30jähriger Krieg - Kritik
Glaubenskrieg?
J
a, nach den Verlautbrungen der Obrigkeiten. Die Presse durchschaute aber: Das war Propaganda: Das Flublatt verdeutlicht, was kritische Zeitgenossen von diesem Krieg hielten. Nämlich nichts. Sie hielten ihn schon garnicht einen Glaubenskrieg, Konfessionskrieg oder Religionskrieg. Historiker und andere edele Gemüter aber lassen nicht hab, ihn bis heute unter solchen Markenzeichen zu handeln. Irgendetwas Gutes muß dem Schrecklichen doch abgewonnen werden, wo kämen wir denn sonst hin mit unserer christlich-abendländischen Traditionspflege. Sie weisen auf die Verlautbarungen beider Lager hin, in denen dieser oder jener Glaube ins Feld geführt wird, um die Feldzüge zu rechtfertigen. So schleicht sich die Propaganda der kriegsführenden Parteien in die Geschichtsschreibung ein.
"Großeuropäisches Kriegsballett, getanzt durch Könige und Potentaten, Fürsten und Republiken. Flugblatt, 1642
Kommt her, ihr neuen Zeitungsleute,
schaut an, wie getanzt wird heute
in einem fürstlichen Ballett,
welches der Neid einsetzen tät.
Seht, uns Christen-Potentaten
einander hassen und verraten
Land und Leute, alles draufgeht
um zu tanzen dies Ballett."
Peter Milger
Um Land und Leute -
der 30-jährige Krieg


Fazit: In einem Todesstreifen von Mecklenburg über Thüringen und Hessen bis in die Pfalz und Württemberg war am Ende über die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr da. Landzugewinne für Schweden und Frankreich, die protestantischen Fürsten durften die enteigneten Kirchengüter weitgehend behalten. Habsburg-Österreich verleibte sich endgültig das Königreich Böhmen ein.

Klassenkampf? Die Herrscher unterdrücken die Völker und die Mächtigen missbrauchen ihre Macht über die Menschen.

Karl Marx? Nein, Jesus Christus im Neuen Testament zu den Jüngern. Matthäus 20,25

Kapitel 1:
Pulverfass Europa

Die Reformation und die Enteignung der "geistlichen Güter", Klöster, Bistümer etc - Der Abfall der Niederlande - Die Protestantische Union und die Katholische Liga - Vorkriege - Der Schmalkaldische Krieg - Bruderkrieg im Hause Habsburg um das Königreich Böhmen - Der Majastätsbrief und ein Geheimvertrag zwecks erblicher Aneignung des Königreichs durch Habsburg - die Rolle Spaniens
Inhaltsverzeichnis
Hauptseite
Kriegstreiber
Und die Geistlichkeit beider Konfessionen spielt die Hintergrundmusik
30jähriger Krieg - Flugblatt - Propaganda
Propagandaflugblatt, katholisches Lager;
Die protestantischen Fürsten sollen die von ihnen beschlagnahmtem Kirchen, Schätze, Bistümer und Klöster erbrechen.
WIE ENTSTEHEN KRIEGE?

In unseren sprachlichen Wendungen "brechen" sie noch aus, wie Vulkane. Dabei pflegen Kriege sich deutlich anzukündigen. Der 30jährige tat dies geradezu exemplarisch. Seine Vorgeschichte hätte also lehrreich sein können. War es aber nicht. Auch der er letzte Krieg, der im Irak, hat sich deutlich angekündigt und fand in einer Region statt, in der es viele alte Forderungen und unbeglichene Rechnungen gab. Die kriegführenden Staaten verhielten sich nicht anders als die europäischen Potentaten damals: Sie bereiteten ihr Unternehmen durch eine intensive Propaganda vor, um vorhersehbare Kriegselend zu rechtfertigen.

GUTE UND BÖSE?

Bis in die zur Rede stehenden Epoche war politische Macht ausschließlich an den Besitz von Land und Leuten gebunden. Sieht man von den Aufständen gegen dieses Herrschaftsprinzip ab, so wurden Kriege zwecks Aneignung geführt, wenn irgendwo Land und Leute zur Disposition standen. Es galt als durchaus honorig, sich anderer Leute Land und Untertanen gewaltsam anzueignen, wenn sich ein Grund finden ließ, und sei es nur der windigste. Längst verstaubte, gefälschte oder strittige Besitzurkunden sowie Erb- und Heiratsverträge wurden gern als Vorwand genommen. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts wurde auch die Verteidigung oder die Verbreitung des "wahren Glaubens" wieder ins Feld geführt. Eine Vorübung war die Propaganda der Kreuzzüge. Die hochrangigen Akteure beider Lager auf der Bühne dieses europäischen Kriegstheaters gaben die Parole aus: Hier sind die Guten, dort sind die Bösen. Nur Gute können schlechterdings nicht am Werk gewesen sein. So gilt, sofern die Charakterisierung überhaupt Sinn hat, eher der Umkehrschluss. Da sie alle das Gleiche taten, dürfte auch ihre Geistes- und Gemütsverfassung so ziemlich die gleiche gewesen sein. Schon die unparteiischen Zeitgenossen machten sich keine Illusionen, wie das Flugblatt aus dem Jahr 1642 zeigt.

GEGEN LAND UND LEUTE

In einem Todesstreifen von Mecklenburg über Thüringen und Hessen bis in die Pfalz und Württemberg war am Ende über die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr da. Nur im Nordwesten Deutschlands waren die Verluste geringer als 30%.
Da die immer größer werdenden Söldnerheere sich durch Plünderungen selbst versorgen mussten und ganze Landstriche verwüstet wurden, damit für den Feind nichts übrig blieb, war ein Massensterben unter der ländlichen Bevölkerung die Hauptkriegsfolge. So richtete sich der Krieg um Land und Leute objektiv gegen Land und Leute. Den kurzfristigen Ausfall von Steuereinnahmen nahmen die Potentaten hin, mehr stand für Angehörige des Hochadels nicht auf dem Spiel. Die Leidtragenden, die ohnehin verachteten Bauern, würden es schon wieder richten.
Kriegselend Fegefeuer
Englischer Bericht "Lamentations of Germany", Dr. Vincent, 1638. Selig durch gute Werke - sprich Geldopfer für den Klerus Ablasshandel - das Geschäft mit der Angst vorm Fegefeuer
DER ANLASS UND UM WAS ES GING

Der 30jährige Krieg entstand aus einem Konflikt um den kirchlichen Grundbesitz und die Verfassung im Königreich Böhmen. Als der Krieg fast zehn Jahre alt war, und die bayrisch-habsburgische Allianz an allen Fronten gesiegt hatte, befahl der Kaiser die Rückgabe mehrerer Bistümer und Tausender Klöster, die von protestantischen Fürsten und Städten säkularisiert worden waren. Dieses Diktat verhinderte die Aushandlung eines dauerhaften Friedens, bis das kaiserliche Edikt im Westfälischen Frieden aufgehoben wurde, rund 20 Jahre später. Es ging also vor allem um die "geistlichen Güter", sieht man von den Kriegszielen Spaniens, Schwedens und Frankreichs ab.

MIT DER BIBEL GEGEN DIE KIRCHE

Den ersten erfolgreichen Angriff auf die Weltlichkeit der Kirche formulierte und predigte der englische Theologe John Wiclif um 1380. Er befand, die Kirche habe den Weg zur Seligkeit durch und durch kommerzialisiert. Dieser Weg sah, kurz gefasst, so aus: Vor allem durch "gute Werke" konnte der Gläubige die zeitlichen Sündenstrafen (Fegefeuer) für sich und seine lieben Verstorbenen verkürzen. Gute Werke waren etwa Altar- und Messopfer, Schenkungen, Stiftungen von Messen und der Kauf von Ablässen. Die "Gegenfinanzierung" der Ablässe erfolgte durch den "Schatz der unverbrauchten Verdienste Jesu und der Heiligen", über den der Papst verfügte. Für all dies, so Wiclif, gebe es in den Evangelien keine Begründung. Das gelte auch für ihren Grundbesitz, den Ursprung ihrer weltlichen Herrschaft:

"Die Kirche hat ihren Besitz, der halb England ausmacht, weder gekauft noch durch Verdienste erworben. Sie hat kein Recht darauf."

