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Dr. Vincent, Lamentations of Germany
Milger, Peter : Der 30jährige Krieg

(19) Der Kongress schaut auf den Krieg

Zähes Schachern und weitere Verwüstungen bis zum Westfälischen Frieden * Franzosen gewinnen Breisach * Schweden belagern Prag * Reichstag in Regensburg zieht sich hin * Baner kommt bis Regensburg * Schweden vor Wien * Blutige Schlacht bei Leipzig * Franzosen zurückgeschlagen * Friedenskongress in Münster und Osnabrück eröffnet * Schwedische Armee verwüstet Böhmen * Streit um die Sitzordnung * Schwere Verluste beiderseits bei Alerheim * Der Kaiser bleibt stur * Elend in ganz Deutschland * Launiger Kongressalltag * Schwedische und französische Armeen verwüsten Bayern * Schacher um das Elsass und Pommern * Bayern systematisch verwüstet * Der Kongress erörtert das Problem der geistlichen Güter * Elend in Böhmen * Prag erneut belagert * Der Kaiser gibt nach * Kriegsende * Bilanz des Krieges *

DAS PENDEL SCHLÄGT ZURÜCK

Nachdem Oxenstierna für Verstärkungen gesorgt hatte, konnte Baner in Mecklenburg und Pommern wieder die Oberhand gewinnen. Anfang 1638 musste Gallas kaiserliche Truppen aus Südwestdeutschland abziehen, weil die Schweden nach Thüringen und Sachsen eingefallen waren. Bernhard von Weimar sah sich nun in der Lage, über den Rhein vorzustoßen. Richelieu hatte sich schon mehrfach über die Untätigkeit des Verbündeten beklagt.
Noch im Februar rückte die Armee Weimars von Frankreich aus über Basel nach Rheinfelden vor, um die dortige Brücke zu sichern. Dies misslang zunächst, weil die Garnison und die Bürgerschaft von Rheinfelden Widerstand leisteten.

DIE SCHLACHT BEI RHEINFELDEN

Die bayrische Reichsarmee unter Reitergeneral Johann von Werth, die zum Entsatz der Belagerten herbeieilte, schlug die Weimarischen bei Beuggen am 28. Februar 1638 in die Flucht, hielten sich aber zu lange mit der Plünderung der Bagage auf, statt ihnen nachzusetzen. Drei Tage später schlugen die um ihre Habe Gebrachten hochmotiviert vor Rheinfelden zurück. Die eine Hälfte der Bayrischen machte sich davon, die andere ergab sich. Die beiden Armeeführer Werth und Savelli gerieten in Gefangenschaft.
Die schwedisch-französische Allianz sah sich Anfang 1638 soweit gestärkt, dass sie die Realisierung des alten „großen Plans" ins Auge fasste: Die Heimsuchung der österreichischen Erblande. Eine schwedische Armee sollte von Pommern über Schlesien und Böhmen vorstoßen, Französische und Weimarische Truppen vom Rhein aus durch Süddeutschland. Um das Elsas als Raubgut und Operationsbasis zu sichern, galt es vorher der schwer einnehmbare Habsburger Grenzfestung Breisach habhaft zu werden.

FOLGENREICHE SCHLACHT BEI WITTENWEIER

Weimarische Truppen schlossen Breisach ein, um die Besatzung auszuhungern. Theatrum:

„Herzog Bernhard hat am 9. August 1638 der ganzen Armee den Aufbruch befohlen, weil Herzog de Savelli und Graf von Götz mit ihren Völkern und Proviantwagen am Rhein ginge, um die Festung Breisach zu proviantieren. Die Weimarischen sind darauf bald nach 12 Uhr mittags nahe Wittenweier an sie gekommen."

Die Reichsarmee verlor die Schlacht, und das Reich dadurch das Elsas. Theatrum:

„Von den Kaiserlichen und Bayrischen sind nicht allein über 1.500 Mann auf dem Platz erlegt worden, sondern es sind ihrer auch eine gute Anzahl im Rhein verdorben, viele wurden zu Gnaden und in Dienst aufgenommen, andere gefangen. In Summa wurde ansehnliches Corps von den ältesten Regimentern, zum wenigsten 12.000 Mann stark, so verringert und zerstreut, dass sich deren nicht dritthalb tausend mehr zu Ross und Fuß bei ihrem General versammelten."

