensburg... haben etliche Fürsten und Herrn, sonderlich in dem Niedersächsischen Kreis gesehen, wie es in Böhmen, Mähren und in der Pfalz herging. Sie besorgten sich, dass sie nun an der Reihe wären. Daher haben sich der König in Dänemark die Herzöge zu Braunschweig, Hollstein und Mecklenburg, die Städte Hamburg, Bremen, Lübeck, Lüneburg und andere sich miteinander vereinigt und verglichen, sich in Verfassung zu stellen und eine Armada von 10.000 Mann zu Ross und Fuß zu ihrer Defension aufzubringen."

NEUE RÜSTUNGEN

Friedrich brach die Verhandungen mit dem Kaiser ab. Er war bereit auf vieles zu verzichten, auch auf die Krone Böhmens. Aber die „Translation" der Pfalz ging nun doch zu weit; und sie wird bis zum Ende des Krieges bei allen Friedensverhandlungen hinderlich sein. Theatrum:

„Da sowohl am Kaiserlichen als am Spanischen Hof die Sachen nur auf die lange Bank gespielt wurden, hat der Pfalzgraf den von Mansfeld neue Kriegsbereitschaften machen lassen. Der hat von den Staaten Urlaub genommen, und 10.000 Mann zu Fuß und 2.000 werben lassen. Er ist von Arnheim mit seiner und der Braunschweigischen Armee zu Schiff und Land ... auf das Stift Münster zugezogen, hat mehre Orte gebrandschatzt, ferner seinen Zug nach Lippstadt fortgesetzt, 2 Dörfer verbrannt und viele Orte erobert und besetzt."

Sich militärisch zu betätigen hatte Mansfeld nach seiner Gewohnheit weniger im Sinn. Als sich eine feindliche Armada über Düsseldorf und Paderborn näherte, bließ er zum Rückzug. Theatrum:

„Nachdem er im Stift Münster mit Raub und Brennen sehr übel gehaust hat, ist der Mansfelder nach Ostfriesland gezogen und hat sein Volk allda einquartiert... Der Jammer in selbiger Landschaft ist nicht zu beschreiben gewesen, das Kriegsvolk hat neben dem Rauben und Plündern, Weiber und Jungfrauen, teils in Ansehung ihrer Männer und Eltern geschändet und den Landleuten alles genommen."

VOM NUTZEN EINER ARMEE

Christian von Braunschweig war Ende Juli 1623 in Westfalen mit 16.000 Mann zu Fuß und 6.000 Berittenen tätig. Theatrum:

„Er hatte sonderlich Höxter, Hameln und Rinteln mit starken Garnisonen versehen. Seine Reiterei lag in den Stiften Hildesheim, Halberstadt und daherum, und niemand wusste, was er anfangen würde. Er wusste nicht, wohin er sich wenden sollte: Etliche gaben ihm den Rat, er sollte stracks in die Pfalz ziehen. Andere waren der Meinung, er würde besser Westfalen bleiben und die eingenommen Städte verteidigen. Dabei würde er durch Kontributionen und Brandschatzungen der nächst gelegenen Bistümer genug aufbringen, um sein Kriegsvolk davon zu unterhalten. Man könne durch dieses Mittel die geistlichen Kurfürsten zwingen, bei dem Kaiser anzuhalten, dass der den Pfalzgrafen restituierte."

Während man so die schönsten Pläne schmiedete, meldet das Theatrum:

„Die kaiserlichen Regimenter von Anhold und Don Corduba Regimenter befanden sich indessen im Stift Münster und den benachbarten Herrschaften, und zehrten alles auf, was der Orten zu finden war."

Nun rückte auch noch Tilly mit der Ligatruppe aus Hessen an:
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„Hat die Städte Eschwege, Allendorf und Witzenhausen jede mit 500 Musketieren besetzt, Wanfried ausgeplündert, auch etliche schöne Flecken, darunter Almerode, in die Asche gelegt und sonsten sehr viele arme Leute gemacht...."