Dem Papst, den Bischöfen und Äbten bestritt Wiclif darüber hinaus jegliche biblische Legitimation, weltliche Herrschaft auszuüben. Das war die eigentliche, die politische Kampfansage.

John Wiclif Ketzerverbrennung Johannes Huss
John Wiclif, lehrte an der Universität Oxford. Überlebte Dank guter Beziehungen zur Regierung. Posthum als Ketzer verurteilt, wurden seine Knochen ausge-
graben und verbrannt
Reformator Johannes Huss, in Konstanz 1415 als Ketzer verurteilt und lebendig verbrannt
DER ERSTE KRIEG ...

Wiclifs Schriften bewirkten Anfang des 15. Jahrhunderts die hussitische Reformation in Böhmen und mit ihr eine umfangreiche Enteignung kirchlichen Grund und Bodens. Das führte natürlich zum Krieg. Dieser "hussitische" verheerte 15 Jahre lang Böhmen und die benachbarten Landstriche.

... UND DIE NÄCHSTEN


Die nächste Reformation, die "lutherische", führte zur Säkularisierung des Kirchengutes durch mehrere Landesherren im Norden des Reichs und in den meisten reichsunmittelbaren Städten. Die Reformation verlief zunächst friedlich, weil das Reich mit der Abwehr türkischer Beutezüge beschäftigt war und Karl V. gegen den französischen König in Sachen Vorherrschaft Krieg führte. Der Kaiser, Habsburger, Herr über Spanien - inklusive der Kolonien -, Österreich, die Königreiche Böhmen und Ungarn etc., durfte die Verluste nicht hinnehmen, die die Reichskirche erlitten hatte. Vor dem Reichsgericht und auf Reichstagen aber waren die Streitsachen nicht zu klären. (Nach einem "Protest" der evangelischen Stände auf dem Reichstag in Speyer 1529 kam die Bezeichnung "Protestanten" auf.) Als es für die protestantischen Landesherren und Städte bedrohlich wurde, schlossen sie sich zwecks militärischer Abwehr 1531 im "Schmalkaldischen Bund" zusammen. Nachdem der Kaiser mit Frankreich Frieden geschlossen hatte, machte er 1546 ernst. Den "Schmalkaldischen Krieg" gewann er, den anschließenden "Fürstenkrieg" 1552 das protestantische Lager. Der Kaiser musste im Streit um die "geistlichen Güter" nachgeben.

DIE FREIHEIT DES CHRISTENMENSCHEN

Auf dem Reichstag in Augsburg 1555 wurde der "Augsburger Religionsfriede" erlassen. Die wichtigsten Bestimmungen: Die säkularisierten Kirchengüter können einbehalten werden. Der Landesherr bestimmt von nun an die Konfession seiner Untertanen, wer nicht gehorchen will, darf auswandern. Den Stadtregierungen steht die Wahl der Konfession frei .

RECHTSUNSICHERHEIT

Wie jede politische Bewegung hatte sich auch die "evangelische" inzwischen gespalten. Der "lutherischen" Kirche war mit den "reformierten" Gemeinden (Zwingli, Kalvin) eine radikale Konkurrenz erwachsen. (Eidgenossen in der Schweiz, Hugenotten in Frankreich.) Die "Lutherischen" sorgten dafür, dass die "Reformierten" vom Augsburger Religionsfrieden ausgeschlossen blieben. Das war nicht sonderlich friedenstiftend. Eine weitere Bestimmung, der "geistliche Vorbehalt", war geradezu kriegsfördernd: Wechselt ein Kirchenfürst die Konfession, verliert er Land und Leute. Die protestantischen Stände versagten ihre Zustimmung , und diese Rechtsunsicherheit führte alsbald zu neuen Kriegen, einen um das Bistum Köln und einen um das Bistum Straßburg, um nur zwei zu nennen.

KEINE TOLERANZ

Der vereinfachte und vorwiegend ohne Barzahlung begehbare Heilsweg der protestantischen Kirchen führte allein über den Glauben, die Gnade und die Schrift. Aber es ging nicht nur um die Rettung der Seele, auch die Ansichten zur Politik und Ökonomie drifteten auseinander. Es entstand das, was man später "Weltanschauungen" nannte. Die staatliche Tolerierung derselben aber wurde mit dem Erlass von 1555 gründlich verhindert. Der Landesherr verordnete seinen Untertanen mit der Konfession im Grunde auch das Denken.

1570 - BESTANDSAUFNAHME - ERGEBNIS DER "REFORMATION"


Evangelisch Leben

Im Jahr 1570 schätzt ein reisefreudiger Venezianer, dass rund 80% der Bevölkerung im Reich Deutscher Nation protestantisch seien. Auch in den Erbländern der Habsburger hatten protestantische Stadtbürger und Adlige in Räten und Ständen Mehrheiten gebildet und gegen Steuerzusagen "Freiheiten" durchgesetzt. Protestantismus ist nun auch ein Politik- und Lebensstil, der "katholischem" Regieren entgegensteht.

Vermögenstransfer

Mehrere Erzbistümer und Bistümer im Norden des Reichs werden inzwischen evangelisch regiert. Protestantische Adlige und Städte haben Tausende von Klöstern inklusive Grundbesitz und leibeigener Bauern an sich gebracht. Teils um Schulen, Krankenhäuser, Altenheime oder Almosenkassen aus den Erlösen zu unterhalten, teils um die Abgaben für sich selbst einzutreiben. Auch Privatleute, evangelische wie katholische, haben sich manches Grundstück gekauft. Das alles ist weitgehend illegal aus der Sicht der Reichskirche, des Papstes, der Habsburger und der noch lebenden Vorbesitzer. Die Größenordnung der Rückforderung entspricht etwa der ganzen ehemaligen DDR, und bei Abschaffung des real existierenden Protestantismus hätten sich sicher ähnliche Probleme eingestellt, wie bei der Wende weiland. Für eine solche ist die Zeit nun allerdings reif, meint das Lager der Geschädigten, zu dem auch der König von Spanien gehört. Kaiser Karl V. hatte den riesigen Eigenbesitz der Habsburger geteilt: Spanien, Neapel, Sizilien, Sardinien, Mailand, die Niederlande, Burgund und die Kolonien waren an Sohn Philipp II. gegangen. Vollkommen unstrittig war jedoch nur seine Herrschaft über Spanien, was allerhand Kriege zur Folge hatte.

VERLUST FÜR SPANISCH- HABSBURG

Der Abfall der Niederlande

Die spanische Filiale des Vielländerkonzerns konnte ab 1566 in den Nordprovinzen der Niederlande (heute etwa Holland) nicht mehr umstandslos Steuern eintreiben oder Ketzer verbrennen. Die kalvinistischen Stände der Bürger und Adligen sahen in Spanien eine Besatzungsmacht, die jede Form von Eigenständigkeit als Ketzertum abstraft.

Doch schon demokratischer...

In heutiger Nomenklatur würden wir die Stände als Wirtschafts- und Fortschrittspartei bezeichnen, republikanisch und antiabsolutistisch. Womit nicht gesagt sein soll, dass sie die "Guten" waren. Nur unserer Verfassung schon näher, also vertrauter. "Global Players" waren die niederländischen Händler auch schon, in Konkurrenz vor allem mit England und Spanien.
Schmalkaldischer Krieg Vergewaltigung Frauen geschändet
"Schmalkaldischer Krieg ": In der Schlacht bei Mühlberg (Elbe) 1547 unterliegt die Armee des sächsischen Kurfürsten. Franz Hogenberg: Geschichtsblätter
Überfall im Kölner Krieg
Die Spanier wüten in Haarlem: "Das Hängen und Köpfen fand kein End/ Die Weiber wurden auch geschändt 1573

Aufstand und Blutbad

Es waren also nicht die Ärmsten, die sich ab 1566 zur Wehr setzten. Da Bittstellungen wegen der Ketzergesetze bei der spanischen Statthalterin nichts fruchteten, gingen Niederländer auf die Symbole der Unterdrückung los: Auf Heiligenbilder und Altäre. Darauf hin trat der Herzog von Alba auf mit einer Armee und Sprüchen wie diesem:

"Es ist viel besser ein Reich im verwüsteten, ja zugrunde gerichteten Zustand für Gott und König zu behaupten, als unversehrt ohne Krieg für den Teufel und seine Anhänger, die Ketzer."

