Inhaltsverzeichnis Hauptseite
Händler beraubt und abgeschlachtet - Dr. Vincent, Lamentations of Germany
Peter Milger: Der Dreissigjährige Krieg - Gegen Land und Leute

(15) Die Beseitigung Wallensteins und die Verteilung seiner Güter

Ein bisher übersehener Mitwisser * Seine Reise nach Eger * Die Undurchsichtigkeit Wallensteins * Mord oder Hinrichtung? * Friedensstiftung oder Rebellion? * Verschwörung in Wien * Verschwörung in Pilsen? * Die Umstände der Tat nur durch Täter überliefert * Wie Wallenstein seinen Verrat verrät * Meineid der Täter vor der Tat? * Tathergang * Tot oder lebendig? * Warum besser tot * Langwierige Suche nach den Rechtsgründen * Die Güter der „Rebellen" * Die Verteilung der Beute


MERKWÜRDIGE REISE NACH EGER

Der irisch-katholische Feldgeistliche Thomas Carve hat seine Kriegserlebnisse 1639 auf Lateinisch in Mainz veröffentlicht. Dort erschien auch ein Jahr später die deutsche Übersetzung unter dem Titel:

Das Ryßbüchlein des Ehrwürdigen Herrn Tomae Carve, Irländers, des Edlen, Gestrengen Walteri Deveroux, Kays. May. wohlbestellten Feldt-Caplans

Thomas Carve geht es vor allem darum, die Heldentaten seines Freundes Walter Butler zu würdigen. Als sein Werk erscheint, ist sein Held indessen schon europaweit berühmt, da dieser sich tatkräftig an der Beseitigung Wallensteins und seiner Getreuen beteiligt hatte. Und der im deutschen Titel genannte Walter Devereux war eben jener, der dem Friedländer dabei die Lanze in den Leib rammte. Carve begibt sich im Herbst 1633 (also vor der Tat) zu Schiff über Hamburg nach Danzig. Sein Ziel ist Böhmen, wo Butler unter Wallenstein für das Haus Habsburg Dienst tut. Als Grund für seine Reise gibt Carve an:

„Mein Beruf ist es, den Soldaten in geistlichen Sachen Hilfe zu leisten."

In Posen stellt ihm der Rat der Stadt einen „Passzettel" aus. Die Reise geht durch kursächsisches Gebiet, 1633 für einen katholischen Feldgeistlichen also Feindesland.

„Ich handelte mit etlichen Fuhrleuten, dass sie mich um angemessene Bezahlung mitnehmen sollten. Das versprachen sie, aber kaum waren wir an der sächsischen Grenze, da fingen sie an, den Wein zu versuchen, tanzten nach den Schalmeien und schmähten mich. Sie brachten vor, mein Pass sei ein jesuitisches Gedicht und drohten, sie wollten mich den unfern lagernden Schweden und Sachsen übergeben. Was sollte ich tun in solcher Gefahr, unter abgefeimten Feinden? Ich musste die ganze Nacht leiden und gute Worte geben."

Der Ortsvorsteher regelt die Angelegenheit am nächsten Morgen und Carve kommt als Heringshändler verkleidet bis Breslau.

„Ich wollte von den Fuhrleuten Abschied nehmen, aber sie griffen mich wieder an, drohten, mich zu verraten und forderten mehr Lohn. Was sollte ich tun? Ich zahlte und nahm meine Wohnung bei Patribus S. Dominici, welche gar übel lebten, es waren in wenigen Tagen vier oder fünf an Hunger gestorben. In Breslau lag eine sächsische Besatzung, aber der Kommandant war der katholischen Religion sehr zugetan und gab mir einen Trompeter (Parlamentär) mit, der mich vier Meilen Wegs nach Ola führte. Diese Stadt beschützte der kaiserliche Obrist Georg von Rostock. Er ließ mich abholen und in die Stadt führen. Der größte Teil der Häuser war abgebrannt."

In Prag schließt sich Carve einem „polnischen Edelmann zu Pferd" an, so dass anzunehmen ist, dass auch er beritten war. Unterwegs nach Eger beobachtet er im Januar 1634:

„Das Böhmerland ist fruchtbar, obwohl das kaiserliche wie auch das schwedische Heer es weidlich ausgeplündert haben. Auch das Landvolk ist zum Teil durch Umbringen, zum Teil durch die Seuche verdorben."

Carve war am 4. Januar in Prag aufgebrochen. Sein Freund Butler, nunmehr Regimentsinhaber, hält sich zu dieser Zeit im Raum Pilsen-Eger auf. Warum Carve keine Anstalten macht, seinen Freund zu treffen, ist unklar. Oder er traf ihn, und unterschlägt es, um seinen Namen aus der Verschwörung gegen Wallenstein herauszuhalten. In Eger speist er im Kastell, aber er verschweigt, mit wem. Der Kommandant war John Gordon, der bei der Liquidierung Wallensteins am 25. Februar 1634 mitmischen wird. Carve kann es sich nicht verkneifen, auf den besonderen Charme der Bewirtungsstätte hinzuweisen.

„Wir haben in jenem Saal das Mittagsmahl genommen, wo später die Wallensteinischen Verräter erlegt worden."

Mit wem er speiste, teilt Carve nicht mit. Es kann sein, dass sich Butler und Gordon gerade in Pilsen aufhielten, wo Wallenstein am 12. Januar seine Obristen eine Treueverpflichtung unterschreiben ließ. Aber was konnte Carve abhalten, auf einen seiner Helden zu warten? Er verschweigt, wie lange er sich in Eger aufhielt. Seine nächste Station ist Kronach, nur wenige Tagereisen weiter westlich. Dort speist er mit dem Kommandanten der Festung und erfährt:

„Die starke Festung gehört dem Bischof zu Bamberg. Der Ort ist von verschiedenen Kriegsobristen belagert und geängstigt worden, ja selbst vom Herzog von Weimar, aber keiner hat ihn bezwingen können."

Herzog Bernhard von Weimar belagerte Kronach bis zum 23. März 1634, Carve muss also danach in Kronach angekommen sein. Vor dem Abzug der Schweden wäre die Reise nach Westen für einen militanten Katholiken auch nicht ratsam gewesen. Der sicherste Aufenthaltsort für ihn war Eger, in der Obhut der Freunde. Bei deren Vorbereitung der Verschwörung gegen Wallenstein war er also wahrscheinlich in Eger.