Die kaiserlich-bayrischen Streitkräfte im Südwesten waren nicht mehr in der Lage, das belagerte Breisach zu entsetzen.

KANNIBALISMUS IN BREISACH

Der Straßburger Chronist Johann Walther:

„Wie erbärmlich und schrecklich es aber in dem unglücklichen belagerten Breisach hergegangen ist, ist kaum zu beschreiben. Sie haben nicht allein unnatürliche Sachen gegessen, als Hunde, Pferde, Katzen und gestorbenes Vieh, auch Rinderhäute und Leder, wilde Wurzeln und Kräuter, sondern (das schrecklich zu hören) drei gefangene Weimarische Soldaten, die im Stockhaus
gelegen, haben sie geschlachtet und gegessen."

Die Garnison in Breisach ergab sich am 17. Dezember 1638. Der Straßburger Chronist:

„Den 21. Dezember um 2 Uhr sind die Abgezogenen aus Breisach in Schiffen allhier angekommen. Es war ein elender Anblick, diese armen, elenden, verhungerten Menschen anzusehen, die mehr Geistern und Gespenstern als lebendigen Menschen glichen. Die ganze Stadt lief hinaus, um diese elenden Menschen zu sehen."

Mit dem Einnahme von Breisach hatte Bernhard sein Hauptziel erreicht, und er dachte nicht daran, durch einen Vorstoß nach Österreich das Gewonnene wieder aufs Spiel zu setzten. Er weigerte sich auch, die Festung an Frankreich zu übergeben, sondern setzte eine Regierung über die von ihm besetzten Gebiete in Breisach ein. Den Traum des Herzogs, einmal als Reichsfürst die Früchte des Elsas genießen zu können, machte indessen eine schwere Krankheit zunichte. Die Ärzte diagnostizierten Symptome der Pest, Bernhard selbst glaubte, ein Agent Richelieus habe ihm Gift beigebracht. Er starb am 18. Juli in Neuenburg. In seinem Testament überschrieb er das Elsas seiner Verwandtschaft und wünschte sich am Ende:

„Sollte aber unserer Herren Brüder keiner die Lande annehmen wollen, so halten Wir für billig, dass Ihro Majestät in Frankreich in allwege den Vorgang habe, doch dergestalt, dass Ihro Majestät und unsere Garnison darin gehalten, und wann es zu einem Universal-Frieden kommen wird, die Lande dem Reich restituiert werden sollen."

Die deutschtümelnden Autoren haben Bernhard von Weimar wegen seiner patriotischen Haltung sehr gelobt. Sie übersahen dabei, dass er mit der Einnahme von Breisach den Weg für die Einverleibung des Elsas durch Frankreich geebnet hat. Bernhards Statthalter missachtete nämlich den letzten Willen seines verstorbenen Chefs und übergab Breisach an die Franzosen.

SCHWEDEN VOR PRAG

Am 14. April 1639 schlug ein schwedisches Korps die Kursachsen bei Chemnitz und stand am 30. Mai vor Prag. Da blieb es auch eine Weile, weil die kaiserliche Besatzung sich energisch zur Wehr setzte. Von Entsatztruppen vertrieben, zogen sich die Schweden dann 10 Monate lang plündernd durch Nordböhmen nach Erfurt zurück.

BANERS LETZTER VORSTOSS

Bei einem Winterfeldzug kam Baner 1640/41 von Thüringen aus bis Regensburg, wo die Stände sich gerade zum Reichstag versammelt hatten. Kaiser Ferdinand III. behielt die Ruhe und zog rechtzeitig kaiserliche Verbände zur Verteidigung der Stadt zusammen. Nachdem Baner am 20. Mai 1641 seinem ausschweifenden Lebenswandel erlegen war, setzte sich die schwedische Armee wieder nach Thüringen ab.