Alba war kein Mann leerer Worte. Dass sein Vorgehen die Zeitgenossen in Schrecken versetzte, kann man aus den "Geschichtsblättern" von Franz Hogenberg schließen. Als Alba seinem König, Philipp II.. die Hinrichtung der "Rebellen" Egmont und Horn meldete, schrieb dieser zurück, es sei zwar bedauerlich, aber :

"Niemand darf sich dem entziehen, wozu er verpflichtet ist. Ich habe gern gehört, dass sie, wie Ihr schreibt, so gut und katholisch gestorben sind."

Die Söldner im Dienste Spaniens metzelten pflichtgemäß auch ganze Stadtbevölkerungen nieder, mit der gleichen Entschiedenheit, die Krone und Kirche in Frankreich an den Tag legten, als sie Hugenotten niederkämpfen ließen.

Kaper- und Küstenkrieg

Die Niederländer leisteten erfolgreich Widerstand und nützten dabei die Eigenarten ihrer gewässerreichen Landschaft. Sieben Nordprovinzen schlossen sich 1579 zur "Utrechter Union" zusammen. Statthalter (formal noch immer für den König) wurde Wilhelm von Oranien. Dann, im Juli 1581 trennten sich die sieben nördlichen Provinzen endgültig von Spanien und erklärten ihre Unabhängigkeit. Nun wollte Philipp II. den Oranier tot oder lebendig sehen und es sich 25.000 Goldstücke kosten lassen. Ein gewisser Balthasar Gérard schoss den Widersacher Spaniens am 10. Juli 1584 nieder. Kriegsgewinnler: Insgesamt 80 Jahre kämpften die Niederländer für ihre Unabhängigkeit. Nach dem 30jährigen Krieg wurde sie mit dem Westfälischen Frieden festgeschrieben.

1575 - DIE "GEGENREFORMATION"

Die katholischen Reichsfürsten und Habsburg vertrauten die ideologische Kriegsführung dem gescheitesten Personal an, über das sie verfügten: Den Ordensbrüdern der Gesellschaft Jesu. Sie nannten ihr Projekt "Reformation", und das war durchaus scharfsinnig. Sie wollten die Eigentums- und Kirchenverhältnisse wiederherstellen, die vor der "Rebellion" der Evangelischen geherrscht hatten. Später hat sich die protestantische Begriffsbildung "Gegenreformation" durchgesetzt.

Nachgezogen

Als Missionare konnten die Jesuiten einen Katholizismus anbieten, der durch das Konzil von Trient um manche Kritikpunkte bereinigt worden war. Ihr "seelsorgerisches" Wirken wird von der katholischen Geschichtsschreibung in den schönsten Farben gemalt, sehr erfolgreich war es indessen nicht. Wer die Konfession wechselte, verließ seinen Lebenszusammenhang, verlor Freunde, Verwandte und an politischem Einfluss. So zwanglos war dem hart gesottenen Protestantismus nicht beizukommen, also wurde die Konfession überwiegend durch Dekrete verordnet. ( Die lutherischen und kalvinistischen Obrigkeiten hatten es vorgemacht.)

Die Jesuiten und die Macht

Um so durchschlagender wirkten die Jesuiten als Erzieher katholischer Fürstensprösslinge und als deren Berater, wenn sie dann regierten. So feinsinnig die Ordensmänner dachten, so grob waren ihre Einflüsterungen: Immer feste drauf und Rübe ab, wie wir noch sehen werden. Ihre Radikalität basierte auf der These, dass der Zweck, die Rettung möglichst vieler Seelen, die Mittel heilige. Ähnlich dachte ihr weltlicher Bruder Machiavelli, nur war sein Zweck handgreiflicher: der Staat. Ob die Jesuiten, oder einzelne von ihnen, allein die selbstlose Sorge um die Seelen anderer umtrieb, ist selbst eine Frage des Glaubens. Aber auch sie hatten ein handgreifliches Motiv: Die Protestanten bedrohten ihre Pfründen. Und deren radikaler Flügel, die Kalvinisten, waren nicht weniger zimperlich, und auch sie versicherten eifrig, dem Seelenheil verpflichtet zu sein. Doch um 1600 waren zunächst ihre Gegner am Zug.

Maximilian von Bayern Kaiser Ferdinand Protestanten vertrieben
Maximilian, ursprünglich Herzog von Bayern, gewann im Krieg die Rheinpfalz nebst Kurwürde hinzu Ferdinand, zunächst österreichischer Erzherzog, dann Kaiser, gewann u. a. Böhmen Ferdinand enteignet 1602 Evangelische in der Steiermark und Kärnten und vertreibt sie
Vollstrecker im 30jährigen Krieg

Herzog Maximilian von Bayern (geboren 1573) und der Habsburger Erzherzog Ferdinand (geboren 1578) erhielten in der bayrischen Jesuitenhochburg Ingolstadt ihren politischen Feinschliff. Sie führten die irdischen Heerscharen 1618 in den Krieg, als der militärische Teil der Gegenreformation begann. Aber man blieb nicht untätig, bis dahin.

ZURÜCK ZUR ALTEN HERRLICHKEIT

Die Reformation als realpolitische Bewegung bedrohte die "universalen" Mächte doppelt: Entzug von Einkünften durch Enteignung des Kirchengutes und Entzug von Macht durch ihre Verlagerung in "ständische" Organe. Daraus ergaben sich die Ziele der Gegenreformation.

1.) Die Kassierung des Augsburger Religionsfriedens und die Restitution der Kirchengüter.

2.) Die Rückeroberung der kalvinistisch-ständischen Niederlande und die Verhinderung "ständischer" Regierungsformen in den Erbländern und Königreichen Habsburgs.

SÄUBERUNG IN ÖSTERREICH

Ferdinand zeigte schon mit 24 Jahren, wozu er fähig war. In seinen Erbländern Steiermark, Kärnten und Krain erließ er 1602 ein Edikt, das seine Geisteshaltung dokumentiert. Er ging gegen evangelische Pfarrer und Lehrer und deren Anhang vor. Laut Ferdinand:

"sektische Prädikanten, als wissentliche Aufrührer wider die landesfürstliche Obrigkeit, als Betrüber und Zerstörer des gemeinen Friedens."

Sie sollten:

"samt den Schulhaltern (Lehrern) und deren Adhärenten (Anhang) aus all diesen Fürstentümern und Landen auf ewig geschafft werden, bei Strafe der Verlierung ihres Lebens."

Kopfgeld & Enteignung

"Welcher eine solche Person unseren Obrigkeiten lebendig ausliefert, dem werden jedesmal 300 Thaler zur Verehrung aus unserer fürstlichen Kammer erlegt werden."

Alle anderen Unkatholischen, die "Sektischen", sollten:

"zu der heilwürdigen Bekehrung mit Beichten und Kommunizieren, bei ordentlichen katholischen Pfarrern ... greifen."

Oder sie mussten nach acht Wochen für immer das Land verlassen:

"nach Erlegung des Zehnten ... bei Verlust aller ihrer Hab und Güter..."

Für einen evangelischen Gläubigen stand nicht die Seligkeit auf dem Spiel, wenn er unter Zwang am katholischen Ritus teilnahm. Was er verlor, ist schwer nachzufühlen, das Gesicht, seine Würde, die Wertschätzung seiner Freunde ... Die Bilanz der Säuberungsaktion war positiv, die Fiskalkammer schrieb schwarze Zahlen. Viele Protestanten wanderten aus, manche zu Verwandten, manche in die Fremde.

Notorischer Zugriff

Nach jeder erfolgreichen Gewaltanwendung im sogenannten "Religionskrieg" wird das die erste Maßnahme sein: Die Beschlagnahme und Einziehung von "Hab und Gütern" der "Rebellen". Die einen gut katholisch, die anderen gut evangelisch, allerwegen. Die Kanzleischreiber bekamen zu tun.
Kreuz- und Fahnengefecht Protestanten enteignet Bauernkrieg
Protestantische Bürger behindern in Schwäbischwerder eine katholische Prozession - das ist unklug Der katholische Landesherr annektiert die protestantische Reichsstadt - heute Donauwörth Gegen Frohn und Ausgezehr -Zehntausende aufständiger Bauern
werden niedergemetzelt

ES GEHT LOS - EINE STADT WIRD ANNEKTIERT

Einige Historiker halten dafür, der 30jährige Krieg habe im Jahr 1606 seinen Anfang genommen. Im heutigen Donauwörth.