Christian trat den Rückzug an. Das Ligaheer und die Kaiserlichen vereinigten sich und zählten nun 33.000 Mann. Ein Flugblatt:

„ Herzog Christian hat sich über die Weser durch die Grafschaft Lippe ins Stift Münster begeben, um in die Niederlande zu marschieren. Dieser Armada ist der Graf Tilly durch das Stift Paderborn unaufhörlich Tag und Nacht gefolgt und am 5. August die Nachhut bei Steinfurt erreicht und bis in die Nacht scharmütiert. Inzwischen ist die Braunschweigische Armada nicht weit von Ahus angelangt und hat sich auf einer Heide in Schlachtordnung sehen lassen"

Die Schlacht bei Stadtlohn

Die Braunschweiger konnten sich nicht halten und zogen sich auf den Lohner Bruch bei Stadtlohn in der Nähe der Grenze nach Holland zurück. Das Flugblatt:

„Da kam es um 3 Uhr zum Haupttreffen. Es sind anfänglich etliche Schüsse aus Groben Stücken geschehen, darauf erfolgte der Angriff, in dem sich die Braunschweiger zunächst gut gehalten, aber bald in großer Unordnung in die Flucht geraten, obwohl der Herzog und die Obristen die Soldaten um Gottes willen gebeten haben, sie sollten sich wohl halten. In dieser Unordnung hob ein gräuliches Metzeln an. Als General Tilly des Sieges sicher war, hat er geboten, niemanden mehr umzubringen Es sollen 8.000 auf der Wallstatt geblieben sein, an die 4.000 wurden gefangen."

Andere Quellen gaben 6.000 tote Braunschweiger an und 1.700 Tote auf der anderen Seite. Das Theatrum über die Beute:

„Alle Munition, viele hundert Wagen und Rosse, Geld, Sack und Pack, Harnisch und Gewehre in großer Menge, sonderlich 2 halbe Cartaunen, 5 gemeine Stück, 4 Mörsel. 3.000 Zentner Pulver und Lunten, in 70 Fahnen, 9 Cornett und 2 Silberwagen wurden erbeutet. Unter den Gefangenen sind gewesen: Herzog Wilhelm von Sachsen Weimar, Herzog Friderich von Sachsen Altenburg, Graf von Isenburg, ein Graf von Witgenstein, Graf Schlick, samt vielen anderen Obristen und Befehlshabern, welche nach Österreich geführt wurden, wo sie später teils durch Lösegeld, teils durch andere Mittel wieder losgekommen sind. Der verwundete junge Graf von Turn hat sich mit Herzog Christian und der meisten Reiterei die ganze Nacht retiriert und sich auf Arnheim begeben."

Etwa 8.000 Mann hatten sich in die Niederlande gerettet. Theatrum.

„Die Staaten haben darauf in 6.000 zu Ross und Fuß in Dienst behalten und Herzog Christian untergeben, die übrigen aber entlassen."

Auch diese Schlacht entschied wenig, sieht man davon ab, dass Christian als Landplage zeitweilig ausfiel.

GEFÄHRLICHE ANBÄNDELUNG

Was das zukünftige Leiden in Deutschland betrifft, ist diese Melddung im Theatrum die wichtigste des Jahres 1624.

„Als die Heirats-Artikel zwischen dem Prinzen von Wales und der Prinzessin aus Frankreich beschlossen wurden, hat der Englische Abgesandte von anderen wichtigen Sachen sonderlich von Restitution der Pfalz mit dem König in Frankreich traktiert und angesucht, eine gewisse Macht derenthalben im Feld zu halten und monatlich eine gewisse Summe Geldes beizusteuern..."

Inzwischen bestimmte Kardinal Richelieu die Richtlinien französischen Politik, und der setzte auf ein antihabsburgischen Bündnis.

„ Hierauf wurde zwischen den Königen von Frankreich und England, der Herrschaft Venedig, dem Herzog in Savoy und anderen, eine offensiv und defensiv Konfoederation für die Freiheit in Italien, des Veltlins und der Pfalz aufgerichtet."