EINE KOMMISSION FÜR DEN FRIEDEN

Da der Prager Frieden das Reich nur unvollständig geeinigt hatte, stellte der Kaiser auf dem Reichstag eine Generalamnestie in Aussicht, unter Einschluss Hessen-Kassels und der Erben der Pfalz. Das Angebot war nach Art des Hauses so vage formuliert, dass es keine Wirkung haben konnte. Dafür setzte sich Kurbrandenburg vom Reich ab, in dem es im September 1641 einen Waffenstillstand mit Schweden schloss. Kaiser Ferdinand ließ daraufhin verbreiten, dieser Verrat hätte seine Friedensbemühungen torpediert. Die Vertreter der Stände waren keineswegs bereit, mit dieser Auskunft die Heimreise anzutreten. Ihren Forderungen nach konkreten Schritten zum Frieden begegnete der Kaiser mit dem Versprechen, eine Kommission einzusetzen. Wenn Politiker nicht weiter wissen...

VORSTOSS BIS WIEN

Nachdem Baner dahingeschieden war, übertrug Oxenstierna den Oberbefehl an Lennart von Torstensson, der sogleich mit 18.000 Mann über eine kursächsische Armee herfiel und schlug. Das Theatrum über die Schlacht bei Schweidnitz am 31. Mai 1641:

„Es wurde berichtet, dass dieses Treffen 5 Stunden lang währte und 6 Regimenter totaliter ruiniert wurden. Die Schweden haben an die 40 Standarten, 4 Feldstücklein, 2 Munitionswagen und 2 Maultiere mit Geld und das fürstliche Silbergeschirr bekommen. Es sind aber der Toten über 1.800 nicht gezählt worden, doch ist dieses Volk das beste von der Armee gewesen."

Anschließend plünderte sich Torstenssons Truppe bis Mähren durch, nahm die Stadt Olmütz ein und brach den Widerstand der Bauern, in sie ihre Dörfer anzündete. In Wien packten die Wohlhabenden ihre Wertsachen ein und reisten ins Landesinnere ab, als schwedische Reiter nur noch zwei Wegstunden entfernt gesichtet wurden. Doch Wien kam davon. Die Kaiserlichen unter Piccolomoni und Erzherzog Leopold trafen rechtzeitig ein und zwangen Torstensson zum Rückzug. Dieser dirigierte die Seinen nach Sachsen, um den Kurfürsten von den Vorzügen eines Waffenstillstands zu überzeugen.

DER KAISER MAUERT

Bei Vorverhandlungen der Kriegspartien in Hamburg einigten sich die Gesandten darauf, am 15. März 1642 mit den Hauptverhandlungen zu beginnen: Mit Frankreich in Münster und mit Schweden in Osnabrück. Kaiser Ferdinand III. verweigerte die Zustimmung. Er hoffte auf eine Verbesserung der militärischen Lage, und irrte sich gründlich..

LEIPZIG BELAGERT

Am 28. Oktober 1642 brachten die Schweden ihre Kanonen vor Leipzig in Stellung und schossen am nächsten Tag eine Bresche in die Mauer. Die schwedischen Sturmangriffe blieben aber im Abwehrfeuer der Verteidiger liegen. Am 1. November sah sich Torstensson gezwungen, die Belagerung zu unterbrechen. Über Grimma nährten sich die kaiserlichen Streitkräfte des Erzherzogs Leopold.

EINE REPRISE: DIE SCHLACHT BEI BREITENFELD

Die Schweden erinnerten sich gerne an das nahegelegene Breitenfeld, wo der große Gustav Adolf die Tillischen geschlagen hatte. Genau dort ordnete Torstensson am 2. August seine Mannen zu Schlacht. Erzherzog Leopold und Piccolomini dachten dagegen Nördlingen, als sie den Befehl zum Angriff gaben. Aber bei Breitenfeld siegten immer die Schweden. 5.000 Kaiserliche blieben auf der Strecke, 5.000 verdingten sich bei den Schweden. Der Erzherzog konnte sich mit Mühe und Not nach Böhmen retten. Kurfürst Johann intensivierte die Verhandlungen mit Schweden über einen Waffenstillstand.