Mit Kreuz und Fahne voran

In der reichsunmittelbaren Stadt Schwäbischwerd gab es am Stichtag, den der Augsburger Religionsfriede gesetzt hatte, an "geistlichem" Gut nur noch das Heilig-Kreuz-Kloster. Welche Rechte die katholische Minderheit hatte, war nicht protokolliert worden. Durften die Katholiken beim jährlichen Bittgang in ein Nachbardorf ihre Symbole auf städtischen Straßen zeigen? Nein, sagte der protestantische Stadtrat und berief sich auf Gewohnheitsrecht, ja, meinte der Abt, wegen der "Religionsfreiheit", und lässt 1605 die Fahnen flattern. Das protestantische Publikum fühlt sich provoziert und behindert die Prozession. Worauf der eingeschaltete Kaiser jede weitere Störung verbietet und Strafen androht. Der Stadtrat erkennt nicht, dass ein schärferer Wind weht und erlässt keine entsprechenden Vorschriften. So gehen die protestantischen Schwäbischwerder am 25. April 1606 in die Falle.

Demonstration und Gegendemonstration

Was als "Kreuz- und Fahnengefecht" in die Geschichte einging, war allerdings nur eine Rauferei ohne Verletzte. Die Übertreibung beruht auf einem katholischen Bericht:

"Es wallte die große, natürlich erst neue, kostbare Fahne, mit dem Kreuzzeichen geschmückt, in freier Luft fliegend einher. Ihr folgte zunächst die Schar junger Musiker in Linnen gekleidet, sodann die Priesterschaft und das gesamte katholische Völklein des männlichen und weiblichen Geschlechts, in herkömmlicher Ordnung. Ehrbar und schüchtern wurde fortgeschritten... Zahlreicher als die Betenden mehrten sich die Schreier: Lasset sie nur hinausziehen, die Friedensstörer, die Pfaffen, die Abgötter, die Halunken, sie mögen sehen, wie sie wieder hereinkommen..."

Als das Völklein zur Stadt zurückkehrt, wird es von zwei Ratsherren und acht Bewaffneten zurückgehalten. Nur Bewohner der Stadt werden eingelassen. Der Vogt des Klosters mahnt: Die Reichsacht sei angedroht. Vergeblich.

"Während sie nun langsam voranschreiten, fällt ein wilder Haufe von mehr als 200 Bürgern, Gesellen und Knechten über sie her. So eingesperrt zwischen dem äußeren und inneren Tor, ist keine katholische Seele mehr ihres Lebens sicher und jeden Augenblick in Gefahr, niedergeschlagen zu werden. Immer wilder wird nun das Geschrei des dreinschlagenden Pöbels..."

Der, mit Stangen und Schaufeln bewaffnet, auch die Fahnen zerfetzt haben soll. Von Blessuren ist indessen keine Rede.

Gelungene Provokation

Die Stadtoberen schilderten bei späteren Verhören den Hergang weniger dramatisch. Aber das nützte nichts. Kaiser Rudolf II. ließ die Falle zuschnappen und stellte Schwäbischwerd unter Aufsicht des Bayernherzogs Maximilian. Ärger hätte es nicht kommen können, denn damit waren die reichsstädtischen Freiheiten dahin. Als die bayrischen Kommissare im April 1607 anrückten, sahen sie sich einer aufgebrachten Menge gegenüber und wandten sich zur Flucht. Die Vertreibung der Amtspersonen brachte den Schwäbischwerdern durchweg schlechte Noten ein. Friedrich Schiller, wegweisend dem "Idealen" verpflichtet: "fanatischer Pöbel, fanatischer Haufe." Als habe der Bayernherzog irgend etwas "Gutes" im Sinn gehabt. Der "Pöbel" wusste genau, was es war: Steuern eintreiben. Und auch, dass beim nächsten Mal Militär die Beamten begleiten würde. Aber da waren ja noch die benachbarten protestantischen Fürsten, die würden sie doch nicht im Stich lassen? Ließen sie doch. Eine Intervention barg finanzielle und politische Risiken, da lag es näher, nicht genau hinzusehen.

Die Annexion, mit Mann und Ross und Jesuiten

Der Kaiser sprach die Reichsacht über Schwäbischwerd aus und übertrug dem Bayernherzog die Ausführung. Anfang Dezember 1607 gaben sich die Schwäbischwerder noch wehrfreudig und übten an Gewehr und Geschütz. Aus Nördlingen trafen zwei Wagenladungen Rüstungsgut ein, das war aber auch alles, von protestantischer Seite. Als am 15. Dezember die Alarmtrommel ertönte, fanden sich nur eine Hundertschaft Bewaffnete ein. Auszurichten war ohnehin nichts. Die anrückende bayrische Armee bestand aus 6.000 Mann zu Fuß, 5 Kompanien zu Pferd und der Leibgarde des Herzogs. Dazu rollten 12 Geschütze an, 80 Wagen mit Munition und Sturmgerät, und etliche Kutschen, in denen bayrische Verwaltungsbeamte und Jesuiten anreisten. Ein schreckliches Aufgebot, insgesamt. Die Bürger wählten einen neuen Rat, der die Stadt übergab.

Umverteilung von Hab und Gut

Der Rest war Routine. Die Besatzung machte sich in den Häusern breit, die "Rädelsführer" und "Aufrührer" wurden verhaftet und "leiblich" bestraft. Ihr Vermögen ging größtenteils an den bayrischen Fiskus. Um die evangelische Pfarrkirche kümmerten sich die Jesuiten, ihre Beschlagnahme erfolgte bald darauf mittels einer Rechtsbeugung. Die Besiegten blieben indessen standhaft, als sie auf höhere Weisung zum Wechsel der Konfession gedrängt wurden. Lieber nahmen sie lange Wege und Passgebühren in Kauf, um benachbarte protestantischen Kirchen aufzusuchen, als sich katholisch taufen, trauen oder beerdigen zu lassen. Aber mit der reichsstädtischen Herrlichkeit war es vorbei, und nicht einmal Schwäbischwerder durften sich die Schwäbischwerder fortan nennen. Der Herzog, dem sie nun untertan und steuerpflichtig waren, verpasste der Stadt, die jetzt ihm gehörte, den Namen Donauwerd.

Methode typisch

Man kann den Gewaltstreich durchaus als ein Vorgeplänkel des 30jährigen Krieges ansehen: Eine Stadt war unter Vorschützung von Glaubensgründen annektiert worden, im Zusammenspiel zwischen dem Kaiser und einem Fürsten. Da ihr Vorgehen Methode erkennen ließ, lösten die Nachrichten aus Schwäbischwerd im Reich erhebliche Unruhe aus.

ALTE RECHNUNGEN

Die rabiate Annexion von Schwäbischwerd und die fadenscheinige Begründung erweckte im protestantischen Lager nun doch einigen Argwohn. Die Gegenreformation war offenbar doch nicht nur gegen die evangelischen Untertanen katholischer Landesherren gerichtet. Was man lange verdrängt hatte, kehrte schmerzlich ins Bewusstsein zurück: 1555 zu Augsburg hatten die Verlierer, Kaiser und Kirche, auf die Rückgabe der säkularisierten geistlichen Güter verzichtet, aber nur unter Zwang und somit nicht endgültig. Fragen über Fragen: War Habsburg nur wegen seiner auswärtigen Verwicklungen und Kriege davon abgehalten worden, an der inneren Front zu mobilisieren, gegen die "Räuber, Aufrührer, Rebellen, Ketzer..."? Sollte sie jetzt losgehen, die militärische Gegenreformation? War die Annexion der protestantischen Stadt ein "Signal"? Ja, befanden die evangelischen Stände aber reagierten nur zaghaft mit einem Protest. In einem Schreiben im Februar 1608 warfen sie der Gegenseite Rechtsbruch vor und forderten die Rücknahme aller Maßnahmen. Dem Kaiser hielten sie zugute, er sei falsch informiert worden, was auch zutraf. Die Juristen der Protestanten gaben auf etlichen Seiten ihr Bestes, beriefen sich eifrig auf den Augsburger Religionsfrieden, aber es half nichts. Warum sollte der Herzog eine wertvolle Stadt wieder herausrücken? Wegen eines "Friedens" der im Grunde das größte Übel war? Das war nicht der Zweck der Übung.