WALLENSTEIN UNDURCHSICHTIG

Wallensteins Handeln nach der Schlacht von Lützen zeigt, dass die Erleuchtung über das Wesen dieses Krieges über ihn gekommen war: Auf dem Schlachtfeld war nichts zu gewinnen, der Krieg nicht und der Friede auch nicht. Enttäuscht, die schwedische Armee nicht vollständig eliminiert zu haben, war er schon. Die Offiziere, die sich rückwärts abgesetzt hatten, ließ er in Prag verurteilen und öffentlich hinrichten. Unter ihnen war auch ein junger, schöner und ziemlich unschuldiger. Dass er nicht wenigstens diesen begnadigt hatte, wurde von den Damen mit Trauer, von der Armee mit Verbitterung aufgenommen. War die Erhaltung der Disziplin sein Motiv oder Rache? Auch was er weiterhin anstellte, war so undurchsichtig, dass in keiner mehr verstand. War er verwirrt oder verwirrte er planmäßig? Zum Leidwesen der Zeitgenossen, und zum Entzücken der schreibenden Nachwelt tat er nichts mehr, was nicht der Auslegung bedurfte oder sie herausforderte. Von seinen Zielen, die sämtlich umstritten sind, kann man nur sagen, dass er keines erreichte. Es sei denn, er hatte es darauf angelegt, nicht als Langweiler in die Geschichte einzugehen. „Genie" sagen die einen, „Wahnsinn" die anderen, und manche gar, noch aufregender: beides. Wie unscheinbar machen sich dagegen diese blassen Figuren aus, die in gehobenen Rollen neben ihm auf dem Kriegstheater agierten. An schmückenden Beiworten fällt ihren Lobrednern nicht mehr ein als „tapfer, fromm, uneigennützig", wobei es doch bei den meisten aktenkundig ist, dass sie vorwiegend soffen, dem Wild nachstellten oder sich sonst wie vergnügten. Da fällt doch heute jedem zu Wallenstein mehr ein, sofern er überhaupt etwas über ihn weiß. Natürlich ist es vor allem sein Abgang, der es bringt.

WER WAR WALLENSTEIN?

Der kranke, wahnhafte, seinem Sterndeuter hörige Wallenstein, den viele im letzten Akt auftreten lassen, wird vornehmlich aus dem destilliert, was er alles gesagt haben soll. Aber die Beschäftigung damit lohnt wenig, weil die meisten Auskünfte darüber von seinen Feinden stammen. Und er hatte praktisch nur noch Feinde, im letzten Akt nachdem sein Pappenheim bei Lützen gefallen war. Die Äußerungen der „Mitverschwörer" haben Wallenstein auch eher geschadet, dem lebenden wie dem toten. Also wer war Wallenstein? Da es hier nur um die Charakterisierung dieses Krieges geht, ist die Frage nur von geringem Belang. Er handelte über weite Strecken nach dem gängigen Muster, war in erster Linie ein Kriegsgewinnler unter vielen. Wer es differenzierter haben will, dem sei Golo Manns „Wallenstein" empfohlen. Der meint, wie viele andere auch, Wallenstein sei ermordet worden.

MORD ODER HINRICHTUNG?

Einig ist man sich also auch nicht, wie man das nennen soll, was Wallenstein „aus der Anzahl der Lebenden entfernte". War es Mord, also eine Tötung ohne Rechtsgrund? Oder wurde ein rechtlich ergangenes Urteil vollstreckt? Der Kaiser und einige seiner Räte hatten Wallenstein ohne Anhörung zum „notorischen Reichsrebellen" erklärt. Das war zwar problematisch, aber nicht rechtswidrig. Die Reichsverfassung bestimmte, dass ein Rebell alles verwirkt hatte, sein Leben und seine Güter. Auf diese Weise waren etwa Friedrich von der Pfalz und die Herzöge von Mecklenburg um ihre Güter gekommen. Da sich Kaiser Ferdinand bei seinen Urteilen bereichert hat, kann bezweifelt werden, dass es ihm nur um das Recht ging. Aber es kann ihm nicht nachgewiesen werden, dass er gegen das Recht handeln wollte. Im Fall Wallenstein hatte man ihm Beweise vorgelegt, die sich nach der Tat als unzulänglich herausstellten. Im Zweifel für den Angeklagten: Man dem Kaiser nur mangelhafte Prüfung der Beweise vorwerfen. Sowohl die Täter vor Ort als auch der Kaiser gaben an, es sei Gefahr im Verzuge gewesen, also habe für normale Rechtsmittel die Zeit gefehlt. Sie können alle gelogen haben oder sich geirrt haben, aber es kann ihnen nicht nachgewiesen werden.

TOT ODER LEBENDIG

Am 24. Januar erlässt der Kaiser das erste (geheime) Absetzungspatent. Jeder weitere Gehorsam ihm gegenüber wurde untersagt, die Generäle Gallas, Piccolomoni und Altringen erhielten den Auftrag, ihn gefangen zunehmen oder umzubringen. Das ist der Rechtsakt. Was Wallenstein nachher gesagt oder getan haben soll, spielt also keine Rolle, wenn man fragt, ob das Urteil „richtig" oder „gerecht" war.

WAS MACHTE ER VORHER?

Vor allem macht er sich Feinde. Er weigert sich, einen Heerzug spanischer Truppen von seinen Regimentern begleiten zu lassen, die Entscheidung liegt in seiner Kompetenz. Hinterher galt sie als Verrat. Bernhard von Weimar stößt nach Bayern vor, lässt schrecklich dort wüten. Verständlicherweise drängt Maximilian auf die Entsendung eines Hilfscorps aus Wallensteinischen Kontingenten. Der Kaiser gibt das Anliegen auch als das seine an Wallenstein weiter. Der aber weigert sich und lässt die militärischen Gründe, die er vorbringt, von seinen Obristen bestätigen - er ahnt wohl, was da kommt. Die bayrische Lobby am Wiener Hof, schon immer gegen Wallenstein agierend, verlangt nun seine schleunigste Entfernung. Der Kaiser drängt weiter, Wallenstein gibt nach und stößt mit einem Armeekorps nach Cham vor. Und zieht es wieder ab. Verrat. Verrat. Einer der Gründe, die Wallenstein nach Wien meldet: Er brauche die Truppen für seine Operationen gegen die kursächsisch-schwedischen Truppen im Norden.

WAS SAGT DER FACHMANN?

Bernhard von Weimar schreibt am 28. November 1633 an Kanzler Oxenstierna: :

„Wie ich mir jederzeit die Hoffnung gemacht, wir würden durch die Expedition in Bayern den Feind von dem Land unserer Freunde (Sachsen) abziehen, so erfahre ich nun..., dass auch der General Wallenstein, welcher seinen Marsch auf unterschiedlichen Wegen durch Böhmen genommen, gestrigen Tags in Cham in der Oberpfalz angekommen ist. Nun haben wir dem Allerhöchsten... für diesen glücklichen Event billig zu danken."