FRANZOSEN ERFOLGREICH

Kardinal Richelieu starb am 4. Dezember 1642, König Ludwig XIII. am 17. Mai 1643. Zwei Tage später vernichtete ein französisches Korps unter Marschall Enghien die spanische Armee bei Rocroy an der Grenze zu Flandern. 8.000 spanische Infanteristen lagen am Abend tot auf dem Schlachtfeld, 7.000 gerieten in Gefangenschaft.

DER KAISER GIBT NACH

Am 23. Juni 1643, fünf Wochen nach der Schlacht bei Rocroy, erklärte sich Ferdinand III. bereit, die Verbindlichkeit der Verhandlungen mit Frankreich und Schweden anzuerkennen. Sofort meldeten die Fürsten und Stände des Reichs ihre Ansprüche an, und es war bald klar, dass sich der Streit um die Modalitäten der Verhandlungsführung über Monate hinziehen würde.

FRANZOSEN GESCHLAGEN

Dreimal verhinderte die bayrische Armee unter dem Lothringer Franz von Mercy den Durchbruch französisch-weimarischer Truppen nach Süddeutschland. Beim vierten Versuch konnten sie aber vom Elsas bis nach Württemberg vordringen. Ihr Anführer, Marschall Guébriant, wurde bei der Eroberung von Rottweil tödlich verwundet. Auf der Suche nach Winterquartieren kam seine Truppe bei Tuttlingen zu Schaden. 24. November 1643. Theatrum:

„Während die Völker diese Quartiere bezogen, ist in aller Stille und unbemerkt die kurbayrische Reichsarmee samt dem kaiserlichen Sukkurs unter am 23. November bei Tuttlingen an der Donau angekommen. Nach der Erkundung sind sie in höchster Stille tags und nachts auf das französisch-weimarische Hauptquartier losgegangen und haben sowohl die feindliche Generalität nebst fast der ganzen Armee, Artillerie und Bagage durch einen allgemeinen tapferen Einbruch überrumpelt, gefangen, zerstreut und ruiniert. Der Marquisen und Kadetten sind mächtig viele und der gemeinen Soldaten wohl bei 4.000 Mann geblieben. Überdies ist der französischen Königin Regiment auf solche Weise auch fertiggemacht worden."

KONGRESSE ERÖFFNET

Am 23. November 1644 legten die kaiserlichen Gesandten ihre Forderungen in Osnabrück vor und am 4. Dezember in Münster. Nach einem halben Jahr war die Rangstellung der Gesandten und die Sitzordnung geregelt. Man ließ sich Zeit und verfolgte aufmerksam das Kriegsgeschehen. Die Feldherren hatten beiderseits die Anweisung, die Verhandlungspositionen zu verbessern.

11.000 TOTE BEI JANKAU

Während sich in Münster und Osnabrück ein luxuriöser Kongressalltag entfaltete, fielen die Schweden Anfang 1645 erneut in Böhmen ein. Theatrum:

„Am 16. März ist in Böhmen bei Jankau zwischen den Kaiserlichen und Schwedischen ein hartes und blutiges Treffen vorgefallen, darin die Kaiserlichen das Feld quittieren musste ... Von den Schwedischen sind 3.000 auf der Walstatt geblieben, von den Kaiserlichen hingegen an die 8.000 Mann. Herr General Torstensson ließ drei Stunden lang kein Quartier geben, mit Vermelden, sie gingen wieder durch und täten ausreißen."

DIE SCHWEDISCHEN VOR WIEN

Kaiser Ferdinand III. ließ in Prag die Koffer packen und setzte sich nach Wien ab. Als schwedische Streiftrupps in der Nähe der Stadt auftauchten, verdrückten sich die höhergestellten Kleriker und Beamten, und der Kaiser schickte er seine Kinder mit den Wertsachen nach Gratz. Den zurückgeblieben Wienern stand eine Hungersnot in Böhmen und Mähren bei. Die Schweden hatten sich dort so gründlich vom Krieg ernährt, dass sie ihn nicht mehr führen konnten. Mit den halb verhungerten Söldnern war einfach nichts mehr anfangen.

