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Augen heausgequetscht - Haut mit Messern geschält. Dr. Vincent, Lamentations
Milger, Peter - Der 30jährige Krieg

(18) Das Kriegselend in Pommern 1637 - 1638

Verbrannte Erde * Vom Nutzen und Schaden des Alkohols * Trossfrauen als Hexen verbrannt * Generäle betrügen Soldaten * Das Leiden der Soldaten im Winter *

Erlebnisse und Reflexionen des Thomas Carve, der ab 1636 als katholischer Feldgeistlicher ein kaiserlich-irisches Regiment begleitete. Aus seinem 1640 in Mainz erschienenen „Ryßbüchlein". Kapitel 26: „Was für Elend in Pommern vorgegangen."


VERWÜSTUNG WEGEN TAKTIK ...

„Als nun die unsrigen den Feind gezwungen, befestigte Orte aufzusuchen, befahl Gallas seinen Obristen, die festen Städte und Schlösser zur kaiserlichen Devotion zu zwingen. Das geschah so, dass zugleich den Schweden jede Proviantierung abgeschnitten wurde, und besonders denen zu Stralsund, Anklam, Greifswald und Demmin. So verwüsteten sie zu diesem Ende auch das ganze umliegende Land, so dass der Feind für lange Zeit keine Hoffnung auf Lebensunterhalt haben konnte."

... UND STRATEGIE

Das klingt hart, gar ein wenig unchristlich, also sieht sich unser Gottesmann zu einer Rechtfertigung genötigt:

„Ich will dafür halten, dies sei mit Gottes Billigung geschehen. Dies Land hatte das schwedische Kriegsvolk aufgenommen und unterstützt und dadurch das ganze Römische Reich jämmerlich verdorben, so dass es jetzt gleiches Elend und Verderbnis erleiden muss."

TAKTIK ERFOLGREICH

„Durch diese Mittel verringerte sich ihr Nachschub sehr, so dass der Obrist Wrangel genötigt war, nicht ohne Gefahr seine Leute auf verschiedene Orte aufzuteilen. Baner schickte ihnen zwar bisweilen einige Schifflein mit Korn zu, sie wurden aber entweder von den unsrigen abgefangen, oder wirkten nicht viel bei einem so großen Haufen... Die Kürassiere des Grafen de Broy trafen zwei Boten, die des jungen Wrangel Brief an den Älteren trugen, in dem er das erbärmliche Elend sehr beklagte, in dem er und Baner steckten."

HEITER INS GEFECHT

Dass sich die Soldaten nach getaner Arbeit gern bei Saufgelagen und Frauen entspannen, hält Carve für verwerflich:

„Wer Gott verlässt, und dem Bachus und dem Fleisch dient, kann von Gott keine Hilfe und Beistand in der Not erwarten."

Allerdings hält er den Konsum diverser Alkoholika an andrer Stelle im milderen Lichte, nämlich da, wo er der guten Sache dient.

„Unser General, der Herzog von Florenz, erwies sich bei der Belagerung von Wolgast als ein redlicher Soldat. Am 9. Dezember ließ er die Stadt zu beschießen und die Geschütze und Musketen so trafen so gewaltig, dass sich kein Feind in der Stadt blicken lassen durfte. Da nun der Herzog sah, dass ein ziemlicher Teil der Palisaden und Brustwehren darniederlag, erfrischet er seine Soldaten mit etlichen Tonnen Bier und gutem Wein, worauf sie noch an selbigem Tag angriffen, den Wall eroberten und an die 300 niedermachten. Gefangen bekamen sie drei Obristen, fünf Obristenleutnante, fünf Wachtmeister, fünfzig Hauptleute, vierzig Fähnlein und etliche große Geschütze. Nach der Eroberung der Festung befahl der Herzog, dass alles Vieh von der Insel (Usedom) in die Stadt Wolgast sollte eingetrieben werden zur besseren Unterhaltung der Besatzung."