Da war´s passiert. Das kleine Wort „Pfalz" verkoppelte praktisch sämtliche nur mit Gewalt zu realisierende Ziele der europäischen Mächte. Plötzlich sah es für die Liga und das Haus Habsburg ziemlich düster aus. Frankreich schloss im Juni 1624 einen Freundschaftsvertrag mit den freien Niederlanden, und im Herbst klinkten sich auch Schweden, Dänemark und Brandenburg in das komplizierte Bündnisgeflecht ein. Die Mitwirkung Frankreichs weckte allseits die schönsten Hoffnungen auf eine Gewinnbeteiligung bei vermindertem Risiko. Theatrum:

„Unter solchem Verlauf ist Graf Ernst von Mansfeld aus Holland nach Reise nach Frankreich gereist, wo er vom König wohl empfangen wurde und allerhand im Geheimen mit ihm unterredet. Er empfing einen stattlichen Zehrpfennig und Zusagen wegen der Hilfe für König Friedrich. Er ist darauf weiter nach England gezogen und in London herzlich empfangen worden... Er wurde zu einem General über ein Kriegsheer bestellt, so zu Behuf König Friedrichs geworben werden sollte."

Man traf sich bei Hochzeiten, tauschte Botschafter und Briefe aus und stritt sich wegen der Beiträge für die Kriegskasse. Auch die Kriegsziele wurden lebhaft erörtert, die Abwendung des Elends in den vom Truppen besetzten Gebieten dagegen nicht.

DAS ELEND

Epidemien dezimierten auch im Frieden immer wieder die Bevölkerung ganzer Landstriche. Jetzt kam die Verbreitung ansteckender Krankheiten durch Truppenbewegungen und Flüchtlinge dazu. In den ausgeplünderten Gegenden schwächte Unterernährung die Widerstandskraft der ärmeren Schichten, da die Preise für Lebensmittel sofort anzogen. Dr. Lammert in seinem Buch über die Kriegsnot im 30jährigen Krieg:

Hessen

„1623. Mit diesem Jahre brach die Leidenszeit auch für Hessen und die Werragegend an. Anfangs Juni wurden bereits die Werrastädte von den ligistischen Truppen bedängt. Witzenhausen, Hersfeld und Eschwege besetzte Tilly. Beim Abzuge seines Heeres brach die Ruhr aus, welche im Juli und August täglich durchschnittlich 12 Menschen in den einzelnen Städten an der Werra wegraffte. 1624. Als Folge des Krieges stellte sich in Fritzlar die Pest ein, von einem nasskalten, langanhaltenden Winter unterstützt. Sie griff immer weiter um sich und trieb, der anderswo eine Zufluchtsstätte finden konnte, zur Auswanderung. zu treiben; sie erlosch erst 1626. - In Hersfeld gesellte sich zu den Kriegsdrangsalen die Pest, wohl durch die öfter wechselnde Einquartierung eingeschleppt. Unterm 3. Juni bemerkt das Kirchenbuch: >Umb diese Zeit hat die Pest allhier angefangen<.

Friesland

In den Mansfeldischen Lagern in Ostfriesland wüteten, unter den niederländischen Truppen sich bald bedeutend ausbreitend, Hungersnot und Seuchen (Lagerpest); Antwerpen, Brüssel und Ypern hatten darunter viel zu leiden.

Mähren

Auch in Mähren entfaltete die Pest seit dem Vorjahre eine erhöhte Tätigkeit. Zu der in Olmütz herrschenden, durch Kriegs- und Einquartierungslasten gesteigerten Not gesellte sich die Pest, welche ihre Opfer nach Tausenden forderte. Die Angaben der Chroniken erreichen die Höhe von 14.236 Toten."

Um Ulm

Auch fern der militärischen Unternehmungen kommt die Kriegsnot immer mehr über die Menschen. Hans Heberle, ein Schuster aus einem Dorf bei Ulm, notierte in seiner Chronik im Jahr 1624:

„Am 24. März ist viel Kriegsvolk in das Ulmer Land gefallen, zu Langneau, Ellingen, Setzingen, Neresteten und Wetingen. Es hat den Leuten große Plagen und Herzleid angetan und allerlei Mutwillen getrieben, die Männer übel geschlagen und viele Weiber geschwächt."