SCHLACHT VERLOREN, SCHLACHT GEWONNEN

Richelieus Nachfolger, Kardinal Mazarin, setzte Anfang 1645 eine Armee unter Marschall Turenne nach Württemberg in Marsch. Sie kam bis Mergentheim, wo sie am 5. Mai von den Kurbayrischen geschlagen wurde. Eine zweite französische Armee unter Marschall Enghien drang im Sommer bis in die Nähe von Nördlingen vor. Um sie aufzuhalten, ging Mercy vor Alerheim mit bayrischen und kaiserlichen Verbänden in Stellung. Als Franzosen zum Sturm ansetzen, glaubte Mercy, sie seien ihm die Falle gegangen. Er irrte sich. Sie haben ihn und seine Mannen einfach überrannt. Theatrum:

„General Mercy tot, General Geleen , Obristen Royer, Colb und Höller gefangen, neben vielen Obrist Leutnants und Hauptleuten. An die 4.000 gemeine Knechte tot, 1.500 bis 2.000 gefangen auf bayrischer Seite. Auf französischer Seite sind auch in 3 .000 Mann tot geblieben, neben vielen Offizieren, und eine große Menge wurde verwundet."

Die französische Truppe hatte zwar das Feld behauptet, war aber derart mitgenommen, dass von dem geplanten Einfall in Bayern absehen musste.

IN MÜNSTER UND OSNABRÜCK

Im August 1645 kam bei den schwedischen und französischen Kongressteilnehmern Freude auf: Kurfürst Johann Georg von Sachen schloss einen Waffenstillstand mit Schweden und Kurfürst Maximilian von Bayern drohte an, mit Frankreich einen Separatfrieden zu schließen, falls der Kaiser seine Forderungen nicht mäßigen würde. Zwischen Banketten, Bällen und anderen standesgemäßen Vergnügungen beschäftigten sich der Kongress im Jahr 1646 hauptsächlich mit dem Elsas und Pommern. Von Maximilian erpresst, trat Ferdinand III. schließlich den habsburgischen Besitz im Elsas an die französische Krone ab. In wie weit das Elsas damit auch aus dem Reichsverband ausschied, wurde so unscharf formuliert, dass diese Friedensregelung zwangsläufig zu neuen Kriegen führen musste. Weniger konfliktträchtig wurde die Pommernfrage gelöst: Kurbrandenburg und Schweden teilten sich Land und Leute.

INZWISCHEN IN BAYERN

Aus dem Buch von Dr. Lammert:

„Während Norddeutschland von der Kriegsfurie ziemlich verschont blieb, musste Bayern abermals alle Gräuel des Krieges erdulden. Mit Beginn des Jahres wurde das Bayreuther Land mit Truppen überschwemmt, welche sich der größten Ausschweifungen und Zügellosigkeiten schuldig machten. Fast täglich wurden Dörfer und Märkte geplündert und wurde das Vieh weggetrieben ... Die Franzosen unter Turenne und die Schweden unter Wrangel zogen bei Aschaffenburg über den Main, allenthalben die traurigen Spuren ihres Verheerungszuges hinterlassend. In der ausgesogenen Gegend verbreiteten sich, so in Seligenstadt, Hungersnot und Krankheiten. Bald drangen die Feinde über Schwäbisch-Hall gegen die Donau, nahmen und plünderten die festen Plätze Günzburg, Donauwörth und Rain. Unbehelligt besetzten die Schweden im November Landsberg am Lech, um es gänzlich auszuplündern. In der völlig verarmten Stadt entstand so große Hungersnot, dass täglich bis 15 Menschen starben. Zwischen dem Lech und der Isar gab es wenige Städte, die nicht zerstört worden wären, kaum ein Dorf, dass nicht in Feuer aufgegangen wäre ... Illertissen, Kaufbeuern, Füssen am Lech wurden gebrandschatzt und ausgeraubt, das gleiche Schicksal widerfuhr der Reichsabtei Ottobeuern durch die Franzosen. Schongau wurde geplündert, Steingaden und Raitenbuch in Asche gelegt. Der Pfarrer Kölbl bemerkte im Peitinger Taufbuch: „ Dieser Zeit ist alles zugrunde gegangen und darauf ein großes Sterben gewesen." Die Schweden und Franzosen plünderten ferner Dachau, Freising und Pfaffenhofen."