FRONTENBILDUNG

Erneuter Anschlag und die Folgen

Auf dem Reichstag in Regensburg brachten im Februar 1608 katholische Fürsten den Antrag ein, die seit 1552 eingezogenen Kirchengüter seien zurückzugeben. Jetzt hatten es einige doch eilig. Nur neun Tage später schlossen im Kapitelsaal des säkularisierten Klosters Auhausen bei Nördlingen sechs protestantische Landesherren ein Verteidigungsbündnis: Die "Protestantische Union". Es waren zunächst nur die "Frontstaaten" Kurpfalz, Neuburg, Ansbach, Kulmbach, Baden-Durlach und Württemberg, die vereinbarten, jeder Angriff auf einen Vertragspartner sollte gemeinsam abgewiesen werden. Sie betonten in der "Unionsakte" ihre Friedensliebe und ihren Gehorsam gegenüber dem Kaiser, waren aber beunruhigt wegen der Meldungen, nach denen:

"In der Nachbarschaft allerhand heimliche und öffentliche Kriegsrüstungen vorgehen und laut der Zeitungen im vollen Anzug sein sollen."

Vorwärtsverteidigung

Die bei der Verteidigung ihrer Territorien und damit auch "Teutscher Kurfürsten und Stände Freiheit" entstehenden Kosten sollten je nach Vermögen als "Anlage" eingebracht werden. Aber auch ein Abwehrkrieg kann ja bei günstigem Verlauf zu Eroberungen führen. Daran hatten die Herren durchaus gedacht:

"Die Städte, Schlösser, Festungen oder andere liegenden Güter, große Geschütze und dergleichen, soll jeder zunächst in Händen behalten und wenn nicht alsbald, so doch nach Ausgang des Kriegs unter den unierten Ständen, nach Höhe eines jeden Anlage, gleich ausgeteilt werden."

Kursachsen war gegen das Bündnis und blieb es lange. Als der 30jährige Krieg begann, marschierte es in Böhmen ein, mit dem Kaiser verbündet gegen die protestantischen Stände, also die "Glaubensbrüder".

Das Kloster Auhausen und die sogenannten Bauernkriege

Der Besuch lohnt, wenn man ohnehin im Schwäbischen unterwegs ist. Die Klosterkirche steht noch, den Schlüssel gibt's im Pfarrhaus. Die Geschichte des Klosters ist exemplarisch. 1525 haben aufständische Bauern das Kloster geplündert und den Chor des Kirche verwüstet. Im Gestühl gibt es tatsächlich noch Spuren des Bauernkriegs: Die in Holz geschnitzten Apostel haben keine Nasen mehr!

Selbst Schuld

Der Abt in seiner Not bat um Hilfe, bei Gott wahrscheinlich, und um sicherzugehen auch beim Landesherren. Die Landsknechte des Markgrafen von Ansbach wüteten dann auch schrecklich unter den Bauern, was aber dem Abt und seinen Mönchen nichts nutzte. Ein schönes Kloster, befand der protestantische Landesherr und nahm es selbst in Besitz, ordentlich, ungestraft. Was hatten die Bauern nur falsch gemacht? Die Klosterkirche, Wirtschaftsbetrieb zur Einsammlung der geldlichen Altar- und Messopfer, wurde nun als Scheune benutzt. Die sie füllten, blieben Leibeigne, auch unter protestantischen Herren. Leibeigenschaft bedeutete kurz gesagt: Ein Minimum an Rechten, ein Maximum an Pflichten. Bei der Niederschlagung der rebellieren Bauern kannten weder protestantische noch katholische Machhaber Erbarmen. Die Bauern hatten - von reformatorischen Geistlichen ermutigt und angeleitet - für eine Reform der Besitzverhältnise und des Abgabenwesens zu ihren kampftauglichen Gerätschaften gegriffen. Wenn Besitz ganz allgemein zur Dispostion gestellt werden soll, sind sich die Besitzenden sich schnell einig, selbst wenn sie ansonsten verfeindet sind. Sie handeln als Klasse, und in diesem Fall besonders exemplarisch. Gegen ihre bestens ausgerüsteten Söldnerarmeen hatten die Bauern keine Chance. Von Schlachten kann keine Rede, sein, eher von Abschlachten, der abschreckenden Wirkung wegen angeordnet. Klassenkampf also ja, aber kein regulärer Krieg, daher ist die Bezeichnung Bauernkriege irreführend. Auch im 30jährigen Krieg wurde den Bauern christliche Nächstenliebe nicht zuteil. Von keiner Seite. Bauern kamen zu Millionen zu Tode, Söldner zu Zehntausenden, überwiegend Bauernsöhne. Die Bauern wurde als Klasse ruiniert, und mit ihren Abgaben haben sie ihren Ruin auch noch selbst finanzieren müssen.

Die Bauern ohne Anwalt

Der Krieg soll sich selbst ernähren, beschieden die Potentaten. Fressen wird er die Bauern, ohne dass die Partei ergriffen, die sich als Angehöriege der geistigen Elite verstanden, ob Humanist, Jesuit, ob Kalvinist oder Lutheraner oder was auch immer. Dumm und schmutzig, eher den Tieren ähnlich, das war der Bauer in den Augen der Gebildeten, der Wohlgenährten.
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EUROPA: WER MIT WEM GEGEN WEN

Außer Spesen ...

Die Führung der Union oblag dem trunksüchtigen Kurfürsten Friedrich IV. von der Pfalz. An dessen Hof zu Heidelberg hatten kalvinistische Berater wie Christian von Anhalt schon länger Pläne geschmiedet und diplomatische Drähte gezogen. Überzeugt, dass eine militärische Gegenreformation drohte, bereiteten sie keineswegs nur ihre Abwehr vor. Ihr Programm, Gegenstück des jesuitischen, hatte die weitmöglichste Schwächung des Hauses Habsburg zum Ziel. Und daran waren auch auswärtige Mächte mehr oder weniger interessiert, wobei sich die meisten von Spanien bedroht fühlten. Etwa Frankreich, die abgefallenen Niederländer, England, Schweden, Dänemark, Venedig und sogar der Papststaat, der von den spanischen Besitzungen in Italien eingeschnürt wurde. Ungeheure Spesen wurden von hin- und herreisenden Gesandten gemacht, die diverse Pakte herbeiführen oder verhindern sollten. Es kam jedoch nichts dabei heraus, weil sich die Interessen schier unentwirrbar überkreuzten. Wenn das Thema Kriegskosten zur Sprache kam, deutete jeder Anwärter für eine antihabsburgische Allianz auf den anderen.

Politische Eheanbahnung

Im Herbst 1608 begann der pfälzische Hof, eine Ehe zwischen Jungfürst Friedrich und Elisabeth, einer Tochter Jakobs I., einzufädeln. Sie sollte auch zustande kommen, aber der englische König hatte keineswegs die Absicht, sich vor den kurpfälzischen Karren spannen lassen.

IST ER DA DER GROSSE KRIEG?

Land zur Disposition

Im März 1609 schließen die niederländischen Generalstaaten und Spanien einen Waffenstillstand für 12 Jahre. Ein Signal für Frieden? Mitnichten. Es gibt noch eine Hängepartie wegen der Erbfolge im konfessionell gespalteten Territorium Jülich-Kleve. Als der Landesherr im März stirbt, begibt sich halb Europa in die Startlöcher, als wolle man schon mal üben. Der Habsburger Erzherzog Leopold, Erzbischof auch zu Passau und Salzburg, hält im Pakt mit katholischen Fürsten und Spanien die Festung Jülich, damit das Territorium nicht an einen protestantische Bewerber falle. England, Frankreich und die abgefallenen Niederländer treten auf der Gegenseite an, wegen befürchteter spanischer Gelüste vor allem.

Die Union wird mutig

Man kann den Potentaten beider Lager alles mögliche unterstellen, aber direkt kriegslüstern waren sie nicht. Die Sorge um die Kasse, ihre wertvollen Kanonen und die schwer durchschaubaren Absichten der Bündnispartner dämpfte die Gewaltbereitschaft. Verringerte sich aber das Risiko durch mächtige Verbündete, nahm der Mut beträchtlich zu. Das ist nun der Fall, als sich die antihabsburgische Allianz unter Mitwirkung Frankreichs abzeichnet. Inzwischen durch Brandenburg, Hessen-Kassel und weitere Reichsstädte verstärkt, beschließt die Union nach langer Debatte auf dem Unionstag in Schwäbisch Hall im Februar 1610, eine Truppe zur Unterstützung der protestantischen Anwartschaft nach Jülich zu entsenden.