Maximilian und der Kaiser haben Wallenstein also gezwungen, genau das zu machen, was ihre Feinde wollten. Bernhard regt in einem weiteren Schreiben (30.11.1633) an, die Verbündeten in Sachsen sollten die Gelegenheit militärisch nutzen, er selbst will:

„Ihn (Wallenstein) zu einer Schlacht zwingen, der sich aber auf Bericht unseres Anzuges zurück nach Böhmen begeben und nur etliche Truppen Kroaten hinterlassen."

Wallenstein korrigierte also den Fehler, zu dem ihn andere gezwungen hatten. Wirr? Illoyal? Ein Gedanke lag ihm wohl fern, unzeitgemäß wie er gewesen wäre: Den Verlust einiger Regimenter zu riskieren, „nur" um die Schweden daran zu hindern, die Menschen in Bayern zu quälen.

WAS EINEM FRIEDEN ENTGEGENSTEHT

Wallenstein hat sich am Frieden versucht, wie und warum auch immer. Aber wie Frieden machen? Frankreich wollte sich am Rhein verbessern, Elsas für immer in Besitz nehmen und den Hauptfeind Spanien isolieren. Die protestantischen Fürsten wollten alles behalten, auch alles Kirchengut. Kursachen wollte die Lausitz dazu. Brandenburg beanspruchte Pommern, Schweden auch, und Wallenstein Mecklenburg, Bernhard von Weimar Franken, auch die minderen Fürsten, die Reichsstädte, alle wollten was. Der Kaiser wollte alles behalten und das Restitutionsedikt durchführen. Spanien wollte nichts, was Frankreich wollte, und die abgefallenen Nordprovinzen der Niederlande dazu. Maximilian wollte die Kurwürde und die Pfalz behalten, Friedrichs Erben forderten die Rückgabe. Die Fürsten, die es betraf, wollten Garantien für die „Fürstliche Libertät". Und praktisch jeder wollte von jedem die Erstattung von Kriegskosten, besonders die Schweden.

WALLENSTEIN VERHANDELT

Wallenstein führt im Norden Krieg gegen Kursachsen und verhandelt mit dessen Feldmarschall Arnim über einen Frieden. Verräterisch, natürlich. Hinterher wurde bezweifelt, ob sein Auftrag so weit ging. Er ging so weit. Am 10. August 1633 wird eine kaiserliche Instruktion für Wallenstein ausgefertigt:

„Unser General Feldhauptmann soll uns seine Gedanken und Gemütsmeinung eröffnen, wie das ganze Werk des Friedens, zu dem wir auch gnädigst geneigt, in Gang zu setzen wäre und uns berichten, wie weit es mit den Verhandlungen wäre, so zwischen ihm und Arnim stattgefunden, und wie weit man sich dabei zu verlassen haben möchte."

Wien wollte in erster Linie einen Separatfrieden mit protestantischen Fürsten und Städten und sie damit aus dem Bündnis mit Schweden lösen. Das hätte das Kräfteverhältnis erheblich verändert, aber den Krieg nicht beendet. Der Plan war realistisch, er wurde nach Wallensteins Ableben auch realisiert, und der Krieg ging dann tatsächlich weiter.

MAN MUSS FRIEDEN MACHEN

Wallenstein hat wohl gewusst, welche Ränke man sich in Wien ausdachte. Gehandelt hat er aber nach der Instruktion: das ganze Werk des Friedens. Er verhandelte mit dem kursächsischen Feldherren Arnim, fühlte aber auch bei Frankreich und Schweden vor. Warum sollte er nicht einen allgemeinen Frieden versucht haben? Sei es, weil er sich in Ruhe auf seine Güter zurückziehen wollte, oder um den Ruhm einzuheimsen, das Kriegsmonster bezwungen zu haben? Schriftliches von ihm selbst über seine Motive liegt nicht vor. Am 16. Dezember ließ er dem Kaiser über Graf Trauttmansdorff ausrichten:

„Er wolle gern diese Last los sein, ihrer königlichen Majestät alles in Ordnung übergeben, und nun mehr raten, so gut er es verstehe, was zu tun sei, er selbst bliebe bei der Armata nicht... Man muss Frieden machen, ansonsten werde alles unsererseits verloren. Nach diesem hat sich der Herzog beklagt, dass seltsame gefährliche Diskurse wider ihn bei Hof vorgingen, sogar ihm, dem Herzog Gift zu geben..."

Wollte er den Kaiser täuschen oder nur mitteilen, er habe die Schnauze voll? Von den Intrigen, den Parteien, dem ganzen Krieg? Die „Diskurse" bei Hofe wurden bei der späteren Rechtfertigung der Tat veröffentlicht: König von Böhmen habe Wallenstein werden wollen, zum Feind überlaufen, seine Hände im Blut Habsburgs baden, Wien anzünden und anders mehr. Die solches hinterbrachten, konnten aber immer nur sagen: „hat er gesagt".

WAS DER FEIND VON IHM HIELT

Schweden misstraute allen Angeboten Wallensteins, was nur heißen kann: Sie hielten ihn für loyal. Als er, längst entlassen und verurteilt, sich verraten fühlend, nunmehr also Feind des Kaisers, sich mit dem früheren Feind in Gestalt Bernhard von Weimars verbünden will, wie reagiert dieser, obwohl er weiß, dass der Kaiser Wallenstein entlassen hat? Weimar am 14. Februar 1634 an Kanzler Oxenstierna über das Angebot Wallensteins: Er habe militärische Maßnahmen ergriffen...

„...da wir einen sonderen Betrug und Arglist dahinter vermuten, und zur Wachsamkeit gezwungen sind."

Für wie loyal müssen sie Wallenstein gehalten haben, die Schweden? Wenn er bei den Verhandlungen mit Arnim mehr angeboten hat, als der Kaiser bereit war herzugeben, wäre auch nichts bewiesen. Wie soll man den verhandeln, bei dieser vertrackten Interessenlage? Aber er hat nichts ratifiziert, konnte es auch gar nicht, ohne einen Vertrag mit dem Kaiser abzustimmen. So griff er zur friedensfördernden Maßnahme des Waffenstillstands. Ein Verrat, auch das. Er habe die Sachsen und Schweden schonen wollen, wurde ihm später nachgesagt. Aber sollte er nicht Brandenburg und Sachsen als Bündnispartner für den Kaiser gewinnen? Da war doch nicht angesagt, sie völlig zu ruinieren, sondern nur mäßig, eben so, wie Wallenstein es seiner Truppe befohlen hatte.