IN MÜNSTER UND OSNABRÜCK ...

Das Jahr 1647 verbrachten die Diplomaten des Kaisers, der Fürsten und der Stände des Reichs damit, die von Schweden eingeforderten Kriegskosten aufeinander abzuwälzen und die Bestimmungen des Prager Friedens zu modifizieren. Es ging noch immer um die Landesherrschaften der „Rebellen" und die geistlichen Güter. Besonders strittig war die Restitution der ehemaligen Kurpfalz. Karl Ludwig, der Sohn Friedrichs, musste sich am Ende mit der Rheinpfalz und einer neu einzurichtenden 8. Kurwürde abfinden. Viel Zeit kostete auch der Schacher um eine Jahreszahl. Die Protestanten forderten, der Besitzstand der geistlichen Güter im Jahr 1618 solle wiederhergestellt werden, die Katholiken bestanden auf dem für sie wesentlich günstigeren „Normaljahr" 1627. Man einigte sich schließlich auf das Jahr 1624.

VERBÜNDETE WÜTEN IN BAYERN

Am 14. September 1646 überquerte eine schwedisch-französische Armee bei Lauingen die Donau und fiel in Bayern ein. Kurfürst Maximilian hatte vorher alle Lebensmittelvorräte vernichten lassen, was die Raubgier der Soldateska naturgemäß beflügelte. Als dann im Frühjahr eine Hungersnot seine Untertanen dezimierte, schloss der Kurfürst am 14. März 1647 einen Separatfrieden mit Schweden und Frankreich. War es nun zu Ende mit Ferdinand III. und dem Haus Österreich? War es nicht, weil Turenne mit seinem französischen Korps an die Heimatfront beordert wurde. Die schwedischen Truppen unter dem Nachfolger Torstenssons, Karl Gustav Wrangel, konnten Bayern allein nicht halten und zogen sich nach Norddeutschland zurück. Erleichtert brach Maximilian sogleich den Waffenstillstand und erneuerte das Militärbündnis mit dem Kaiser.

IN FRANKEN, IN BÖHMEN, IN THÜRINGEN

Aus dem Buch von Dr. Lammert:

Nachdem am 14. März in Ulm zwischen Kurfürst Maximilian und den Franzosen ein Waffenstillstand zustande gekommen war, verließen die Franzosen und Schweden einstweilen das Bayernland, um andere Gegenden mit ihren Schrecken zu überziehen. Turenne zog an den Rhein und trieb im Darmstädtischen mit unerhörter Härte kaum erschwingliche Brandschatzungen ein. Wrangel dagegen marschierte über Nördlingen nach Franken, wo er am 1. April in Schweinfurt ankam. In allen Orten des Würzburger Hochstiftes lösten inquartierungen, Kontributionen, Brandschatzungen und Verwüstungen einander ab. Plündernd und verheerend zog er mit seinen Banden über Bamberg nach Eger und nahm im Oktober seinen Weg über Meißen, Thüringen nach Niedersachsen und Westfalen. Die kaiserlich-bayrische Armee war indes nicht untätig geblieben. Sie zog über die Donau und belagerte Weissenburg. Dadurch wurde Mittel- und Oberfranken abermals mit Truppen überschwemmt und mit Not und Angst erfüllt. Dörfer, Märkte und Städte wurden geplündert. Diese Gewalttätigkeiten währten bis zum Schluß des Jahres. Unterdessen machten sich in verschiedenen Gegenden Seuchen geltend."

Flugblatt, 1647: Der allmächtige Gott behüte alle christlichen Herzen vor dergleichen jammerhaftigen und gefährlichen Zuständen und erhalte die arme Stadt, ... und erfülle und erfreue sie endlich mit heilsamem Frieden. Amen."

IN MÜNSTER UND OSNABRÜCK ...