Vorm Einsturz, das Haus?

Ein Beobachter der Verhandlungen in Schwäbisch Hall schreibt am 12. Februar an den König von Frankreich (Heinrich der IV., jener berühmte, der Katholik wurde, um König zu werden).

"Wir sind bei dem Augenblick angelangt, welcher über die Geschicke des Hauses Österreich entscheidet."

Steht schon vor der Tür, der große Krieg, den viele für unvermeidlich halten?

KÖNIG TOT - KRIEG VERSCHOBEN

Mit einem Heer von 34.000 Mann wollte Heinrich die finale Operation gegen Habsburg mit einem Schlag gegen die noch spanischen Provinzen der Niederlande eröffnen, von Jülich aus. Das Schicksal des großen Planes wurde indessen nicht auf dem Schlachtfeld entschieden, sondern durch den Dolch des Mönches Ravaillac, der am 14. Mai 1610 in den Leib Heinrichs IV. fuhr. Doch selten werden Grundantagonismen durch "persönliche" Lösungen aus der Welt geschafft. Den großen Krieg um Land und Leute hatte der Mord nur wieder auf Eis gelegt und das Vorhaben der Unierten nahm wieder kleinstaatliche Züge an.

Hauptfeind, die Bauern


Der Krieg ist da, wo die Söldnertrupps stehen oder marschieren. Das Aufgebot der Union hauste in den Bistümern Speyer, Mainz und Worms nach Auskunft eines Augenzeugen "schrecklich und grausam." Auch die Untertanen des Fürstabtes von Bamberg und des Fürstbischofs von Würzburg wurden "beraubt und geschatzt". Aus Westfalen schriebt der hessische Gesandte Zobel:

"Die Untertanen sind bis auf die letzten Knochen ausgemergelt und so erschöpft, dass sie alles verlassen und weglaufen. Blut und Armut des geplagten Volkes schreien zum Himmel."
Ravaillac Chrsitian von Anhalt Tilly, General im Dienste Maximilians von Bayern und der
katholischen
Liga
Ravaillac macht sich nützlich -
für Habsburg
Christian von Anhalt, Stratege am pfälzischen Hof
VOM GUTEN HEINRICH UND DEN BÖSEN RÄUBERN

Friedrich Schiller, obwohl im Hause Habsburg das Grundübel der Epoche vermutend, äußerte sich voller Verachtung über die Akteure der Union. Doch den Absichten Heinrich IV. traute er.

"Eine zahlreiche französische Armee, von dem König in Person angeführt, sollte den Truppen der Union am Rhein begegnen und zuerst die Eroberung der jülich-klevischen Lande vollenden helfen, alsdann in Verbindung mit den Deutschen nach Italien rücken (wo Savoyen, Venedig und der Papst schon einen mächtigen Beistand bereit hielten), um dort alle spanischen Throne umzustürzen. Diese siegreiche Armee sollte dann von der Lombardei aus in das habsburgische Erbteil eindringen und dort, von einem allgemeinen Aufstand der Protestanten begünstigt, in allen seinen deutschen Landen, in Böhmen, Ungarn und Siebenbürgen, das österreichische Zepter zerbrechen... Heinrich der Vierte hatte seinen Plan als Staatsmann und König entworfen, aber er hatte ihn Räubern zur Ausführung übergeben... Wie Raubadler legten sie sich über die Länder der geistlichen Fürsten und erwählten sich, koste es auch einen noch so großen Umweg, diese fetten Triften zu ihren Lagerplätzen. Als wäre es im Feindeslande, schrieben sie Brandschatzungen darinnen aus, bezogen eigenmächtig die Landesgefälle und nahmen, was gutwillig nicht gegeben wurde, mit Gewalt..."

ATHEMPAUSE

Das Korps der Verbündeten (Frankreich, niederländische Generalstaaten, England und Union) ging vor der Festung Jülich in Stellung, woraufhin der Erzherzog Leopold am 1. September kapitulierte. Nach Aushandlung brüchiger Kompromisse flauten die militärischen Operationen ab. Trotz der eingetriebenen Kontributionen waren die Kassen leer und das antihabsburgische Bündnis wusste nicht so recht, wie es weiter gehen sollte.
Am 19. September erlag das Haupt der Union, der pfälzische Kurfürst Friedrich IV. den Folgen seines ausschweifenden Lebenswandels. Sohn Friedrich war noch zu klein, und um die vormundschaftliche Regierung stritten sich sogleich zwei Pfalzgrafen. Das "katholische" Lager hatte sich nicht zur gemeinsamen Abwehr formiert und die Union zerbröselte alsbald. Das allgemeine Paktieren zur Neusortierung der Lager verschaffte Land und Leuten eine Atempause.

LIGA GEGEN UNION

Durch die Aktivitäten der Union sahen sich die wichtigsten katholischen Fürsten im Juli 1609 genötigt, in München ein Gegenbündnis ins Leben zu rufen: die Liga. Der bayrische Herzog Maximilian, Erzbischöfe, Bischöfe und Fürstäbte rauften sich auch nicht leichter zusammen als ihre Gegenspieler, dazu gab es Irritationen mit den Habsburgern, die nicht hinzugebeten worden waren. Maximilian zierte sich eine Weile, ließ sich dann aber doch zum Direktor der Liga ernennen. Wie in der Union wurde getagt, geschrieben und geschachert, gab es Ein- und Austritte. Im April 1610 hatte noch keiner der durchaus betuchten Fürsten seinen Obolus an die Bundeskasse entrichtet. Der Papst und Spanien ließen ausrichten, Geld sei nur zu erwarten, wenn Habsburg die Leitung übernehmen würde.

Im Dezember 1609 bemerkte Christian von Anhalt zur Liga:

"Sie ist mit der unseren weder in der Materie noch in der Form zu vergleichen, und sie lassen ihre Imbezillität durchaus verspüren."

Da hat er sich geirrt, der Christian. Wer der Dumme sein würde, sollte sich noch zeigen.

Ein Trio mit Zukunft

Spanien versprach schließlich 30.000 Dukaten monatlich einzuschießen, nachdem Erzherzog Ferdinand zum Mitdirektor ernannt worden war. Der Bundestag der Liga in München beschloss im August, eine Armee mit 15.000 Mann zu Fuß und 4.000 zu Pferd anzuwerben. Zum Feldmarschall wurde Tserclaes Freiherr von Tilly ernannt. Das Trio, das im ersten Abschnitt des 30jährigen Kriegs so erfolgreich agieren wird, hatte sich zusammengefunden: Ferdinand, Maximilian und Tilly. Schon die erste Drohgebärde war wirksam. In einem Schreiben an die Union verurteilte die Liga die Verwüstungen in den geistlichen Fürstentümern und forderte sofortigen Truppenabzug und Schadenersatz. Eine Gesandtschaft der Union begab sich im Oktober nach München und handelte einen Vergleich aus: Entwaffnung und Rückzug aller Truppen und gütliche Regelung der Schäden.

Politische Lösung?


Der Abzug erfolgte, schon aus Kostengründen, zur Entschädigung kam es nie. Ein gewisses Gleichgewicht war hergestellt, ein Krieg schien vermeidbar. Die milde Verhandlungsführung Maximilians ließ nicht auf Absichten der Liga schließen, wegen der geistlichen Güter militärisch aktiv zu werden. Die Diplomaten reisten wieder, die Kanzleischreiber waren beschäftigt. Intellektuelle beider Lager publizierten eine Flut von Hetzschriften gegen die jeweils andere Partei: Den eigenen Herren ginge es nur um den Glauben, die gegnerischen schützten es nur vor etc.