WALLENSTEIN - EIN PATRIOT?

Bei seinen Verhandlungen hat er sich wohl für die „Fürstliche Libertät" ausgesprochen und gegen die am Krieg beteiligten ausländischen Mächte, vor allem Spanien. Vielleicht lag ihm das am Herzen, vielleicht sagte er das auch, weil Arnim es gerne hörte. Wie weit er wirklich ging, weiß man nicht. Die Angelegenheit wurde von der Wiener Propaganda aufgebauscht und später im anderen Lager dankbar aufgegriffen. So kam es auch zu diesem Wallenstein: Dem Wahrer protestantischer und nationaler Interessen.

FRIEDENSPLAN NACH SACHSEN GEMELDET

Am 9. Januar skizzierte Wallenstein im Bett liegend gegenüber dem sächsischen Obersten Schlieff einen nur mäßig patriotischen Friedensplan: Frankreich sollte entschädigt werden, aber nichts am Rhein bekommen, Schweden soll einige Ostseehäfen behalten, alles andere, die geistlichen Fürstentümer zurückgeben, er selbst müsse für Mecklenburg entschädigt werden, Bernhard von Weimar solle statt Franken etwas im Elsas oder Bayern bekommen, Tirol und alles, was dazugehört, solle beim Kaisertum bleiben, die Pfalz müsse zurückgegeben werden. Über Böhmen sagte er nach dem Protokoll des Obersten nichts. Habsburg ohne Böhmen und Bayern als die Hauptverlierer - so war kein Friede zu machen. Nun, es war nur ein Gespräch, vielleicht mangelhaft wiedergegeben. Das Dumme ist nur, genaueres und glaubwürdigeres über sein Friedenskonzept liegt nicht vor. Dass Wallenstein etwas gegen den Kaiser im Schilde führte, konnte Schlieff nicht nach Dresden melden.

KRIEGSPLAN NACH WIEN GEMELDET

Wallenstein hat offenbar auch mit Piccolomini über Krieg und Frieden gesprochen. Was Wallenstein dabei geäußert haben soll, teilte Piccolomini zuerst den Generälen Colloredo und Gallas mit, und um den 10. Januar meldete er es nach Wien. Als einen Beitrag zu Rechtfertigung hat er das Gespräch erst später schriftlich fixiert. Und zwar Unerhörtes. Demnach wollte Wallenstein die Erblande angreifen, den Kaiser gefangen nehmen und sein Haus völlig ausrotten. Als ausreichenden Beweis sah man in Wien die Gesprächswiedergabe noch nicht an. Sonst hätte der von allen Seiten gedrängte Kaiser sofort zur härtesten Gegenmaßnahme gegriffen. Das tat er aber erst 14 Tage später.

VIELE FEINDE IN WIEN

In Wien zirkulierten Hetzschriften der klerikalen Kriegspartei gegen Wallenstein, den Ketzer, heimlichen Protestanten, Verräter. Der junge Ferdinand, Bayern und Spanien drängten, seriöser begründet, aber auch ohne Beweise, jedoch mit der gleichen Schlussfolgerung: Weg mit ihm. Der Kaiser zögerte, das halten ihm auch seine Kritiker zugute, aber am 31. Dezember ließ er ihn doch fallen. Zunächst zogen sie Wallenstein hinterrücks einige Regimenter ab. Er merkte, was sich gegen ihn zusammenbraute und reagierte mit einer Gegenmaßnahme, die nichts taugen konnte. Am 13. Januar ließ er 47 Obristen den „Pilsner Schluss" unterzeichnen. Weil er schmerzhaft beleidigt worden sei, kein Geld für den Unterhalt der Armee einträfe, dafür aber schädliche und unerfüllbare Befehle, habe er vorgehabt, sein Generalsamt aufzugeben. Auf drängen seiner Offiziere wolle er nun aber bleiben. Dafür sollten diese schwören:

„Für ihn ihr Leben bis zum letzten Blutstropfen einzusetzen..."

Sie unterschrieben etwas, wozu sie ohnehin verpflichtet waren. Welchen Sinn hatte der Akt? Doch höchstens ein Signal für Wien, seht her, ich will die Armee erhalten. Welch eine Unterschätzung der Wiener Verdrehungskunst. Sehet her, hier ist der Beweis für seinen Verrat, als hätte er unterschreiben lassen: ..."auch wenn es gegen das Haus Österreich geht." Dass dies seine Absicht gewesen sei, hatte ja Piccolomini hinterbracht. Der Daumen senkte sich.

DAS URTEIL

Der geheime Befehl an die Generäle Gallas, Piccolomini und andere vom 24. Januar 1634:

„Das Haupt und die vornehmsten Mitverschworenen, wenn irgend möglich gefangen zu nehmen und nach Wien zu bringen oder als überführte Schuldige zu töten."

Vielleicht war Wallenstein Mitte Januar wirklich Willens, die Armee nun gegen Habsburg marschieren zu lassen, aber dann hätte er sich ihrer vorher versichern müssen. Der Schwur von Pilsen taugte nicht dazu. Er hat nicht einmal verhindert, dass sich alsbald die meisten Unterschreiber gegen ihn verschworen. Wallenstein wurde verurteilt, ohne dass ein Verrat, eine „notorische Rebellion" bewiesen war. Aber alles weist darauf hin, dass Kaiser Ferdinand seinen Beratern traute und von der Schuld Wallensteins überzeugt war.

WALLENSTEIN FLIEHT NACH EGER

Gallas und Piccolomini verlassen Wallensteins Hauptquartier in Pilsen Mitte Februar, weil sich dort die Exekution als undurchführbar erweist. Jetzt lässt Wien offen gegen Wallenstein mobilisieren, militärisch wie propagandistisch. Sogleich wird die Beschlagnahme aller Güter der Verurteilten eingeleitet. Am 18. Februar schickt Wallenstein einen Boten auf seine Güter, mit Befehl, die Barschaft nach Sachsen in Sicherheit zu bringen. Seinen Kommandeuren stellt er frei, bei ihm zu bleiben oder Pilsen zu verlassen. Er lässt in Wien ausrichten, er habe nichts gegen den Kaiser im Sinn und fragt an, wie dort das Verhältnis zu ihm wäre. Letzte Briefe. Den Herzog von Weimar lässt er mitteilen, der Bruch mit dem Kaiser sei nun da. Am 21. Februar weiß es Wallenstein definitiv: Der Kaiser hat ihn entlassen. Aufbruch nach Eger, die Wertsachen, der Hofstaat kommen mit, die Artillerie bleibt da, für sie gibt es nicht genug Pferde. Ein paar hundert Soldaten begleiten ihn, darunter Butlers Regiment.