Der „Ausschuss", eine Miliz, zu der jeder Ort im Ulmer Territorium einige wehrfähige Männer abstellen musste, versuchte die Eindringlinge zu vertreiben. Heberle war auch dabei:

„Bin selber zu Ellingen gelegen, zwölf Tage lang. Aber die Reiter haben zu Ramingen übel gehaust, den Flecken mit Feuer angesteckt, bis 50 Gebäude abgebrannt sind. Nach 14 Tagen sind sie weggezogen."

In Rothenburg ob der Tauber

Der Chronist Dehner beschreibt einen Alltag, der für viele Städte typisch wird.

„Den 14. Oktober 1623 sind Kosaken, so dem Tilly haben Heidelberg helfen einnehmen und von ihm abgedankt worden, in unsere Landwehr gekommen. Dienstag, den 15. Oktober, wieder abgezogen und sich auf Windsheim gewendet, haben den Bauern viel Vieh verwüstet und viel Sachen mit hinweg genommen. Zu Reutsachsen haben sie die ganze Herde Schweine in Haufen zusammengetrieben und sie all erschossen und liegen lassen. Dieses Volk hat der Rat auch mit Brot, Fleisch und Wein versehen müssen."

Noch 26 Jahre lang wird Dehner über ähnliche Vorfälle berichten:

„Den 24. Dezember ist Kaiserlich Volk in unser Landwehr gekommen und 3 Wochen lang liegen geblieben. Jeden Tag sind welche in die Stadt geritten, darin gesoffen und sich unnütz auf den Gassen bei den Bürgern gemacht, welche sich mit Prügeln und Stangen oftmals gewehrt. Einer ist erschlagen worden, weil er mit seiner Pistole unter die Bürger geschossen hatte."

Das Territorium der Reichsstadt war durch eine „Heeg" geschützt. Sie bestand aus Gräben, Hecken und Wällen.

„25. Mai. Ein großer Haufe abgedanktes Volk ist vom Rhein auf Rothenburg zu gezogen, darum haben die Bürger die Heeg müssen bewahren, das sie nicht hereinkommen. Diesen Brauch haben die Bürger und Bauern oft getrieben, aber es hat nicht allzeit helfen wollen."

UND DER FRIEDEN?

Die schreibende Zunft gab sich mit Ermahnungen und Appellen redlich Mühe. Es wurde gepredigt und gebetet. Die Machthabenden aber, die ja notorisch den besseren Überblick haben, reagierten wie zu allen Zeiten. Dabei hatten beide Kriegsparteien etwas in Verhandlungen einzubringen. Die eine hatte das militärische Übergwicht, die andere ein imposantes Bündnis. Aber es mangelte an der Bereitschaft und einer schlichtenden Institution. So bewirkte das Bündnis gegen Habsburg nur die Anhäufung weiterer Kriegsziele. König Christian IV. von Dänemark griff als erster direkt zu. Er wollte die Bistümer Bremen, Verden und Osnabrück für seine Nackommen sichern. Und nicht nur das.

RUND UM DIE OSTSEE

Kandidaten für die Vorherrschaft über Handel und Wandel waren die Königreiche Polen, Schweden und Dänemark. Das Verhältnis zwischen Dänemark und Schweden war nach einigen Waffengängen noch immer gespannt, zwischen Schweden und Polen herrschte Krieg. Auf letzteren hinweisend hatte Gustav Adolf II. diverse Hilfeersuchen protestantischer Fürsten abschlägig beschieden. Dafür war er mit guten Ratschlägen zu Hand. Er erinnerte am 3. April 1622 den Markgrafen von Baden daran:

„... dass die Fürsten in Deutschland viel zu spät meinen Rat ergriffen haben, die Pfaffen anzugreifen. Weil es nun endlich von dem Grafen von Mansfeld und dem Herzog von Braunschweig ist angefangen worden, so wünsche ich Glück zu diesem Handeln."