Durch die scheinbare Gunst der Umstände beflügelt, verweigerte der Kaiser seine Zustimmung zu einigen ausgehandelten Abmachungen und beschäftige den Kongress mit Nachforderungen. Dabei versteifte er sich besonders auf das „Normaljahr" 1627. Die Zuweisungen der Bistümer, Klöster und Landesherrschaften waren immer noch nicht abgeschlossen. Geklärt werden musste auch noch, ob die Landesherren weiter die Konfession ihrer Untertanen diktieren durfte, und Widerspenstige des Landes verweisen. Ja, wurde am Ende befunden. Aber das „Normaljahr" blieb weiter strittig.

DER ERSTE WESTFÄLISCHE FRIEDEN

Indessen ging am 30. Januar 1648 der älteste Krieg im Krieg zu Ende: Die niederländischen Generalstaaten und Spanien schlossen den Frieden von Münster.

DIE LETZTE SCHLACHT

Im Mai 1648 waren Turenne und Wrangel mit ihren Armeen wieder nach Bayern unterwegs. In der Nähe von Augsburg fielen sie bei Zusmarshausen über das letzte Aufgebot des Kaisers her und trieben es auseinander. 17. Mai. 1648. Theatrum:

„Von der Anzahl der Toten ist weder von einer noch der andern Seite etwas gewisses eingekommen. Man vermeint, es werde sich allerseits über 2.000 Mann belaufen, weil allein 1.400 kaiserlichen Musketiere Haare lassen mussten."

Vom Mai bis Oktober zogen die Truppen der Verbündeten kreuz und quer durch Bayern: Nicht um es zu erobern, sondern um es planmäßig zu verwüsten.

IN MÜNSTER UND OSNABRÜCK

Durch die erneuten militärischen Rückschläge gezwungen, wies der Kaiser seine Gesandtschaft noch im Frühjahr an, in der Frage der geistlichen Güter nun doch einzulenken. Nun mauerten die ausländischen Mächte. Schweden unterhielt im Reich 51 Regimenter im Feld, und als Besatzung in mehr als 100 Städten und Festungen vom Bodensee bis Pommern. Für die Rückführung der aus Schweden bestehenden Regimenter und für die bei der Entlassung der übrigen Söldner fälligen Zahlungen verlangte Schweden 20 Millionen Reichstaler. Diese gewaltige Summe konnten die Stände nicht aufbringen. Eine zweite Forderung, die die Verhandlungen zurückwarf, stellte Frankreich. Durch den Teilfrieden von Münster hatte es mit den Generalstaaten den wichtigsten Verbündeten verloren und verlangte nun vom Reich und allen Reichsständen strikte Neutralität im spanisch-französischen Krieg. Die brisante Konsequenz dieser Forderung: die österreichische Abteilung des Hauses Habsburg hätte der spanischen jeden Beistand in diesem Krieg aufkündigen müssen. Kaiser Ferdinand war zutiefst erschrocken. Gerade hatte er der Aufhebung des Restitutionsedikts zugestimmt. Und jetzt sollte er auch noch das Haus Habsburg ruinieren? Damit wäre alles dahin, was ihm lieb und wert war. Er lehnte ab, aber das war man ja gewohnt. In Westfalen war die Versorgungslage gut und die Spesen stimmten. Man wartete auf Nachrichten aus Böhmen und den spanischen Niederlanden.

DIE SCHWEDEN FAST IN PRAG

Während sich schwedische und französische Truppen erneut über Land und Leute in Bayern hermachten, unternahm ein zweites schwedisches Korps den turnusmäßigen Vorstoß nach Prag. Am 26. Juli konnten die Schweden die Kleinseite einnehmen, kamen aber nicht über die Karlsbrücke, die von kaiserlichen Söldnern, Bürgern, niederen Klerikern und Studenten erbittert verteidigt wurde. Aber die Schweden waren diesmal ziemlich hartnäckig, und man wusste in Wien, dass die Verteidiger nicht mehr lange durchhalten konnten. Als im August die Nachricht eintraf, dass die Franzosen eine spanischen Armee unter Erzherzog Leopold vernichtet hatten, war dem Kaiser endlich klar: Das Haus Habsburg war eingestürzt. Er wies seine Gesandten an, in der Neutralitätsfrage einzulenken. Besonders von den protestantischen Ständen gedrängt, hatte Schweden seine Forderungen inzwischen auf 5 Millionen Reichstaler reduziert. Es war soweit, dem Frieden stand nichts mehr im Weg.