Friedensbewegung

Aber es gab auch zum Frieden mahnende Artikel in den entstehenden Gazetten. Und einige Potentaten befiel nun die Furcht, sie könnten zwischen die Fronten geraten, sahen auch ein, dass es hier nichts zu gewinnen gab, sondern große Verluste drohten. Wie weit sie dabei an ihr eigenes Wohl dachten, und wie weit an das ihrer Untertanen, lässt sich nicht ermitteln. Jedenfalls strebten die geistlichen Kurfürsten von Köln und Mainz, der Kurfürst von Sachsen, der Herzog von Hessen-Darmstadt und der Herzog von Braunschweig (lutherisch verfasst) im Oktober 1610 ein Bündnis zu Erhaltung des "Religions- und Landfriedens" an. Gedacht als eine Art Puffer von Gemäßigten zwischen den kalvinistischen und gegenreformatorischen Blöcken. Dieses Vorhaben, das bei Gelingen manches erspart hätte, unter anderem auch diese Lektüre, scheiterte am Sinneswandel des sächsischen Kurfürsten, der am Ende meinte, Neutralität würde ausreichen. Das war auch weniger mühsam und zudem billiger, wie es schien.

KRIEGSWILLIGE


Sondiert aber wurden nicht nur die Verhinderung eines Krieges, sondern auch Bündnisse, um ihn führen zu können. Denn es galt als sicher: Spanien wollte mit allen Mitteln die "abgefallenen" niederländischen Provinzen zurückerobern. 1621 würde der Waffenstillstand auslaufen. Also Frieden, wenigstens bis dahin? Als 1609 Europa gebannt die Händel im Zentrum Deutschlands verfolgte, hatte sich im Königreich Böhmen ein neuer "Abfall" angebahnt.
Erzherzog Matthias Kaiser Rudolf II: Majestätsbrief
Erzherzog Matthias, will König von Böhmen werden Kaiser Rudolf II. sein Bruder, will König von Böhmen bleiben Der Majestätsbrief - eine Art Stände-Verfassung
Der "Bruderzwist"

Im Hause Habsburg ging es nicht zu wie bei feinen Leuten, und auch die Liebe zum Katholizismus hatte ihre Grenzen. 1608 rüstete Erzherzog Matthias gegen seinen Bruder, Kaiser Rudolf II., gemeinsam mit protestantischen Ständen, um ihn zur Abtretung von Ungarn, Mähren und dessen Österreichischen Erblanden zu zwingen. Was in Europa Rang und Namen hatte, mischte auch hier diplomatisch mit. Als sich die überkonfessionelle Truppe der Umstürzler bis kurz vor Prag durchgeplündert hatte, unterschrieb Rudolf II. den Abtretungsvertrag. Matthias wollte mehr und drängte die protestantischen Stände Böhmens, Rudolf zu entthronen. Die aber nutzten die Gunst der Stunde und holten Angebote von beiden Seiten ein. Den Zuschlag erhielt Rudolf, weil er den Ständen die Verbriefung von politischen und religiösen Freiheiten versprach. Jetzt kamen die Brüder erst richtig in Fahrt. Matthias wollte Böhmen, Rudolf wollte die Abtretung annullieren. Beide verhandelten mit der protestantischen Union zwecks eines Bündnisses. Überhaupt verhandelte jeder mit jedem. Die Interessen überlagerten sich, der Versuch einer Entwirrung würde Bände füllen und wenig bringen, außer der Erkenntnis, dass jeder um des geringsten Vorteils willen bereit war, dem anderen in den Rücken zu fallen, ob Religions- oder Blutsverwandter. Am erfolgreichsten verhandelten die böhmischen Stände.

Der Majestätsbrief, zum ersten

Im allgemeinen Gedränge gelang es den böhmischen Ständen, ihre vorwiegend absolutistische Verfassung gegen eine weitgehend ständische auszutauschen. Ohne Krieg führen zu müssen, wie die Niederländer. Zunächst wenigstens. Am 9. Juli 1609 unterschrieb Rudolf II. den sogenannten "Majestätsbrief". Dieser garantierte vor allem die Freiheit der Konfession, diverse Besitzstände und das Recht der Stände, den König zu wählen. Dieser Vertrag sollte enorme Folgen haben, wurde aber zunächst nicht allzu ernst genommen. Zu viele Abmachungen wurden gebrochen, kaum dass sie unterschrieben waren. Etwa die zwischen Matthias und Rudolf, in dem eine Versöhnung vereinbart wurde nebst Entlassung der geworbenen Truppen.

Ein Feldzug, schon typisch

Im Herbst 1610 warb Erzherzog Leopold in Passau neue Truppen für Rudolf an, ohne sie zu bezahlen. Die Söldner begannen gleich hinter Passau mit dem Plündern und zogen dann eine Schneise der Verwüstung bis Österreich, und von da nach Prag. Erzherzog Leopold, der auch Bischof war, legte dort das Hirtengewand ab, übernahm den Oberbefehl über die Soldateska und focht um Böhmens Krone nunmehr in eigener Sache. Die Truppen der böhmischen Stände versuchten den Einmarsch zu verhindern, mussten aber die Prager Kleinseite aufgeben und zogen sich kämpfend in die Altstadt zurück.

Enthemmung

Im allgemeinen Tumult zeigten die antikatholischen Hetzschriften Wirkung: Mit allerlei Schlaggerät bewaffnete Zivilisten plünderten Klöster und Kirchen und schlugen allein im Franziskanerkloster zur Maria-Schneekirche 14 Mönche tot. Vor dem Jesuitenkolleg verhinderte die Reiterei der protestantischen Stände weitere Exzesse. Es war, nimmt man alles zusammen, eine schöne Ouvertüre für das, was später als Glaubenskrieg in die Geschichte eingehen sollte.

Der Majestätsbrief, zum zweiten

Schließlich sagte Matthias den Ständen die Einhaltung der im Majestätsbrief verbrieften Bestimmungen zu (3. Juni):

"Unseres geliebten Herrn Bruders und Kaisers Rudolphi... von sich gegeben Verschreibungen ohne Widerspruch und allerhand Verhinderung nachzukommen, dieselben wirklich zu halten und zu beschützen."

Die Stände stimmten im Gegenzug seiner Erhebung zum böhmischen König zu. Rudolf musste abdanken, fluchend, wie kolportiert wird. Die Feder, mit der er unterschrieb, soll er hinterher zerbissen haben. Am 23. Mai 1611 wurde Matthias schließlich gekrönt.

Bis zum letzten Atemzug

Rudolf gab nicht auf und streckte sogleich diplomatische Fühler nach der protestantischen Union aus, um mit ihrer Hilfe das Verlorene wieder zu gewinnen. Im Vorzimmer könnte es zu Begegnungen mit den Abgesandten von Matthias gekommen sein, die wegen der anstehenden Kaiserwahl vorsprachen. So ging es weiter und weiter bis Kaiser Rudolf dem Hickhack um die böhmische Krone ein Ende machte, indem er am 20. Januar 1612 hinschied.

Kaiserwahl

Wieder mischten alle mit, rechneten sich Vorteile bei diesem oder jenem Kandidaten aus, machten Zusagen, drohten. Einige scheuten weder Spesen noch Porto, um Matthias auszubooten. Vergeblich. Am Ende war er es, der das Meiste versprach, und zwar jedem. Den geistlichen Kurfürsten ließ Matthias zustecken, er pflege eifrig die Andachten, und er habe versucht, den Majestätsbrief zu verhindern. Seine Zugeständnisse an die Protestanten seien:

"Nur ein Werk der Not und nicht für die Erben und Nachfolger verbindlich."

Auf zum Tanz

Am 13. Juni 1611 wählten die Kurfürsten in Frankfurt am Main Matthias zum Kaiser, und nach der Krönung im Dom ging es auf dem Römerberg und im Kaisersaal nach altem Brauch recht ausgelassen zu. Beim Ringelreihn tanzte sich Majestät gar bis zur Gattin des pfälzischen Regierungschefs durch. Ein Bild des Friedens. Union und Liga, eben das, was sich schlägt und verträgt. Kaum war das Fest verlaufen, gingen sie daran, sich für die nächste Runde zu rüsten, bauten Festungen, orderten Kriegsgerät, musterten Söldner, schmiedeten Bündnisse. Es war ein Pergament, das zur Lunte wurde, am Pulverfass Europa.

DER MAJESTÄTSBRIEF

Wahlrecht garantiert

Rudolf II. hatte den protestantischen Ständen Böhmens neben anderen "ständischen" Privilegien das Recht eingeräumt, den König zu wählen. Ein Skandal vor allem für die spanische Linie des Hauses Habsburg, die sich im Erbbesitz der böhmischen Lande wähnte.

Kirchenbau erlaubt

Den Protestanten war nunmehr erlaubt, nach Belieben Gotteshäuser und Schulen in Städten und auf dem Land zu errichten.