König Gustav hatte auch etwas Geld springen lassen. Im August 1623 sah er dann Mansfelds Handeln nüchterner:

„Der Graf von Mansfeld, der mir gedient hat, ist leicht fertig geworden. Er hat sich mit meinen 6.000 Reichstalern gelöst, sich dem Spanier obligiert, und mich in undankbarer Weise quittiert."

Die Absichten König Christians

Mit Argwohn betrachtete Gustav Adolf die Anläufe des dänischen Königs Christian, sich an Kriegswirren im Süden zu bereichern. Schon im September 1620 hatte er an den Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg geschrieben:

„Zu Husum vernehme ich, das über das Bistum Bremen verhandelt wurde... und der König gesagt habe, er könne das Bistum nicht missen, denn er könne sonst sein Reich nicht vergrößern."

Profunde Kenntnisse

Am 8. August 1623 machte Gustav dem Herzog klar, welche Anliegen die Mächte im Norden so hatten:

„Hinzu kommt, dass die Nachbarn im Trüben fischen. Dänemark meistert die Elbe und die Weser und der Kaiser hilft dazu... Polen sieht in Dänemark ein Exempel und sucht das Bistum Camin zu kriegen, um den Fuß nach Pommern zu setzten... gestalt, dass Holstein und Mecklenburg des Dänen Gewalt unterworfen werden..."

Gustav Adolf riet dem Herzog, er möge nebst ebenfalls bedrohten Nachbarn Truppen werben. In seinem nächsten Schreiben am 30. November nannte er seinen Vorschlag:

„Impraktikabel. Wegen der seltsamen Disposition der Gemüter von Seiten der Evangelischen und weil der von Dänemark in Braunschweig zum Haupt des Niedersächsischen Kreises aus Not erwählt worden ist."

Gustav Adolf , der seine Felle davonschwimmen sah, machte aus seinem Äger keinen Hehl:

„Was Dänemark betrifft, der hat erlangt, wonach er schon viele Jahre trachtet: Nämlich die engen Grenzen seines Königreiches weit und breit zu vergrößern. Er ist generell das Haupt des ganzen Kreises, speziell Bischof aller Bischofstümer im selbigem Kreis. Vor sechs Jahren wurde er Vormund in Braunschweig und Schutzherr über Hamburg und Magdeburg."

Der schwedische König hält die Ansicht für naiv, die Mitglieder des Kreises könnten den dänischen König daran hindern , „im Trüben zu fischen." Ein König weiß eben, wie Könige so sind. Über die Gründe für den Kriegseintritt Dänemarks ist viel geschrieben worden. Auch uneigennützige Motive sollen eine Rolle gespielt haben. Gustav Adolf, dem später selbst solche unterstellt werden, war ein Freund realistischer Prosa:

„Ich halte dafür, dass die Fische schon gefangen sind. So viele Stifte und das Herzogtum Braunschweig sind wohl die vornehmsten Fische aus diesem Teich. Und der Rest steht schon vor dem Fangnetz, mit diesem Anschlag, dass er das Direktorium über eure Waffen hat... Euer Liebden meinen, der Kaiser wirds nicht leiden. Das meine ich wohl, und dann werdet ihr der Kriegsschauplatz sein und Kriegsbeute... Mir wäre es leid, den Untergang des evangelischen Wesens zu verursachen, es wird auch kein Krieg von mir angefangen werden, es denn, ich werde bedroht..."

Gustav Adolf sah alles richtig voraus. Und er griff dann tatsächlich erst in dem Moment ein, als er Schaden auf sich zukommen sah. Die Mitglieder des niedersächsischen Kreises hatten nicht auf ihn, sondern auf König Christian gesetzt. Sie würden schon sehen, was sie davon haben werden.
Siehe auch
Die Kreuzzüge, Krieg im Namen Gottes In Sachen Kolumbus In Sachen
Jesus Christus