RUHEPAUSE

„Als Gallas des Lager bei Rostock aufgeschlagen hat, ließ er unsere Völker ein wenig ruhen, bis des Baners Völker auf Schwedt (Oder) rückten würde und Wrangel Armee nach Damgarten. Unterdessen befiehlt Kaiserliche Majestät, gnädig besorgt dass es nicht durch tägliches Fechten und ständiges Reisen Schaden litte, die Völker in die Winterlager zu führen."

VERGNÜGUNGEN IM WINTERLAGER

„Im Jahr nach Christi unseres Herren und Seligmachers Geburt 1638 sind in dem Regiment Caroschi 8 Weiber ergriffen worden, welche man Zauberin oder Hexen zu nennen pflegt. Eine von diesen wurde ernstlich verhört, ja in die Folter nackend ausgespannt. Wollte aber nichts bekennen, bis man sie stärker aufzog. Da sagt sie rundheraus, sie hätte sich dem Teufel verheißen und mit ihm in Mannsgestalt oft zu tun gehabt. Erzählte auch viel vollbrachte Laster, Mordtaten und andere böse Stücke, samt ihren Gespielinnen, welche alle nach Gebühr gestraft worden."

Vermutlich hat es sich bei den Frauen um Dirnen gehandelt und die Delinquentin hat einfach gesagt, was ihr als die Wahrheit erschien, nämlich dass es sich bei ihrer Kundschaft und nunmehrigen Peinigern um Ausgeburten des Bösen handeln müsse. Das „Geständnis" war für die Opfer die einzige Möglichkeit die Marter zu beenden, die „gebührende Strafe", der Feuertod, die einzige Erlösung. Den praktizierenden Christen ging es dann selbst ziemlich schlecht.

LOHN IN VERDERBTEN ZEITEN

„Den 3. Januar gingen wir nach Demmin, Gallas aber nach Neubrandenburg und dann nach Anklam, welcher Ort ohne Furcht belagert ward. Auf dem Weg verloren wir viele Pferde, weil es an Futter und gar an Stroh mangelte. Auch ward die Kälte so scharf und groß, dass die armen Soldaten im Fortschreiten darniederfielen. In Breesen erregte sich unter etlichen Offizieren ein Tumult, man werde nur mit guten Worte hingehalten und den verarmten Soldaten kein Geld gereicht. Auch beklagten sie sich über etliche Generale, welche ihre Günstlinge zum kaiserlichen Hof und andere Fürsten schickten um zu verkünden, welche Festungen diese oder jene erobert hätten. So strichen sie die Belohnung anderer ein, welche die meiste Arbeit getan, und nichts als Stoß und Wunden davontrügen. Die Antwort war, man solle sich geduldig die verderbten Zeiten ansehen. Sei es einmal besser im Reich beschaffen, würde ein jeder nach seinen Verdiensten genug belohnt werden. Unser Regiment, die Irländer, hatten ihr Winterquartier zu Mecklenburg, welche Stadt eine Wegstunde von Wismar liegt. Diesen Ort hatten kurz zuvor 3.000 Schweden innegehabt, waren aber von denen zu Neukloster überfallen, vertrieben und all ihrer Pferde beraubt worden."

DAS GELD VERDIRBT DEN KRIEG

„Was für Elend und Jammer unser Volk ausgestanden, ist weder zu schreiben noch zu sagen. Ganze Truppen mussten viele Nächte aneinander unter dem freien Himmel liegen und hatten keine andere Decke als den Schnee und den kalten Reif. Es hatten an diesem Übel nur die Generale Schuld, welche sich von keinem Feind überwinden ließen, außer vom Geld, um dessen Willen sie den gemeinen Soldaten verderben ließen."

Andererseits vermerkt Carve mit Wohlwollen eine Geldspritze für Habsburgs Sache:

„In diesem Jahr sind 5.000 Spanier und 4 Tonnen Goldes zu Dünkirchen angekommen."