WALLENSTEIN IN EGER FRIEDLICH ENTSCHLAFEN?

Würde jemand behaupten, Wallenstein sei im Bett seiner Krankheit erlegen, während drei seiner Gefolgsleute bei einem Gelage erstochen wurden, weil man Streit bekommen habe - niemand könnte es ihm eindeutig widerlegen. Denn alle Mitteilungen über Motive und Tathergang stammen von den Tätern. Und die wären um ihre Belohnung gekommen, wenn Wallenstein friedlich entschlafen wäre.

ZWEIFELHAFTE QUELLEN

Unser Wissen über die Tat und die Motive stammt nur aus Schriftstücken, die die Tat und die Belohnung rechtfertigen. Zu ihnen gehört der Bericht von Thomas Carve, dem Freund des tatbeteiligten Butler.

„Das XI. Kapitel. Vom schmählichen Tod Alberti Wallenstein und mit Konsorten als des Tertzky, Illo, Kinsky und Neuman. Zu der Zeit kommandierte zu Eger der Obrist Leutnant Johannes Gordon über das Regiment des Grafen Tertzky, neben seinem Obristen Wachtmeister Leslie, beide beständige und getreue Kavaliere des Kaisers. Die hatten nun viel gehört über die friedländischen Anschläge und wollten die Wahrheit gründlicher erfahren. Wallenstein hielt sich in Pilsen auf und erwartete mit Verlangen die Ankunft des Gallas, welcher ihm versprochen, den Obristen Aldringer zu ihm zu führen. Alle Stunden und Minuten waren ihm zu lang und er bedachte sich hin und her, wenn die genannten dem Kaiser treu blieben, ob er sein gefasstes Vorhaben gleichwohl sollte ins Werk setzten."

WALLENSTEIN VERRÄT SICH SELBST

Gleich am Anfang des Kapitels übernimmt Carve die Position Wiens: Wallenstein ist ein Verräter. Um es zu belegen, liest Carve sogar dessen Gedanken. Nun kommt Carve zum wichtigsten Punkt: Wallenstein teilt wie unter einer Art Erzählzwang seine Pläne mit. Zuerst Leslie, den er unterwegs nach Eger trifft. Carve:

„Leslie war durch den vertrauten Freund (Butler) schon etwas über diesen Verrat zugekommen. Siehe da begegnet ihm Wallenstein in einer Sänfte liegend und mit ihm 200 zu Fuß und 500 zu Pferd unter dem Kommando Butlers. Nach dem Gruß fragt der Friedland den Leslie..., was über ihn gesprochen würde, worauf dieser ganz allgemein sagt, er habe verstanden, dass der Kaiser ihrer Fürstlichen Gnaden abholt sein solle. Darauf sagte jener, wie die kaiserliche Räte Sachen über ihn zusammengetragen hätten, die ihm gegen seinen Willen übertragene Generalität solle ihm jetzt schimpflich wieder abgenommen werden, auch solle er dem ungarischen König Ferdinand unterstellt werden, der doch an Rat und Kräften des Leibes viel zu jung und unvermögend wäre."

Ziemlich genau so dürfte Wallenstein die Dinge gesehen haben. Nun lässt Carve ihn Unkluges sagen und anordnen.

„Nach vielen ausgegossenen Reden und Drohungen wider den Kaiser und das Haus Österreich schickte er den Leslie vor nach Eger, um dem Gordon und anderen seine Ankunft in Eger zu melden."

ICH MARSCHIERE GEGEN ÖSTERREICH

Leslie über seine Unterhaltung mit Wallenstein in seinem Bericht, den er am 3. März in Wien übergab:

„Wie er (Leslie) ihm am 24. bei Plan begegnet ist, hat der Generalissimus mit ihm zu diskutieren angefangen und gefragt, ob er nichts verstanden habe, von der Konfusion und Unordnung, so unter Ihrer May. Armee gekommen sei. Worauf er (Leslie) geantwortet, dass er nichts verstanden habe."

Also hat Wallenstein dem Leslie alles erklärt und die gegen ihn erhoben Anklagen entkräftet. Leslie gibt Wallensteins Argumente so ordentlich wieder, dass sie in den offiziellen Rechtfertigungsschriften des Wiener Hofes nicht abgedruckt wurden Im Gegensatz zu der folgenden Drohung, die Wallenstein anschließend ausgestoßen haben soll:

„Arnim und Franz Albert von Sachsen sind unter meiner Devotion samt ihrem Volk. Ich werde innerhalb vier Wochen nach Österreich marschieren und ihre May. wissen machen, was sie getan habe, in dem sie den Spaniern und Konföderaten mehr geglaubt hat, als mir."

Wallenstein verrät demnach einem Mann „der nichts verstanden hatte" einen Plan, der, wenn überhaupt, nur bei strikter Geheimhaltung durchführbar gewesen wäre. Man kann es glauben, man kann es auch lassen. Dass sich Wallenstein ein zweites Mal selbst verrät, lag jedenfalls im Interesse Piccolominis, Leslies und der Wiener Apologeten.

DIE TAT, DER ERSTE BERICHT

Vor dem 28. Februar verfasste ein Beteiligter, wahrscheinlich Gordon, einen Bericht. Er enthält keine Rechtfertigung, der Ton ist nicht feindselig. Demnach sind „Fürstliche Gnaden" nach ihrer Ankunft in Eger am Abend des 24. und am nächsten Morgen recht aktiv: beordert einige Regimenter nach Eger, schickt Kuriere, befiehlt, wie mit dem Rat von Eger zu verfahren sei. Der Autor beschreibt die Maßnahmen eines Mannes der weiß, dass der Kaiser nunmehr sein Feind ist, aber er zieht keine Schlussfolgerungen daraus.