Schluss mit der Gegenreformation

Da katholische Adlige in Böhmen ihre Untertanen gewaltsam "bekehrt" hatten, setzten die Stände auch die Forderung durch:

"Niemand soll von geistlichen oder weltlichen Personen von seiner Religion abgedrängt und zu einer anderen Religion durch Gewalt oder eine andere ersonnene Art gezwungen werden."

Geistliche Güter garantiert


Auch über Kirchengut, das sich Protestanten während der langen böhmischen Reformationsgeschichte angeeignet hatten, gab es eine Bestimmung:

"Kirchen und Gotteshäuser, welche sie jetzt besitzen und ihnen vorher zuständig gewesen, sollen ihnen friedlich gelassen und geschützt werden."


Das schiere Gegenteil stand auf dem Programm der "Falken", aber sie waren zunächst nur mäßig beunruhigt. Die lockere Art, mit der Matthias bislang Verträge gehandhabt hatte, ließ sie hoffen. Überdies war ja die Kassierung des Majestätsbriefs ein Wahlversprechen von Matthias. Der aber hatte erreicht, was er wollte, und machte gar nichts. Selbst schuld, wer dem Gerede von Wahlkämpfern glaubt.

STAGNATION UND SORGEN

Fauler Kaiser, lascher Bischof

Zeitgenossen beschreiben den nunmehrigen Kaiser als gemütlichen Herren im Alter von 55 Jahren, der gerne Pracht entfaltete, kostspielige Vergnügungen liebte und stets verschuldet war. Vom Regieren ließ er fortan in richtiger Selbsteinschätzung die Finger. Sein Kanzler, Bischof Klesl, bestimmte des weiteren die Richtlinien der Politik, und zwar moderate. Das trug ihm prompt die Schelte beider Lager ein. Herzog Maximilian: "Religionsschädliche Umtriebe." Die Union: "Falscher Pfaffe." Unentwegt taten sie so, als ginge es um den Glauben. Politiker sind eben so.

Worum ging es Habsburg?

Das Hauptproblem im Hause Habsburg war die Nachfolge von Kaiser und König Matthias, dessen Lebensfaden immer dünner wurde. Die Vakanz im Reich machte weniger Sorgen. Wie aber den richtigen Mann auf den böhmischen Thron bringen? Erzherzog Ferdinand, wie erinnerlich ein ausgewiesener Gegenreformator, war den böhmischen Ständen nur schwer anzudienen. Matthias ließ mit ihnen verhandeln, und das alte Spiel wiederholte sich. Die Stände gaben nach, als Ferdinand zusagte, sich an die Bestimmungen des Majestätsbriefs zu halten, und designierten ihn am 29. Juni zum König. Das blieb zunächst folgenlos, und sie hatten Zeit gewonnen.

Worum ging es den protestantischen Ständen?

Den Ständen war klar, dass Ferdinand nicht im Traum daran dachte, sich an die Bestimmungen des Majestätsbriefs zu halten. Sie planten daher, die Designation zu annullieren, um sodann den schwerreichen böhmischen Adligen Albrecht Jan Smirický zum ihrem König zu wählen - also einen der ihren! Sie wollten also mit dem Wahlkönigtum tatsächlich Ernst machen und nicht mehr "ausländische" hochadlige Erben lediglich bestätigen. Das war nun wirklich "revolutionär" in dieser stockaristokratischen Welt, ein zweites Menetekel nach dem "Abfall" der niederländischen Nordprovinzen. Und ein Kriegsgrund allemal. [h1]

Worum ging es Spanien?

1621 würde der Waffenstillstand mit den niederländischen Generalstaaten auslaufen. Wie sollte Spanien, das zur See mehrfach geschlagen worden war, seine Truppen in die Niederlande transportieren? Es blieb nur der Landweg, aber wie ihn sichern?

Krieg in Prag Kaiser Rudolf tot Kaiser Matthias Krönung
Flugblatt: Einfall des Passauischen Kriegsvolks in die kleine Stadt Prag Anno MDC.XI. Kaiser Rudolf, Flugblatt: In Gott verstorben traurig bleich, das edel Blut von Österreich Krönung Matthias, Flugblatt: Viel Gold und Silber gut / unter das Volk man werfen tut

KRIEGSVORBEREITUNG: DER OÑATE-VERTRAG

Spanien wird in der ersten Phase des 30jährigen Krieges eine entscheidende Rolle spielen, mit Truppen und Geld, planend und ausführend. Wichtigstes Dokument für die strategischen Ziele des spanischen Hofs ist ein Vertrag, den sein Gesandter, Graf Oñate, in Prag mit Ferdinand aushandelte. Er verknüpfte zwei Gefahrenherde aus spanischer Sicht: Böhmen und die abgefallenen niederländischen Provinzen.

Königreich Böhmen gehört Spanien


Böhmen und Ungarn waren durch die verzwickte Heirats- und Erbpolitik der Habsburger im 16. Jahrhundert an die spanische Linie des Hauses gefallen und an die österreichische quasi nur ausgeliehen. So jedenfalls nun die spanische Auslegung, um daraus Kapital zu schlagen.

Ferdinand, der richtige Mann

Der Oñate-Vertrag, der am 6. Juni 1617 in Prag vorlag, behandelte:

"...die künftige Sukzession in Ungarn, Böhmen und dero dazugehörigen Provinzen... und deren Abtretung durch Ihr. Königl. Majest. in Spanien (Philipp III.) an seinen Vetter den Erzherzog Ferdinand."

Es geht um mehr

Nichts ist umsonst, auch nicht unter Vettern. Als Gegenleistung verlangte der spanische Hof:

"Eine Kompensation und Wiedergeltung soll dagegen angestellt werden, in einer Österreichischen Provinz, die man begehren würde..."


Der Vertrag wurde von dem dazu ausdrücklich bevollmächtigten Grafen Oñate im Prager Schloss unterschrieben.

Welche Provinz?

Auf welche Provinz Spanien scharf war, verschweigt der Text. Die Auswahl war groß: Was die Österreicher so besaßen und Ferdinand zufallen würde, geht aus dem Titel von Matthias hervor (kleinere Territorien ausgelassen):

"Von Gottes Gnaden erwählter Kaiser in Germanien, König zu Ungarn, Böhmen, Dalmatien, Kroatien und Slowenien, Erzherzog von Österreich, Herzog von Burgund, Brabant, Steiermark, Kärnten, Krain, Württemberg, Ober- und Niederschlesien, Fürst zu Schwaben, Markgraf zu Mähren, Ober- und Niederlausitz, gefürsteter Graf zu Habsburg, Tirol, ... und Landgraf in Elsass."

Geheimer Zusatz

Es ging um die Provinz Elsass. Ferdinand ratifizierte eine geheime Bestätigung am 29. Juli 1617. Er betonte zwar, Böhmen und Ungarn betreffend ohnehin erbberechtigt zu sein, sagte aber zu, die Abtretung des Elsass an Spanien vorzubereiten.

Landweg in die Niederlande

Warum ausgerechnet das Elsass und warum geheim? Das Elsass, weil damit der Landweg in die Niederlande halbwegs in spanischer Hand war. Es fehlte noch die Rheinpfalz, über die inzwischen der junge Kurfürst Friedrich V. herrschte. Da würde man sehen müssen. Und geheim, weil man Kriegsvorbereitungen eben geheim hält.

Hauptquelle für die folgengenden Kapitel: Theatrum Europaeum.

Mehrbändige Chronik, verlegt von Matthäus Merian in Frankfurt. Als Autor der beiden ersten Bände zeichnet Johann Philipp Abelinus. Er sammelte während des Krieges Akten, Briefe, Flugschriften, Flugblätter und Zeitungen, die er für seine Chronik kompilierte oder abschrieb. Der Autor war Protestant, bemühte sich aber um Neutralität. Das Vorgehen der politischen Führer beider Lager beschrieb er völlig unkritisch, das Treiben der von ihnen angestellten Militärs hielt er beiderseits für ungut. Im folgenden werden vor allem Stellen zitiert, die "aktuell" klingen, also wahrscheinlich aus Zeitungen oder Flugschriften abgeschrieben wurden. Sie vermitteln einen Eindruck über die damalige Publizistik, die mit ähnlicher Vorsicht zu genießen ist, wie die heutige.
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