DIE GLOCKEN LÄUTEN

Am 24. Oktober wurde der Westfälische Frieden unterzeichnet. Wo immer die Kunde eintraf, läuteten die Glocken. Mal hatten sich die einen bei Gott für einen Sieg bedankt, mal die anderen. Nun dankten sie ihm alle für den Frieden. Die Kuriere nach Prag waren neun Tage unterwegs. Die Schweden stellten das Feuer ein, beluden ihre Gepäckwagen mit allen auf der Kleinseite greifbaren Wertsachen und Kunstschätzen und zogen ab.

WOFÜR DAS ALLES?

Die größten territorialen Verluste musste das Haus Habsburg hinnehmen. Hauptgewinner waren die Niederländischen Generalstaaten und die Schweizerische Eidgenossenschaft, deren Eigenständigkeit festgeschrieben wurde. Frankreich erhielt die Bistümer Metz, Toul und Verdun, die Landgrafschaft Oberelsass, Teile des Unterelsass und die Verwaltungshoheit über die elsässischen Reichsstädte. Schweden gewann unter anderem Pommern und die Bistümer Verden und Bremen. Die Rheinpfalz, die Landgrafschaft Hessen-Kassel, das Herzogtum Württemberg und einige kleinere Landesherrschaften wurden restituiert. Zum Ausgleich für den Verzicht auf Pommern erhielt Kurbrandenburg die Bistümer Halberstadt, Minden und Kamin, sowie die Anwartschaft auf das Erzbistum Magdeburg. Kurbayern verlor die Rheinpfalz, behielt aber die Oberpfalz. Die beiden Lausitzen blieben bei Kursachsen. Als „Normaljahr" galt das Jahr 1624. Das Restitutionsedikt wurde aufgehoben.
Eine Entschädigung für die Bauern, die den Krieg ernährt hatten, war nicht vorgesehen.

GEGEN LAND UND LEUTE

Die Schätzungen über die Zahl der Opfer gehen auseinander und sind schon daher müßig. Um festzustellen, was die Potentaten aus Habgier angerichtet hatten, genügt der Satz: Sie haben wissentlich die Dezimierung der Bevölkerung und die Verwüstung ganzer Landstriche in Kauf genommen.

EINE FRIEDENSTAT?

Am Ende hatten die Mächte ihre Forderungen derart verheddert, dass die Einigung beim Länderschacher in Westfalen als Friedenstat gewürdigt wurde - und noch wird. Hatten die Potentaten eine Lehre gezogen? Ja, doch. Der Vertrag erlaubte allen Landesherren im Reich, auch den kleinen, die Aufstellung stehender Heere. Sie waren für die nächsten Kriege zur Aneignung oder Verteidigung strittiger Territorien gerüstet.

EINE KATASTROPHE FÜR DEUTSCHLAND?

Deutschtümelnde Historiker zogen später das Fazit, der Krieg sei ein Katastrophe für Deutschland gewesen, weil er den rechtzeitigen Aufstieg zur Großmacht verhindert habe. Die Zuspätgekommenen übersahen wissentlich, dass es damals noch kein Deutschland gab. Und das Reich? Nicht die ausländischen Mächte haben es ruiniert, sondern seine Institutionen und Stände selbst, indem sie den Krieg zuließen oder gar selbst führten. Eine Katastrophe war der Krieg für die Menschen die umkamen oder etwas verloren: ihre Heimat, ihr Eigentum, ihre Lieben, ihre Gesundheit. Wie das in Kriegen so ist.

SCHÜTZENFEST

Die Nachverhandlungen über ausgeklammerte Streitsachen und die Zahlungsmodalitäten fanden in Nürnberg statt. Als sie im Juli 1650 abgeschlossen waren, feierten die Nürnberger den „völlig geschlossenen Reichsfrieden" mit einem Schützenfest.