ERST FRÖHLICH, DANN TOT

„Bald darauf hat der Kommandant Johann Gordon sich auf die Burg begeben, Herren Grafen Ihlou, Herrn Terzky, Herrn Küntzky, H. Obristen Puttler, H. Rittmeister Niemann und H. Obristen Wachmeister Lessla (alle falsch geschrieben, nur „Johann Gordon" nicht) zum Abendessen dorthin gebeten, welche auch alle erschienen und sich fröhlich erwiesen. Unterdessen sind die Wachen auf der Burg und bei der Corps de Garde zwischen 9 und 10 Uhr nachts geschwind verstärkt worden, das Obertor geöffnet und in höchster Stille eine Kompagnie Dragoner eingelassen, deren Kapitän mit entblößtem Degen in das Zimmer eingetreten und geschrienen: >Wer ist gut kaiserlich?< Hierauf H. Obr. Puttler, Obr. Leut. Gordon, H. Obrister Wachtmeister Lessla >Vivat Ferdinandus< schnell geantwortet, die Waffen ergriffen und auf Grafen Ihlou, H. Terzky, H. Kinzky und Rittmeister Nieman eingedrungen, wovon H. Ihlou und H. Küntzky gleich liegen blieben. H. Graf Tertzky aber, dem man Unverwundbarkeit nachsagt, hat sich so gewehrt, dass er in das Vorhaus kam, jedoch schließlich von den Dragonern totgeschlagen wurde. Rittmeister Nieman floh nach zwei Stichen in die Speisekammer, fiel um und starb."

WALLENSTEIN TRINKT VORHER BIER

„Der Kammerdiener, so vor dem Zimmer aufgewartet, wurde mit kurzer Waffe stracks durchstochen. Der Mundschenk, so Ihr fürst. Gn. in einer goldenen Schale einen Trunk Biers gebracht, wurde am Arm verwundet. Darauf schrieen die Musketiere >Rebellen, Rebellen<, und öffneten das fürstliche Zimmer. Ihr fürst. Gn. lehnte im bloßen Hemd am Tisch und sagte nicht mehr als >Ah guardir< (Schonung). Er wurde von besagtem Kapitän mit den Worten >du schlimmer meineidiger alter rebellischer Schelm< mit der Partisane zwischen beiden Brüsten durchstochen, worüber er zur Erde fiel und starb. Die Dragoner haben ihn in ein rotes Tuch gewickelt, auf eine Karre gelegt und auf die Burg zu den anderen geführt. Der Orts sie bis dato liegen."

KEIN AUFTRAG, KEIN GEREDE, KEIN SCHWUR

Der Bericht ist militärisch sachlich, außer der Beschimpfung Wallensteins. Die Täter gehen zielstrebig vor und verschwenden keine Zeit mit Debatten. Ebenso fehlen Nebensächlichkeiten wie die, dass sich einige der Mannen gleich ans Plündern gemacht hatten, als Vorschuss auf die Belohnung.

TREUE GESCHWOREN UND GEBROCHEN

Piccolomini begab sich nach Erhalt der guten Nachrichten unverzüglich zum Tatort. Es galt, weitere private Zugriffe auf das Eigentum der „Verräter" zu verhindern und in der Kanzlei Wallensteins Belege für dessen Verrat aufzustöbern. Letzteres misslang. Piccolomini stand also mit leeren Händen da. Fatal besonders für ihn, weil er ja der Hauptzeuge für Wallensteins Umsturzpläne war, sie nun aber nicht belegen konnte. Er las den Bericht von Gordon, in dem jede Begründung für die Tat fehlte. So war er es wohl, der in den Bericht einfügte:

„Am selbigen Morgen hat er (Wallenstein) die zu Eger befindlichen Offiziere zusammengerufen und sie nicht eher von dannen gelassen, bis sie ihm de novo verbindlich geschworen haben. Wodurch dann allewege H. Obr. Buttler, H. Obrist Gordon, H. Obr. Wachtmeister Lessle erkannt, was ihre Intention, Wille und Meinung sei, und je mehr sie der Sache nachgedacht, je mehr haben sie sich entschlossen, standhaft bei der kaiserlichen Majestät zu verharren. Und weil sie keinen andern Weg gewusst, ihre untertänigste Ergebenheit gegenüber ihrer kaiserlichen Majestät wirklich zu erweisen..., haben sie endlich mit 3 Kapitänen von dem Butlerischen (Regiment), so alle Schottländer, sich verbindlich vereinbart, obsagten Herzog, Ihlo, Terzkhi, Künzkhi und Neumann als Meineidige und Treulose aus dem Mittel (Weg) zu räumen."

Was nun? Erst geschworen, dann erkannt? Oder erkannt, und trotzdem geschworen? Das konnten die Täter nicht auf sich sitzen lassen. Ein Meineid, vor der Tat, das war gegen die Standesehre, ein Abgrund von Hinterlist und Gemeinheit. Auch die Wiener Hintermänner mussten der Öffentlichkeit eine unbefleckte Tat andienen. So ging es also nicht.

SCHWUR ABGELEHNT

Leslie in seinem Bericht, den er mit nach Wien brachte:

„...hierauf wir um Geduld des nächsten Tages, damit wir uns resolvieren möchten, gebeten, so wir noch erlangt..."

Die offizielle zweite Rechtfertigungsschrift übernimmt Leslies Bericht:

„.... welches sie auf den nächsten Tag, damit sie sich hierin resolvieren möchten, um Aufschub gebeten, so ihnen erteilt worden..."

Die Wiener Redaktion hatte sich für saubere Helden entschieden, und gegen jede Logik. Da es sich um das Haus Österreich handelt, kann man auch sagen:

SO EIN SCHMÄH

Also: Alle Offiziere hatten Wallenstein im Januar die Treue erklärt, inklusive Gallas und Piccolomini. Nun ist klar, dass sich die meisten nicht drum geschert haben. Illow bestellt Butler, Leslie und Gordon und fordert sie auf, den Schwur zu wiederholen. So jedenfalls Leslie in seinem Bericht. Da sitzen sie nun. Sie wissen, dass der Kaiser Wallenstein loswerden will. Hohe Belohnungen stehen aus, viel steht also auf dem Spiel. Warum sollen sie den Schwur wiederholen? Doch wohl weil Argwohn aufgekommen ist. Wie ihn zerstreuen, müssten sie eigentlich überlegen. Überlegen sie aber nicht. Auch nicht, dass im Fall der Verweigerung alle Alarmglocken klingeln müssen. Nein, sie gehen, alle drei, ohne sich abzusprechen, das Risiko ein. Den aufrechten ehrlichen Soldaten kommt kein Falsch über die Lippen. Sie wollen Bedenkzeit. Illow ist zufrieden, lässt sich mit den anderen von Gordon zum Abendmahl bitten. Und da gehen sie hin, ohne Leibwache, ohnehin ein unverständlicher Leichtsinn, „erwiesen sich fröhlich". Vorher informiert Illow natürlich Wallenstein, und der lässt die drei verhaften. Nein, er bestellt sich ein Bier. Dieses Konstrukt unterstellt, dass sowohl Täter wie Opfer ein unbegreifliches Risiko eingegangen wären. Bleibt nur eine Erklärung: Sie haben geschworen. So steht es ja auch im Zusatz des ersten Berichtes, der in der Eile hingeschrieben wurde.