GOTTES AUSLESE

Carve bedauert immer wieder das Elend der Soldaten. Aber welcher? Offenbar nur den freudlosen und enthaltsamen. Säufern und Hurenböcken wünscht er jedenfalls nichts Gutes.

„Ende Januar unterfing sich der Graf von Ridberg über das zugefrorene Wasser zur Insel Rügen zu gehen. Er schickte zuvor 50 Reiter hin um zu untersuchen, ob es zu wagen wäre. Die wagen es und ersaufen alle und der Graf musste mit Schaden wiederkehren. Was Wunder ist es aber, wenn Gott denen zuwider ist, die ihm nicht gewogen sind. Es ist mit blutigen Zähren zu beweinen, man nicht weiß, ob die Soldaten Gott den Allmächtigen oder Bacchus und die Göttin Venus verehren."

So wären ja nach der Logik des irischen Geistlichen Dank Gottes fürsorglicher Auslese am Ende nur noch fromme Krieger fürs Haus Habsburg unterwegs gewesen.

OHNE SOLD UND KLEIDER

„Einen ganzen Winter und 14tägiges Fasten hindurch wurden unsere Obristen und der gemeine Soldat mit vielen Versprechungen betrogen. Alle glaubten, sie würden im Frühling mit Geld und neuen Kleidern versehen werden. Aber wir mussten dann doch ohne Geld und übel bekleidet ins Feld ziehen. So wird die Welt mit eitelen und lügenhaften Verheißungen regiert."

Carve hat auch die Schuldigen ausgemacht:

„Nichtswertige Höflinge, kaiserliche und fürstliche Schmutzbuben."

SCHLECHTE NACHRICHTEN

„Mit hoher Betrübnis haben wir die Gefangennahme des Generals Johann de Werth und anderer Generäle, als Savelli, Enckenfort und Sperreuter wahrgenommen. die Unsrigen hatten zuvor den Feind bei Rheinfelden geschlagen und verjagt. Weil sie aber zum Teil dem Raub nachjagten, zum Teil der Ruhe nachgingen, versammelte Bernhard von Weimar die Seinigen, erneuert die Gemüter und die Schlacht und schlägt die Überwinder."

VERTEILUNG DER PLAGE

„Der Kaiser zog nach Prag und Gallas fing gegen Sommer an, die Soldateska in Winterlager zu verweisen. Etliche Regimenter schickte er ins Herzogtum Holstein, dem von Florenz wurde das Stift Bremen verordnet, der Graf von Ridberg kam nach Braunschweig und Lüneburg, Goltz legte sich ins Erzstift Mainz und herum. Generalwachtmeister von Salis blieb in Mecklenburg, um den Baner im Zaun zu halten. Wir Irländer mussten nach Dannenberg und weiter nach Wolfsburg und an solche Orte ziehen, wo es weder zu fressen noch zu beißen gab. Der Fürst von Braunschweig war so unbarmherzig zu uns, dass er nichts für die Pferde und Soldaten lieferte. Ja die Bauern fielen unsere Knechte ungestraft an, und wo sie einen allein antrafen, musste er des Todes sterben. Auch die Offiziere wurden nicht verschont, wenn sie etwas Brot und Mehl suchten. So geschah es, dass viele dahinstarben oder davonlaufen mussten."

DER GEWINN DER KOMMISSARE

„Nach vielem erlittenen Schaden und äußerstem Elend wurden wir den 7. Mai 1639 über Hannover nach Schaumburg geschickt, wo wir Winterlager im Sommer haben sollten. So geht es zu, geneigter Leser, in der jetzigen Zeit wird alles verkehrt. Im Winter zwingt man uns zu fechten, zur Zeit der Feldzüge muss man im Winterquartier liegen. Doch geschieht nichts ohne Ursache. Die Kriegskommissare pflegen die Völker im Winter im Feld aufzuhalten, damit sie selbige Örter fein abgrasen und den besten Gewinn davon bringen."