BLUT AN DES KAISERS HÄNDEN?

Ferdinand hatte ja an die neue Heeresleitung einen Geheimbefehl abgesetzt, seiner tot oder lebendig habhaft zu werden. Nun, nachdem einige Leichen vorlagen, gab es ein offizielles Darstellungsproblem. Hatten die Täter nun den Befehl vollstreckt, oder aus eigenem Ratschluss gehandelt? In den Berichten Gordons und Leslies wird der Befehl nicht erwähnt, er war ja geheim. Aber in Wien war er im engeren Kreis der Wallensteinfeinde natürlich bekannt. Und mehr.

BEFEHL VERSCHWIEGEN

Leslie kommt am 3. März in Wien an, um Bericht zu erstatten. Lamormaini, S.J., Beichtvater des Kaisers, schreibt aus Wien am 4. März an seinen Ordensgeneral in Rom:

„Den gesamten Plan zur Verschwörung eröffnete der Friedländer persönlich Leslie und Gordon, die von der ganzen Sache nichts gewusst hatten. Der Friedländer glaubte, dass er sie durch große Versprechungen auf seine Seite ziehen könnte... Butler wusste von der Sache durch Gallas und Piccolomoni."

Die Sache, das kann nur der Geheimbefehl sein. Dass dieser Umstand von erheblicher Brisanz war, konnte der Jesuit noch nicht wissen. Große Teile der öffentlichen Meinung in Europa werden nämlich mit Bestürzung oder Empörung auf die rechtlich problematische Hinrichtung reagieren - lagerübergreifend. Und da konnte die Frage nicht ausbleiben, ob der Kaiser selbst Blut an den Händen hatte. Ein geringeres Problem, wenn nun eindeutige Beweise für einen Hochverrat Wallensteins aufgetaucht wären. Aber Piccolomini konnte sie nicht herbeibringen, es blieb bei seiner Behauptung, Wallenstein habe das Haus Habsburg ruinieren wollen. Ferdinand hatte Wallenstein also bei schlechter Beweislage „verurteilt", gestützt auf ein problematisches Gutachten, ohne Anhörung und Prozess. Aber da war ja noch die andere Version: Wallenstein verrät sich selbst, die Täter handeln selbst, weil kaisertreu, ohne Kenntnis des Geheimbefehls. In der ersten offiziellen Verteidigungsschrift bleibt es bei dieser Auslegung.

DER KAISER MUSS HERHALTEN

Der Kaiser schien entlastet, aber was war mit den anderen, die an der Beseitigung Wallensteins beteiligt waren, vor allem mit Gallas und Piccolomini? Der Rechtsgrund für ihr Handeln war der Geheimbefehl und die vorausgegangene „Verurteilung" durch den Kaiser. Sie war auch der Rechtsgrund für die Enteignung der Güter der „Verräter". Die sollten zur Belohnung aller Beteiligten dienen.

TOT ODER LEBENDIG

Monatelang wurde gezockt, und am Ende setzten sich die Legalisierer durch: In der endgültigen Verteidigungsschrift wird der Geheimbefehl zitiert:

„Ihre Kay. May... hat sich resolviert und den verschiedenen vornehmen Kriegskommandanten Befehl aufgetragen, dass sie... den Friedländer und seine beiden vornehmsten Adherenten, den Illo und Terzka, in Haft nehmen und an einen sicheren Ort bringen sollen, allda er gehört werden und sich defendieren und purgieren möge, oder doch sich seiner lebendig oder tot zu bemächtigen."

Ebenso wird die Weitergabe nunmehr eingeräumt:

„... hat er (Leslie) sich alsbald ins Schloss zu den Obristen Butler und Gordon verfügt und ihnen referiert, da dann der Butler dem Leslie das kais. Patent und der von dem Herrn General Leutnant Gallassen, inmittelst darüber empfangene Ordinanz vorgewiesen. Darauf alle drei sich entschlossen..."

EINE ANSCHULDIGUNG AUSGELASSEN

Da die Mitwirkung des Kaisers damit eingeräumt ist, bemüht sich die Apologie um so eifriger, die Rechtlichkeit des Vorgehens zu beweisen. Praktisch jede Handlung Wallensteins wird nun als Verrat interpretiert, die Summe ist der Hochverrat, für den selbst kein zweifelsfreier Beleg vorgelegt wird. „Mitverschworene" böhmische Emigranten und gefangene sächsische Offiziere werden verhört, Gutachten angefordert. Heraus kommt nichts Handfestes. Viele schwerwiegende „Verbrechen" waren bei der „Verurteilung" noch nicht begangen worden, oder konnten noch nicht bekannt sein, und viele so „belegte" Anklagepunkte wurden später von Historikern „widerlegt". Aber was soll solche Wahrheitsfindung? Wenn Wallenstein Unrecht geschah, dann nur, weil im Grunde nebensächliche Anschuldigungen gegen ihn konstruiert wurden. Weniger Mühe hätte diese gemacht: Er hat Land und Leute aus Habgier systematisch ruiniert. Nun ja, das konnten ihm natürlich seine Ankläger schlecht vorwerfen.

HABITUELLE VORVERURTEILUNG

Nach den herrschenden Bräuchen war in Wien die Beseitigung Wallensteins von den interessierten Kreisen beschlossen worden, bevor man sich auf die Suche nach den Rechtsgründen begab. Eine Arbeit, die ernsthaft erst in Angriff genommen wurde und sich über Monate hinzog, nachdem die Beseitigung erfolgt war. Spanien, der bayrische Kurfürst, die jesuitischen Höflinge und der junge Ferdinand dürften sich vorher kaum Gedanken über die Rechtsform der Beseitigung gemacht haben. Ihnen allen stand Wallenstein aus verschiedenen Gründen im Weg, aber es gab auch ein gemeinsames Anliegen: Die Güter Wallensteins und seiner „Mitverschwörer". Die Aneignung und Verteilung derselben wäre durch ein Gerichtsverfahren in Anwesenheit der lebendigen Angeklagten unnötig kompliziert worden.

WARUM TOT UND NICHT LEBENDIG

Nach der Besprechung bei Illow fällen die drei laut Leslie ihr „Urteil":

„Wir sind alsbald zu Rat gegangen, und weil wir gesehen haben, dass sie alle die ärgsten Rebellen sind und willens gewesen, sich innerhalb von zwei Tagen mit dem Feind zu verbinden, sind wir von der ersten Meinung, nämlich sie gefangen zu nehmen, abgewichen, sondern weil der Feind so nahe gewesen und es die Zeit nicht dulden wollte, haben wir beschlossen, sie noch in der selben Nacht in ihren Zimmern zu erwürgen."

Die Herren „verurteilen" ihn also zum Tod, weil der Feind in zwei Tagen da sein sollte. Woher wussten sie das? Laut Leslie hatte Wallenstein ihm offenbart:

„Diese Nacht sei auch von dem Herzog Franz Albert ein Schreiben gekommen, dass der Herzog von Weimar alles bewillige, was der General begehrt habe, doch wolle er selbst wegen der Konjunktion der Waffen mit ihm reden."

Selbst unterstellt, Wallenstein habe Leslie in seine höchst geheimen Anfragen bei den Schweden eingeweiht, ist keine unmittelbare Gefahr im Verzug. Es sollte ja zunächst geredet werden. Nur eine zweite Bemerkung in Leslies Bericht kommt noch in Frage. Sie impliziert, Leslie habe Wallensteins Befehle gekannt:

„Diese Nacht hat er auch den Kanzler Elz zum Feind abgefertigt, zu begehren 1000 Mann zu Fuß und 2000 zu Pferd."

Selbst unterstellt, Leslie habe solchen Einblick gehabt, so ist doch nur von einem Begehren die Rede. Trotzdem das Todesurteil, die „Mitverschwörer" werden beim Abendessen erledigt. Dann neue Erwägungen:

„Als dann hat er's (Leslie) dem Buttlar und Gordon, so noch im Schloss gewesen, avisiert, dass bereits alles in guter Ordnung sei und keine Meuterei zu befürchten, doch es ist nocheinmal konsultiert worden, ob's besser sei, den Herzog gefangen zu nehmen oder alsbald umbringen zu lassen. Aber weil der Feldmarschall bei dem Nachtessen vermeldet, dass der General (Wallenstein) in drei Tagen eine solche Armee zusammenbringen würde, desgleichen er niemals gehabt. Und der Rittmeister Nymann (beim Essen) auch vermeldet, dass weil ihre May. also begehren, der Deutschen Freiheit unterdrücken zu lassen, er (Wallenstein) begehre, für seinen Teil solche Revange zu haben und bald seine Hände in des Hauses Österreichs Blut zu waschen, daher wir uns, weil der Feind so nahe gewesen, resolviert, den Herzog umbringen zu lassen, welches auch selbige Nacht durch den Hauptmann Deueriz also geschehen."

BELOHNUNG UND VERTEILUNG DER BEUTE

Francesco del Carretto, kaiserlicher Oberst und Feldzeugmeister in Pilsen am 28. an Piccolomini in Eger:

„Da es vernünftig ist, dem signore collonello Buttler in allem, was ihm zusteht, jegliche Gefälligkeit zu erweisen, habe ich ihr (Frau Butler) sofort ein gutes Quartier zugewiesen. Da Lesel unterwegs zu S.M (König Ferdinand) ist, habe ich jene Dame sofort aufgesucht und ihr gesagt, dass sie zufrieden ein könne über den Gewinn, den ihr Gatte durch die Verrichtung dieser großartigen Tat haben wird.... Habe von dem signore conte Aldringen erfahren, dass der König morgen von Wien abreisen wird, mit Geschenken und der Absicht, seine Dankbarkeit durch baldige Verteilung der Rebellengüter walten zu lassen. Eure Exzelenz sind gehalten, die Schriftstücke, Geld, Kleider und alle andere Dinge der Gefangenen sicher und schnell nach Pilsen zu überführen, damit sie verteilt werden können und Unordnung vermieden wird. Lesel ist besonders zu berücksichtigen, außer ihm sollen alle Offiziere und Soldaten mit Verdiensten etwas erhalten, die dem Kommando S.E Signore tenente generale (Gallas) unterstanden, dass heißt jene 12, die die Rebellen getötet haben, jeder 500 Reichstaler und der sergente maggiore von Butler (Leslie) 1.500 Reichstaler. Die eingesetzten Soldaten und Dragoner sollen einen Monatssold erhalten."

Gallas an Piccolomini, Pilsen, 28. Februar:

„Ich denke, dass dem sargante maggiore (Geraldin) von dem Geld aus der Kasse 2.000 gehören, dem capitano (Deveroux) 1.000 , den 12 Soldaten jedem 500 und den anderen eingesetzten Soldaten und Dragonern ein Monatssold."

Kaiser Ferdinand machte Leslie zum Edelmann und ordnete an, für das Seelenheil der Verblichenen in Österreichs Kirchen 3.000 Messen zu lesen. Sodann ging es an die Verteilung der Beute. Die ausgesandten Kommissare und Buchhalter konnten dem Kaiser weniger Barschaft nach Wien melden, als erhofft. Dafür stand erneut ein großer Teil des Königreichs zur Disposition, wie nach 1620. Golo Mann hat alles genau nachgerechnet:

„Blieben, wenn man zu Wallensteins Fürstentümern und dem Riesenbesitz der Trckas noch den beträchtlichen des Grafen Schaffgotsch, noch die bescheideneren Vermögen Illows und Wilhelm Kinskys schlug, immerhin 14 Millionen zu verschenken. 14 Millionen, man weiß, was das war; wie es den Machthabern oft an 50 Gulden fehlte, um einen Kurier zu bezahlen... Wohin die Hauptbrocken gehen würden, wusste man schon Ende April: Friedland und Reichenberg, 500.000 Gulden, an Gallas, Nachod, 215.000 Gulden, an Piccolomini, das Kinskysche Teplitz, oder bloße 94.000 Gulden, an Aldringen... Hirschberg, 225.000 Gulden, dem Obersten, jetzt Grafen und Kammerherrn Walter Butler; Nové Mésto, 132.000 Gulden, dem Obersten Grafen von Leslie; Smidar und Skriwany, 178.000 Gulden, für Johann Gordon; für Deveroux, Macdaniel, Geraldin 40.000, 30.000, 12.000 in Gütern oder Fragmenten von Gütern oder Geld... es wurde keiner vergessen... nicht der stolze Graf Oñate; auch nicht Pater Lamormainis Jesuitencollegium; auch nicht der König von Ungarn, der seines Vaters Großzügigkeit das Gut Smrkowicz samt dem Gestüte verdankte..."
Siehe auch
Kreuzzüge und Propaganda Mythos Kolumbus